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Hilfe in der Coronakrise für Erlanger Bedürftige

Soziale Einrichtungen finden Wege, trotz Kontaktverbot zu unterstützen - 02.04.2020 18:00 Uhr

Die Erlanger Tafel hat in Corona-Zeiten fertige Tüten mit Lebensmitteln gepackt. Denis Mühle (heller Pulli) und Andreas Wiest (mit Schürze) geben die Tüten aus.


Bedürftige und Obdachlose trifft die Coronakrise mit am Allerschlimmsten: Denn sie sind auf soziale und karitative Einrichtungen angewiesen, doch nicht alle dürfen und können weiterhin öffnen wie bisher. Andere müssen ihren Betrieb einschränken, doch helfen wollen sie alle. "Wir halten die Stellung", sagt da Claudia Steubing entschlossen. Gemeinsam mit ihren haupt- und ehrenamtlichen Helfern hält die Leiterin der Bahnhofsmission die Anlaufstelle am Laufen. Die Unterstützung für Zugreisende wurde eingestellt. Auch das Hilfsangebot für Bedürftige am Gleis 1 ist zwar eingeschränkt, doch die Mitarbeiter der Diakonie machen das Beste daraus.

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Die Räume selbst, die für viele der Besucher oft wie das eigene Wohnzimmer ist, dürfen nicht betreten werden. Damit die Bedürftigen aber auch in diesen schwierigen Zeiten nicht auf ein Frühstück oder eine warme Mahlzeit verzichten müssen, gibt es eine improvisierte Ausgabestelle: Im Vorraum steht fast wie bei einem Buffet das Essen zum Abholen bereit, den Frauen und Männern wird einzeln durch das Fenster das Essen gereicht. Die Eingangstür bleibt dabei offen, berichtet Steubing, denn so ist zum einen ein Sicherheitsabstand gewährleistet und zum anderen das "Schnacken" zwischen Mitarbeiter und Gast über zwei Meter hinweg möglich. "Ein paar Worte sind für unsere Gäste ganz wichtig", sagt die Sozialpädagogin, "sie haben ja außerhalb unserer Einrichtung oft keine weiteren sozialen Kontakte."

Alle sind einsam

Ob jung oder alt, Frau oder Mann: Fast alle sind "mehr oder weniger einsam", erzählt Steubing, die als gläubige Christin ihren Dienst in dieser schweren Zeit auch als Akt der Nächstenliebe versteht. "Wir begegnen den Menschen auf Augenhöhe", sagt sie, "und das ist wichtig". Bis zu 20 Menschen kommen jetzt täglich in die Bahnhofsmission, einige rufen bei Gesprächsbedarf an: "Sie reagieren voller Verständnis auf die Situation und sind so dankbar, dass wir für sie weiterhin da sind."

Obdachlose, sagt die Einrichtungsleiterin, gibt es in der Stadt "glücklicherweise" fast nicht; die ein, zwei, die in die Bahnhofsmission kommen, haben sich bewusst für das Leben auf der Straße entschieden: "Einer wurde kürzlich von jemandem eingeladen, in einer freistehenden Wohnung zu übernachten."

"Kein Problem wie in anderen Städten"

Auch Klaus Hiltner, der Leiter der Tagesstätte der Obdachlosenhilfe in der Wilhelmstraße, kurz Willi-Treff, kennt die wenigen Wohnungslosen in der Stadt. "Wir haben hier ja gottlob kein Problem mit Wohnungslosen wie andere Städte", sagt er. Wenn einem Besucher Zwangsräumung droht, greifen der Diakon und seine freiwilligen Helfer meist erfolgreich ein, um das zu verhindern oder für den Betroffenen eine Verfügungswohnung der Stadt zu erhalten. Obwohl die Gäste der Tagesstätte, die von kirchlichen Einrichtungen, Sozialamt und Wohlfahrtsverbänden getragen wird, nicht unter Brücken schlafen müssen, sind die meisten doch in größter sozialer und finanzieller Not. "Die Menschen brauchen uns, sie können sich hier aufhalten, bekommen eine warme Mahlzeit, eine Tagesstruktur und haben jemanden zum Reden."

Ansprechpartner am Telefon

Der „Willi“, die Tagesstätte der Obdachlosenhilfe, ist derzeit geschlossen. © Foto: Sharon Chaffin


Das alles ist jetzt in Zeiten der schlimmen Seuche aber nicht mehr möglich. Die Einrichtung hat seit einigen Tagen geschlossen, Hiltner macht nun Home Office, bleibt über das Telefon Ansprechpartner für Fragen jeglicher Art. Die Besucher, die ohnehin oft labil sind, reagieren in der Situation trotz allem besonnen, erzählt Hiltner. "Schon vorher waren viele unserer Gäste verunsichert und hatten auch ein wenig Angst, gemeinsam mit Dutzenden anderen in unserer Einrichtung zu sitzen." Zumal ein Großteil durch psychische und physische Erkrankungen ohnehin zu Risikogruppen gehört.

