Brauereien in Not: Wegen Corona "brennt es lichterloh"

Markus Hack
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Politik- und Wirtschaftsredaktion

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3.4.2020, 05:54 Uhr
Die Corona-Krise bedroht die Existenz vieler Brauereien. Einer der Hauptabnehmer, die Gastronomie, fällt im Zuge der Beschränkungen weg.

© Rainer Jensen, NN Die Corona-Krise bedroht die Existenz vieler Brauereien. Einer der Hauptabnehmer, die Gastronomie, fällt im Zuge der Beschränkungen weg.

Fast werden ihre letzten Worte von den Tränen erstickt: In einer emotionalen Videobotschaft verabschiedet sich die junge Chefin der Wernecker Bierbrauerei in Unterfranken von ihrem Unternehmen und den Kunden. Nach über 400 Jahren und viel Auf und Ab sei die Eigentümerfamilie nun zu müde, um noch mal einen neuen Kampf aufzunehmen - den gegen das Coronavirus und dessen Folgen inklusive der vielen abgesagten Bierfeste. Deswegen macht die Brauerei mit ihren 15 Beschäftigten Ende September dicht. Sie ist das erste offizielle Corona-Opfer unter Bayerns Brauereien.

Wie viele in den nächsten Wochen und Monaten noch folgen werden, dazu gibt Georg Rittmayer keine Prognose. Aber so viel ist für den Präsidenten des Verbands der Privaten Brauereien in Bayern, der selbst die Brauerei Rittmayer im oberfränkischen Hallerndorf betreibt, klar: Vor allem für Brauereien, die stark vom Absatz auf Festen leben, kann es eng werden. Wenn diese dann auch noch ihr Flaschenbier durch gut laufende Biergärten subventionieren, hätten sie ein Problem.

Für die meisten seiner 450 Mitglieder ist der Verband, der die Interessen der kleinen und mittelständischen Brauereien vertritt, aber durchaus zuversichtlich. Denn bei vielen sei der Verkauf des Bieres in der Flasche - zu für den Brauer vernünftigen Preisen - eine tragende Säule der Einkünfte. Und hier laufe das Geschäft schließlich.

Leergut fehlt

Das bestätigt auch Christian Schuster, Seniorchef der Forchheimer Brauerei Greif. Das Geschäft mit Fassbier für Feste und Gastronomie liegt zwar komplett darnieder. 70 Prozent des Geschäfts macht Greif aber mit Flaschenbier und das bringt die Brauerei mit ihren 14 Mitarbeitern erst einmal über die Runden. Die für dieses Jahr geplante neue Abfüllanlage und den neuen Lagerkeller hat Seniorchef Schuster aber vorsichtshalber auf 2021 verschoben. Und was ihm akut Sorgen bereitet: Der Brauerei gehen die Kästen aus. Zum Glück treffe bald eine Lieferung frischen Leerguts ein, das Greif schon lange geordert habe. Da Verbraucher aktuell seltener zum Einkaufen gingen, dann aber mehr mit nach Hause nehmen, klagten auch andere Brauereien über mangelndes Leergut, berichtet Verbandspräsident Rittmayer.

Zugleich bemühten sich die Brauereien, ihren Partner-Gastronomen über die Durststrecke zu helfen. Zum Beispiel könne die Pacht ausgesetzt werden, so Rittmayer. Er selbst hilft auch mit Knowhow aus: Einer seiner Mitarbeiter berate die Gastronomen dabei, wie sie Kurzarbeit für ihre Beschäftigten beantragen können. Und auch den eigenen Betrieb hat der Brauereichef und Verbandspräsident möglichst Corona-sicher aufgestellt. Seine 50 Mitarbeiter sind in drei Teams eingeteilt, die sich bei der Produktion nie begegnen. Mit einem Fassbieranteil von 20 Prozent am Absatz und einer relativ geringen Exportquoten ist Rittmayer zuversichtlich, dass er - wie seiner Einschätzung nach viele seiner Kollegen - ordentlich durch die Krise kommt. Abhängig ist das laut Greif-Chef Schuster auch davon, wie lange all die einschränkenden Maßnahmen noch anhalten.


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Walter König, Geschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds, wirkt weniger gelassen. Klar: Grundsätzlich wird Bier natürlich auch zu Coronavirus-Zeiten getrunken. Leider sei das für die Mitgliedsbrauereien in seinem Verband aber kein Grund zum Aufatmen, betont König. Im Bayerischen Brauerbund haben sich vor allem die großen Brauereien organisiert. Und denen sind tragende Säulen des Verkaufs in den vergangenen Wochen weggebrochen. Export zum Beispiel findet aktuell so gut wie keiner statt. Schon vor vier Wochen blieben die Bestellungen aus China aus, gleich danach folgte Italien. Die Länder sind für die bayerischen Brauereien die beiden wichtigsten Absatzmärkte jenseits der Grenzen, erklärt König. Und seit rund zwei Wochen scheidet nun auch die Gastronomie als Vertriebsschiene aus. Im Durchschnitt der Brauereien machen beide Bereiche über 40 Prozent des Bierabsatzes aus.

Düstere Prognose

Diesen drastischen Ausfall könnten auch Verbraucher in den heimischen Getränkemärkten nicht kompensieren, die statt einem nun vielleicht zwei oder drei Bierkästen auf den Einkaufswagen stellen. Aber dass es zu "Hamsterkäufen" bei Bier kommt, das kann König nicht bestätigen. Obgleich die Branche mit diesen durchaus zurecht käme. Es gebe schließlich keinen Mangel an Bier, schon allein deswegen nicht, weil Export und Gastronomie ja leider ausfallen, so König. Und der Ausfall lasse sich später auch nicht wieder hereinholen: "Das ist unwiederbringlich verloren". Auch das Zusatzgeschäft durch die Fußball-Europameisterschaft fällt weg.

Dementsprechend düster fällt die Prognose des Brauerbunds aus. Wegen des Shutdowns brenne es in den Brauereien lichterloh. "Wir befürchten, dass in den kommenden Wochen Gastronomen, aber auch Brauereien den Kampf ums Überleben verlieren werden", teilte Lothar Ebbertz, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes, in einer Pressemitteilung mit.

Zumindest bei einem Problem gibt sich der Brauerbund - im Gegensatz zum Verband der Privaten Brauereien - aber entspannt: Einen Engpass beim Leergut sieht er nicht. Der Appell an die Kunden, die Kästen schnell wieder zurückzubringen, gelte derzeit nicht mehr als sonst, so Geschäftsführer König.

Der Verband der Privaten Brauereien setzt derweil auf die zweite Jahreshälfte. Die Hoffnung: Viele würden wegen Corona keinen Urlaub buchen und blieben stattdessen im Sommer in der Heimat, mutmaßt Verbandspräsident Rittmayer. Und wo gehen sie dann hin? In den Biergarten.


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