Große Gefahr Ultrafeinstaub: Messen wir bislang das Falsche?

27.12.2020, 05:57 Uhr
Dieser Greenpeace-Aktivist macht mit einem Ganzkörperanzug auf die Gefahren durch Luftverschmutzung aufmerksam.

Dieser Greenpeace-Aktivist macht mit einem Ganzkörperanzug auf die Gefahren durch Luftverschmutzung aufmerksam. © Foto: SebastianGollnow/dpa

Dass zu viel Feinstaub in der Luft sich schädlich auf das Herz-Kreislauf-System und die Lungenfunktion auswirkt, dass kleinste Partikel Diabetes und chronische Bronchitis auslösen, gilt längst als erwiesen. Welche Teilchen dabei besonders gefährlich sind, ist aber noch unklar.


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Denn bisher wird vor allem PM10 (Partikel mit einer Größe von maximal zehn Mikrometern) gemessen, seit einigen Jahren auch verstärkt PM2,5. Noch ziemlich unerforscht ist allerdings der Ultrafeinstaub, als der alle Partikel angesehen werden, die höchstens 0,1 Mikrometer groß sind.

Ist die Größe der Partikel entscheidend?

Dieser Ultrafeinstaub macht im Schnitt nur etwa ein Prozent des gesamten Feinstaubs aus, allerdings 70 Prozent der Partikelanzahl. „Wenn die Toxizität aber nicht von der Masse abhängt, sondern von der Größe der Partikel, dann messen wir momentan das Falsche“, verdeutlicht Hans Drexler, Professor für Arbeits- und Sozialmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg.

In Erlangen wird nun ein vom Bayerischen Umweltministerium geförderter Projektverbund gebündelt, der in den kommenden drei Jahre zu Messtechnik, gesundheitlichen Folgen für den Menschen und den Auswirkungen auf Lungenzellen forschen soll. Beteiligt sind auch die Universitäten in Mainz, Würzburg und München sowie das Helmholtz Zentrum München.

Es soll herausgefunden werden, ob der Ultrafeinstaub immer den gleichen Anteil am gesamten Feinstaub hat und inwiefern die kleineren Partikel tatsächlich gesundheitsgefährdender sind. Es soll zudem geklärt werden, ob vor allem die Partikel an sich schädlich sind oder eher die chemische Zusammensetzung der Teilchen.

Drei Millionen Euro vom Umweltministerium

Messstationen werden vom Landesamt für Umwelt (LfU) neben einem Standort in München auch in Augsburg und Regensburg aufgestellt, weil sich dort die beiden bayerischen Studienzentren für die NAKO-Gesundheitsstudie, eine große, deutschlandweite Langzeit-Gesundheitsuntersuchung mit etwa 200.000 zufällig ausgewählten Probanden, befinden.

Das Umweltministerium stellt knapp drei Millionen Euro für Messgeräte und Personal zur Verfügung. „Wir brauchen belastbare Daten über die Grundlagenforschung hinaus. Die neuen Ultrafeinstaub-Messstationen erfüllen höchste wissenschaftliche und technische Anforderungen. Die gesammelten Daten sind sehr wichtig für die Wirkungsforschung“, betont Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler).

Uni Bayreuth misst am Flughafen München

685.000 Euro gibt es für ein Projekt mit zwei zusätzlichen Messstationen im Umfeld des Münchner Flughafens, wo die Universität Bayreuth messen soll, wie sich der Flugverkehr auf die Verteilung von Ultrafeinstaub in der bodennahen Atmosphäre auswirkt. „Wir wollen herausfinden, wie viele Partikel in welcher Größe in der Nähe des Flughafens und vor allem in den angrenzenden Siedlungen in der Luft sind“, erklärt Projektleiterin Anke Nölscher, Professorin für Atmosphärische Chemie in Bayreuth.


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Es soll zudem erforscht werden, welchen Anteil der Belastung die Flugzeuge selbst haben und welchen der sonstige Betrieb auf dem Flugfeld. Auch die Abhängigkeiten von Windrichtung und -geschwindigkeit, Witterungseinflüssen und der Nähe zum Flughafen sollen geklärt werden.

Großteil des Feinstaubs entsteht natürlich

Global gesehen entstehen etwa 90 Prozent des gesamten Feinstaubs in der Luft natürlich, vor allem durch Wald- und Buschbrände, Vulkanausbrüche und Aerosole aus Meerwasser über den Ozeanen. „Die Vegetation emittiert Vorläufer von Ultrafeinstaub. Gase entweichen – das ist dann zum Beispiel der schöne Waldgeruch. Sie wandeln sich um, oxidieren und werden zu Partikeln“, verdeutlicht Nölscher. Diese Partikel haben wichtige Einflüsse auf Wetter und Klima.

Doch zehn Prozent erzeugt der Mensch. Auch Kerzen- und Kaminfeuer, Föhnen und Toasten sind Quellen von Ultrafeinstaub. Doch speziell bei diesen allerkleinsten Partikeln ist noch vor der Industrie der Verkehr der größte Verursacher.

"Diesel ist für die Gesundheit das bessere Fahrzeug"

„Stickstoffoxide und Feinstaub verhalten sich extrem ähnlich. Deshalb wird das wahre Problem oft nicht erkannt. Wir gehen gegen den Diesel vor, der mehr Stickstoffoxide ausstößt und setzen uns für den Benziner ein, der mehr Feinstaub emittiert. Dabei glaube ich, aus den bisherigen Daten herauslesen zu können, dass der Diesel für die menschliche Gesundheit und das Ökosystem eigentlich das bessere Fahrzeug ist“, betont Arbeits- und Sozialmediziner Drexler.

Immerhin: Seit 30 Jahren geht die Belastung der Luft mit Feinstaub und Stickstoffoxiden hierzulande kontinuierlich zurück. Ob man wirklich aufatmen ist, ist allerdings unklar. Denn noch weiß man nicht, ob dieser Rückgang auch den Ultrafeinstaub betrifft. „Er macht ja nur ein Prozent der Masse aus. Das verschwindet bisher im Grundrauschen der Feinstaubmessungen – und das wollen wir jetzt ändern“, meint Drexler.

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