Wichtige Anlaufstelle

Bis 19. April soll der "Willi" voraussichtlich zu bleiben – für Hiltner ist das definitiv zu lange, der 62-Jährige möchte das seiner Klientel nicht antun. Daher sucht er bereits nach Lösungen. So denkt er an eine Art "Take away"-Schalter, wo sich Bedürftige Essen etwa durch ein Fenster gereicht abholen können. "Wenn die Krise immer länger dauert", sagt er, "müssen wir so etwas anbieten, sonst kommen unsere Leute nicht über die Runden."

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Auch für die Verantwortlichen bei der Stadt ist eine solche Regelung denkbar. "Genau an solchen Überlegungen sind wir dran", sagt Sozialbürgermeisterin Elisabeth Preuß auf Nachfrage, "aber noch ist dazu nichts entschieden". Ob und wann es (wieder) zu einer Essensausgabe kommen könnte, steht noch nicht fest.

Nur für einzelne und im nötigen Abstand

Hiltners "Willi"-Vorgänger, der jetzige Leiter des sogenannten Fischhäusla, Karl Ostermeier, ist auch in Corona-Zeiten im äußersten Notfall für seine Besucher da – natürlich immer nur für einzelne und mit nötigem Abstand. "Mir ist es wichtig, dass Obdachlose auch jetzt eine Anlaufstelle haben", sagt er. Deshalb versorgt er den einen oder anderen Wohnungslosen, der nun die Räumlichkeiten in der Dechsendorfer Straße besucht, mit wichtigen Lebensmitteln. "Wenn jemand kein Dach über dem Kopf hat, wo soll er denn dann jetzt hin", fragt er.

Viele sind es derzeit nicht, die Ostermeiers Notschlafquartier und Beratungsstelle für osteuropäische Zuwanderer in Anspruch nehmen. Der Obdachlosenverein hat die "Winterschlaf-Saison", wie der Diakon sagt, frühzeitig beendet. Seine Übernachtungsgäste, hauptsächlich Slowaken, hätten ursprünglich Ende März die Einrichtung verlassen müssen, nun sind sie, bevor die Grenzen dicht gemacht wurden, früher in ihre Heimat zurück.

Die Tafel hilft mit Essen

Ähnlich wie die Leiter anderer sozialer Einrichtungen ist auch er derzeit viel am Telefon, um vor allem rumänische Arbeitsmigranten aus Erlangen und Umgebung an fränkische Gemüsebauern zu vermitteln. "Viele dieser Osteuropäer kenne ich schon sehr lange", erzählt Ostermeier, "und deshalb will ich ihnen auch jetzt helfen, da die Corona-Krise die ohnehin schon Bedürftigen noch mehr in finanzielle und soziale Not bringt."

Diesen Armen will auch Elke Bollmann mitsamt ihrem Team der Tafel helfen. Noch vor einigen Tagen wäre das fast nicht mehr möglich gewesen. Denn viele egoistische Kunden fegten mit ihren Großeinkäufen die Regale etlicher Supermärkte leer. Nach einem öffentlichen Aufruf nach Lebensmittelspenden und einer nachlassenden "Hamster"-Mentalität geben jetzt Einzel- und Großhändler, aber auch Privatpersonen wieder Dosen, Gemüse, Milch und vieles Andere an die Bedürftigen in Erlangen und Herzogenaurach ab. Zwar war der Ausgabebetrieb der Diakonie-Einrichtung in den vergangenen Tagen noch immer eingeschränkt, doch auch das soll sich schon bald ändern.

Besondere Regeln auch hier

Natürlich gelten auch in der Tafel nun besondere Regeln: Leiterin Bollmann bereitet mit ihren Ehrenamtlichen die Rationen vor – sortiert nach der Zahl der Personen im Haushalt und den verschiedenen Produktgruppen. Die Bedürftigen, etwa Bezieher von Arbeitslosengeld (Alg) II, Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich oder kinderreiche Familien, holen sich dann einzeln noch am Eingang die Tüten ab: "Jeder hat dann am Ende mehrere in der Hand", berichtet die Leiterin.

Junge springen ein

Ein Sicherheitsdienst sorgt zusätzlich dafür, dass die Abstandsregeln auch strikt befolgt werden. "Es ist einfach toll, dass wir jetzt wieder richtig viel ausgeben können", erzählt Bollmann, "unsere Besucher brauchen das, gerade, wenn ihnen vom kleinen Einkommen jetzt durch die Krise auch noch das wenige wegbricht."

Neben dem Problem der knappen Lebensmittelspenden hat sich noch ein weiteres gelöst: Viele langjährige ehrenamtliche Helferinnen sind schon im Rentenalter, gehören damit zu einer Risikogruppe und müssen daher (vorübergehend) ihren Einsatz einstellen.

Studenten stehen bereit

Bei der Tafel haben sich in den vergangenen Tagen nun ganz viele gemeldet, die einspringen wollen: Berufstätige, die durch die Corona-Krise weniger arbeiten und jetzt mehr Zeit haben. Und junge Studierende, die den Armen helfen und die älteren "Tafel"-Mitstreiter schonen wollen. "Diese Solidarität", sagt Bollmann, "ist großartig."


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