Dienstag, 24.11.2020

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Zurück zur To-Go-Karte: So erleben Fürther Wirte den zweiten Lockdown

Die Gaststätten werden wohl noch eine Zeit lang geschlossen bleiben müssen - 22.11.2020 10:00 Uhr

Schwieriger Start: Bernard Griger-Gugulut hat die „Villenkolonie“ erst in diesem Jahr aufgemacht. Extra für den Corona-Winter hat er den Biergarten zum Zelt umgebaut.

20.11.2020 © Foto: Hans-Joachim Winckler


Wieder ist es still in den Gaststätten, statt Geselligkeit gibt’s seit 2. November Karpfen, Gans und mehr "to go". Viele Wirte hielten es von Anfang an für unwahrscheinlich, dass sie ihre Räume am 1. Dezember wieder öffnen können. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder stimmte die Bevölkerung zuletzt schon auf einen längeren Lockdown ein. Es müsse dann neben November- aber auch Dezemberhilfen geben, sagte er. Wir wollten wissen: Wie geht es Fürther Wirten in diesen Tagen?

Nachdenkliche Schwaben

Es könnte ein Jahr ganz ohne Feste werden – der Gedanke ging Sarah Stutzmann im Mai durch den Kopf, als das Land den ersten Lockdown erlebte: ein Jahr ohne Kommunionen, Konfirmationen, Geburtstage, Firmen- und Weihnachtsfeiern. Vieles war dann im Sommer zum Glück doch wieder möglich. Jetzt aber sieht es tatsächlich nach einer Vorweihnachtszeit ohne Feste aus.

"Bayern ist ja der Hardliner", sagt Stutzmann, die die Gaststätte "Zu den sieben Schwaben" an der Otto-Seeling-Promenade zusammen mit Felix Geismann führt. "Wenn Verschärfungen kommen, dann hier."

Entscheidend für die Gastronomie, glaubt sie, werde nun sein, wie schnell der Staat die versprochene Hilfe – Zuschüsse in Höhe von 75 Prozent des Umsatzes vom November 2019 – zahlt. Und wie die Unterstützung bei einer Verlängerung des Lockdowns aussieht.


Bericht: Lockdown wird verlängert - das sind jetzt die Pläne (Liveticker)


Zuletzt kündigte Wirtschaftsminister Peter Altmaier als ersten Schritt zügige Abschlagszahlungen von bis zu 10 000 Euro an. Das wird nicht allen reichen, um liquide zu bleiben, vermutet Stutzmann. "Ich befürchte, dass etliche Betriebe das nicht überstehen, die Reserven sind ja schon durch den Frühjahrs-Lockdown aufgebraucht."

Ihr selbst haben die zurückliegenden Monate manche Sorgen genommen: "Der Sommer war echt gut." Die "Schwaben" durften wie viele Kollegen die Außenfläche erweitern, so dass – entzerrt – die gleiche Anzahl von Tischen wie sonst zur Verfügung stand. Und die Gäste kamen.

Der letzte Sonntag vor dem Lockdown: Auch zu den "Sieben Schwaben" zog es vor der Pause noch einmal viele Gäste. Das Team freut sich schon aufs Wiedersehen.

22.11.2020 © Ron Hübner


Viele kommen auch jetzt: um das Schäuferla oder den Karpfen abzuholen. Wie schon im Frühjahr bietet das Lokal freitags bis sonntags, von 16 bis 20 Uhr (sonntags auch von 11.30 bis 14.30 Uhr), eine wechselnde To-Go-Karte an. Vorbestellungen sind erbeten, um besser planen zu können. Um fränkische Brauereien in der Krise zu unterstützen, ist auch Fassbier zu haben. Sonntags läuft es wieder super, freitags und samstags sei noch Luft nach oben, sagt die Wirtin.

Das Take-Away-Geschäft hilft, laufende Kosten zu zahlen. "Nach wie vor bin ich beeindruckt von unseren Stammgästen", sagt Stutzmann. "Das ist wirklich niedlich: Viele haben uns gleich gesagt: Wir holen wieder ab!" Unheimlich schön sei es, den Rückhalt und die Anteilnahme zu spüren.


Alles to go: So ging es Fürther Gaststätten im ersten Lockdown


Was sie hingegen ärgert, ist, dass die Politik Entscheidungen gerne abrupt verkündet – vieles aber erst danach geregelt wird und man sich mühsam Informationen zusammenklauben muss. Sie vermisst Konzepte, wie die Gesellschaft auch im Winter mit dem Virus leben kann: Alles wirke getrieben, dabei hatten Experten mit einer zweiten Welle gerechnet. "Ich meine, man hätte da doch Ideen für diese Zeit entwickeln können." Nicht nur für die Gastronomie.

Sarah Stutzmann denkt an das Leid, das Isolation bringen kann. Die Situation sei jetzt heikler als im Frühjahr. Damals grünte es draußen, jetzt aber werden die Tage kürzer und dunkler.

