Situation spitzt sich wegen Corona zu

Intensivbetten werden knapp: Bekommt jeder Schwerkranke auch jetzt noch einen Platz?

Katrin Wiersch

E-Mail

12.11.2021, 09:49 Uhr
Muss das Klinik-Personal mehr Patienten auf der Intensivstationen betreuen, fehlt es an anderer Stelle. So können nur noch sehr dringende Operationen durchgeführt werden.

Muss das Klinik-Personal mehr Patienten auf der Intensivstationen betreuen, fehlt es an anderer Stelle. So können nur noch sehr dringende Operationen durchgeführt werden. © Kabel Eins, dpa

Es ist jene Situation eingetreten, vor der Kliniken seit Wochen und Monaten gewarnt hatten. Die vierte Corona-Welle hat Bayern erreicht. In München prognostizierte am Donnerstag Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) "einen Kollaps des notfallmedizinischen Versorgungssystems" in der Landeshauptstadt. Wenn dieser Fall wirklich eintritt, müssen medizinische Notfälle auf andere Kliniken verteilt werden.

Manfred Wagner, der Pandemiebeauftragte des Klinikum Fürth, erklärt in einem Video vom 10. November was das konkret bedeuten kann: dass der Patient mit Herzinfarkt überlebenswichtige Minuten im Rettungswagen verliert, weil der Weg zum nächsten freien Intensivbett länger ist; dass eine dringend nötige Tumor-OP der Patientin mit Eierstock-Krebs mehrfach verschoben wird, weil kein Intensivbett frei ist, und dass der Patient mit Schlaganfall wichtige Minuten verliert und so das Risiko für Lähmungen und Behinderungen steigt, weil auch sein Weg zum Krankenhaus länger ist.

Schon im Januar 2021 hatte Harald Dormann, Leiter der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Fürth, über das Dilemma gesprochen, wenn Tumor-Operationen verschoben werden müssen: "Große Tumor-Operationen mussten vor Weihnachten abgesagt werden, in der Hoffnung, diese Anfang Januar nach dem Lockdown und einer Entspannung der Lage nachzuholen." Diese Operationen wurden immer weiter verschoben. "Das ist ein echtes ethisches Dilemma. Über diese Menschen spricht kaum jemand. Dabei haben sie jetzt oft schlechtere Therapieaussichten", sagt Dormann.

Diese Frage beschäftigt auch die Verantwortlichen im Klinikum Nürnberg. "Eine Tumor-OP kann sicherlich um vier Wochen verschoben werden, ohne, dass es sich negativ auf die Prognose auswirkt. Aber wie geht es dem betroffenen Patienten damit, dass er auf diese OP jetzt warten muss?", sagt Arnim Geise, Oberarzt und Leiter der internistischen Intensivstation am Klinikum Nord.

Grundsätzlich versuche das Klinikum Nürnberg den Normalbetrieb so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, sagt Achim Jockwig, Vorstandsvorsitzender vom Klinikum Nürnberg. Trotzdem: Man werde nicht umhinkommen, in den nächsten Wochen planbare Eingriffe zu reduzieren und mehr Intensivbetten für Beatmungspflichtige umzuschichten. Im Gegensatz zum letzten Corona-Winter sind allerdings nicht die Zahl der Betten das Problem im Klinikum Nürnberg - vielmehr geht es darum, bei steigender Zahl von Intensivpatienten das Fachpersonal bereitstellen zu können. Der Pflegemangel setzt vielen Häusern zu.

Das ist auch in Roth und Schwabach das größte Problem. Das Krankenhaus in Schwabach zum Beispiel hat Platz für fünf und mehr Intensivbetten. Doch inzwischen fehlen mitunter die Pflegekräfte, die sich um viele Schwerkranke gleichzeitig kümmern könnten. Deshalb sind bei der „Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin“ (DIVI) schon seit Wochen für Schwabach nur noch vier Intensivbetten gemeldet.

Kliniken fahren in den Krisenmodus

Bisher sind Bayerns Krankenhäuser von diesem Szenario aus dem vergangenen Winter noch nicht betroffen - auch nicht in der Region. Aber es ist nur eine Frage der Zeit. Die Höchstzahl an Corona-Patienten, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, wird in den kommenden zwei bis vier Wochen erwartet.

Mit der Ausrufung des Katastrophenfalls am 10. November lief im Klinikum Ansbach sowie in Dinkelsbühl und Rothenburg ob der Tauber der Krisenmodus an. Das heißt: Geplante Eingriffe, die nicht lebensnotwendig sind, werden seit Donnerstag nach Möglichkeit verschoben. Patienten werden entlassen, wenn sie nicht mehr zwingend stationär betreut werden müssen. "Ich befürchte, dass uns die vierte Welle kräftig beschäftigen wird", sagt Rainer Seeger, Pressesprecher des Klinikum in Ansbach. Hermann Schröter, der Krankenhauskoordinator in Westmittelfranken, blickt mit Sorge auf die kommenden Wochen: "Bis jetzt können wir die notfallmedizinische Versorgung gewährleisten. Aber wir haben eine sehr, sehr schwierige Phase vor uns."

Auch im Klinikum Neumarkt sind bis auf Weiteres alle geplanten und aufschiebbaren stationären Behandlungen verschoben worden. Einige Stationen mussten und müssen noch geschlossen werden, um das frei werdende Personal auf die deutlich arbeitsintensiveren Intensiv-, Quarantäne- und Coronastationen zu verteilen. Die Notfallversorgung wird jedoch weiterhin in vollem Umfang aufrechterhalten.

Dasselbe Bild in den Krankenhäusern in Forchheim und Ebermannstadt. Planbare Operationen werden - sofern medizinisch vertretbar - verschoben. Mitarbeiter aus anderen Abteilungen, in denen das Patientenaufkommen sinkt, werden abgezogen und unterstützend auf der Isolierstation eingesetzt. Auf der Intensivstation kommen Anästhesisten zum Einsatz.

"Zwischen den beiden Standorten Forchheim und Ebermannstadt gibt es eine enge Abstimmung", sagt Franka Struve, Sprecherin des Klinikums Forchheim. Die Notfallversorgung wird hier mithilfe einer Koordinierungsgruppe aufrecht erhalten. Das Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz, die Sozialstiftung Bamberg und Juraklinik Scheßlitz optimieren wöchentlich gemeinsam mit der Rettungsleitstelle die Patientenverteilung. So übernehmen die kleineren Kliniken - wie Scheßlitz - Operationen, damit die Sozialstiftung Bamberg Kapazitäten frei hat für Covid-19 Patienten.

Die kommenden Wochen werden für alle Intensivstationen eine extreme Herausforderung. "Wir sind tatsächlich in einer massiven Überlastungssituation, so dass viele Patienten verlegt werden müssen", fasst der Nürnberger Intensivmediziner Stefan John, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin gegenüber der dpa die Situation zusammen. "Für die Notärzte ist es oft sehr, sehr schwer überhaupt einen Platz auf einer Intensivstation zu finden. Sie müssen viel rumtelefonieren, vielleicht auch längere Strecken fahren, weil sie in ein anderes Haus umgeleitet werden. Und bei einem Herzinfarkt zum Beispiel kann jede Zeitverzögerung Leben kosten."