Zuversicht im Bistro

Diesmal ist es anders. Zuversichtlicher ging Michael Niedermeier in den aktuellen Lockdown. "Da war nicht diese Angst, wie beim letzten Mal." Das Procedere kenne man jetzt immerhin, sagt Niedermeier, der das "Bistro Galerie" in der Gustavstraße führt, "und es wurde auch substanziellere Hilfe zugesagt". 75 Prozent des November-Umsatzes von 2019 – das sei schon etwas anderes als die Soforthilfe aus dem Frühjahr, bei der viele Ausgaben nicht anerkannt worden seien. Damit könne man den November gut überbrücken.

Bistro für Zuhause: Zum Mitnehmen gibt’s bei Michael Niedermeier nicht nur alles von der Speisekarte, sondern auch hausgemachte Pestos und Kuchen im Glas.

20.11.2020 © Foto: Hans-Joachim Winckler


Dankbar ist der Bistro-Chef zudem für den "sehr, sehr guten Sommer", der ihm nach angespannten Monaten etwas Luft verschaffte. Er selbst hätte nie gedacht, erzählt Niedermeier, dass es noch einmal einen Lockdown geben würde. Und er empfand es im ersten Moment als unfair. Die schnelle Zusage der Hilfen aber nahm den Frust.

Freilich: Es bleibe die Ungewissheit, wie viel Geld am Ende wirklich ankommt, was vielleicht noch abgezogen wird. "Aber viele andere haben auch Sorgen. Im Vergleich zu Künstlern oder manchen Solo-Selbstständigen sind wir immer noch privilegiert."

Gewundert hat sich Niedermeier darüber, dass diesmal doch einige Betriebe auf To-Go-Angebote verzichten. Reicht ihnen die Hilfe?

Im Bistro können neben hausgemachten Pestos und Kuchen im Schraubglas auch Tapas und Co. wieder montags bis samstags, von 17.30 Uhr bis 21 Uhr, abgeholt werden. Noch ist es viel ruhiger als im Frühjahr. Vielleicht, überlegt der Wirt, liegt das daran, dass der Lockdown light sich für viele noch nicht nach Lockdown anfühlt? "Man kann einkaufen gehen, sich frei bewegen, zumindest einen zweiten Hausstand treffen." Auch die Angst vor Corona, sie sei nicht mehr so spürbar wie im April.

In manchen Momenten fragt sich Niedermeier, wie es wohl weitergeht: "Wird man bloß Weihnachten die Familie sehen können? Und dann beginnt der nächste Lockdown?" In anderen Momenten freut er sich über Gäste, die Mut zusprechen und Bestellungen durchgeben: "Es ist schön, wenn die, die schon beim ersten Mal da waren, jetzt wieder vor uns stehen."

Sorgen in der Villenkolonie

Der zweite Lockdown? Lief genauso schwierig an wie der erste, erzählt Bernard Griger-Gugulut. Die Nachfrage nach dem Essen für Zuhause blieb hinter dem Erhofften zurück.

Jeden Tag, von Montag bis Sonntag, von 11.30 bis 21 Uhr ist sein Lokal "Zur Villenkolonie" in Unterfürberg für Bestellungen geöffnet. Auf der To-Go-Karte steht allerlei Feines, auch eine ganze Gans für vier Personen. Im Umkreis von zehn Kilometern wird sogar geliefert.


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Jede Bestellung, und sei sie noch so klein, "ist für mich eine Hilfe", sagt Griger-Gugulut. Die langen Arbeitstage nimmt er deshalb in Kauf: "Ich muss schauen, dass ich jeden erreiche." Denn es wird dauern, bis die Zuschüsse des Staates ankommen, und laufende Kosten müssen bezahlt werden.

Griger-Gugulut, der vorher das Restaurant "Zur Krone" in Burgfarrnbach führte, hat die "Villenkolonie" erst heuer übernommen und einiges in den Umbau investiert. Gerade einmal eineinhalb Wochen hatte er geöffnet, da mussten die Gaststätten wegen Corona schließen. "Es ging hier gut los", erzählt er, "es hat sich jeder gefreut, dass es weitergeht." Und das Essen schien anzukommen. Im Lockdown aber wurde es schwer.

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Der neue Teil-Lockdown fühle sich für ihn als Gastronom nicht "light" an. "Wenn wir wenigstens bis 18 Uhr offen haben dürften, das wäre ein leichter Lockdown." Griger-Gugulut würde sich mehr Transparenz wünschen, wie es zu den hohen Infektionszahlen kam. Er habe von keinem Lokal gehört, das zum Superspreader-Ort wurde. "Wir haben das Hygienekonzept wirklich diszipliniert und akribisch umgesetzt." Kein einziger Corona-Fall in seinen Räumen sei ihm bekannt. Dass die Gastronomie trotzdem pauschal schließen musste, "fühlt sich wie eine Strafe an".


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Er verstehe, dass die Politik handeln musste. Sie hätte aber differenzieren können, sagt er, "ein Speiselokal, eine Kneipe und eine Shisha-Bar sind nicht das Gleiche."

Jüngst hat er noch den Biergarten zum Zelt umgebaut, um im Winter auch mit Abstandsgebot ausreichend Gäste bewirten zu können. Er hat wenig Hoffnung, dass das im Advent möglich ist. Immerhin: Die Sommermonate waren sehr gut. Er habe neue Stammgäste gewonnen, und alte aus der "Krone" hielten die Treue. Nun hofft er, dass sie fleißig anrufen. . .

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