Symptome auch nach Monaten sichtbar

Long Covid: Viele Corona-Opfer in Franken leiden unter Langzeitproblemen

21.6.2021, 06:23 Uhr
Ein Long-Covid-Patient unterzieht sich in einer Rehaklinik einem Ergometertest. Viele Betroffene sind selbst nach einem relativ milden Verlauf deutlich weniger belastbar und oft lange Zeit arbeitsunfähig.

Ein Long-Covid-Patient unterzieht sich in einer Rehaklinik einem Ergometertest. Viele Betroffene sind selbst nach einem relativ milden Verlauf deutlich weniger belastbar und oft lange Zeit arbeitsunfähig. © Denis Meyer/imago images

Diese Zahl klingt ja erst mal ganz gut. Von den über 3,7 Millionen Menschen in Deutschland, die sich bisher mit dem Coronavirus infiziert haben, gelten nach den Kriterien des Robert Koch-Instituts (RKI) über 95 Prozent offiziell als genesen. Das Problem dabei: Auch Wochen oder Monate nach der Infektion leiden viele vermeintlich Genesene massiv unter den Spätfolgen.

Ein weiteres Problem dabei: Der Großteil dieser Opfer von Post- beziehungsweise Long-Covid-Symptomen steht mitten im Erwerbsleben oder befindet sich sogar erst in der Ausbildung. Diese Langzeitfolgen der Pandemie könnten sich deshalb zu einer Zeitbombe - nicht nur für unser Gesundheitssystem, sondern für unsere Volkswirtschaft insgesamt - entwickeln.

Zahlreiche Betroffene sind auch Monate nach der Akutphase ihrer Covid-19-Erkrankung arbeitsunfähig, eines dieser Opfer von Long Covid ist Antje Cadao, die sich Anfang März infiziert hatte. Auch ihr Mann, der allerdings einige Tage zuvor seine zweite Impfung erhalten und wohl deshalb keine Symptome hatte, und ihre beiden Töchter wurden positiv auf Sars-CoV-2 getestet. "Doch mich hat es am schlimmsten erwischt", erzählt die 51-Jährige, die als Krankenschwester in der Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet.

Bleierne Müdigkeit

Antje Cadao musste zwar nicht stationär im Krankenhaus behandelt werden, doch erholt hat sie sich bis heute nicht. Schwankender Blutdruck, häufige Kopfschmerzen und Schwindelgefühle und vor allem eine immer wiederkehrende bleierne Müdigkeit, das sogenannte Fatigue-Syndrom, machen ihr zu schaffen. "Dazu kommt so ein Gefühl von Druck und Enge in der Brust und ein Hustenreiz, der wie aus dem Nichts kommt", berichtet die Beschäftigte des Nürnberger Klinikums, die seit Kurzem ein neues Angebot ihres Arbeitgebers nutzt.

Um seine von Corona betroffenen Mitarbeiter zu unterstützen, hat das Klinikum eine Post-Covid-Sprechstunde samt interdisziplinärer Behandlung eingerichtet, und die Resonanz ist gewaltig. Etwa 150 Beschäftigte der Kliniken Nord und Süd sowie der Krankenhäuser in Lauf und Altdorf haben diese Sprechstunden bisher besucht, die von unterschiedlichen Fachbereichen, etwa der Pneumologie, der Neurologie und der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, unterstützt werden.

Die Initialzündung für dieses Hilfsprojekt erfolgte durch Personalvorstand Peter Schuh bereits während der ersten Welle im Frühjahr 2020, denn schon damals häuften sich Rückmeldungen von Stationsleitungen des Klinikums, dass Mitarbeiter nach einer Infektion noch lange Beschwerden hatten. "Die Datenlage ist noch dünn. Aber in ersten Studien ist beschrieben, dass circa drei Monate nach der Infektion noch ein Drittel der Betroffenen mindestens ein Symptom zeigt", sagt Ulrich Neff, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie am Klinikum Nürnberg.


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Laut dem RKI brauchen etwa 40 Prozent der Covid-19-Patienten, die stationär in einem Krankenhaus behandelt werden, längerfristig Unterstützung. Die wird ihnen zum Beispiel in der Rangauklinik in Ansbach gewährt, wo sich Chefarzt Thomas Fink mit einer immer größer werdenden Zahl von Reha-Patienten mit einem verhältnismäßig milden Krankheitsverlauf, aber äußerst hartnäckigen Post-Covid-Symptomen auseinandersetzen muss.

Auch Marathonläufer in der Reha

Nach der ersten Welle waren Corona-Opfer, die sich nach einer intensivmedizinischen Behandlung, zum Teil mit wochenlanger künstlicher Beatmung, zurück ins Leben kämpften, noch deutlich in der Überzahl. Jetzt haben es Fink und sein Team unter anderem mit Fällen wie einem Mann Mitte 40 zu tun, der vor seiner Infektion kerngesund war und in seiner Freizeit regelmäßig Marathonläufe bestritt.

"Dieser Patient kam kurz nach seinem Klinikaufenthalt kaum die Treppe hoch und ist inzwischen seit fünf Wochen bei uns in der Reha", berichtet der ärztliche Leiter der Rangauklinik, aktuell das einzige Reha-Zentrum in Nordbayern, das speziell für die Rehabilitation von Covid-19-Patienten ausgerichtet ist.

Bisher sind Kliniken, Ärzte und Reha-Einrichtungen nur unzureichend auf die zu erwartende Flut von Patienten mit Covid-Langzeitfolgen vorbereitet. Dabei gehen Experten davon aus, dass zehn bis 20 Prozent der Erkrankten auch Monate nach ihrer Infektion unter gravierenden Einschränkungen leiden und ihren Alltag oft kaum ohne fremde Unterstützung meistern können. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hat deshalb den Bund aufgerufen die medizinischen Einrichtungen stärker zu unterstützen.

"Wir müssen jetzt die Weichen stellen, um auch über die akute Pandemie gerüstet zu sein", fordert Holetschek. Auch wenn in einigen Monaten ein großer Teil der Bürgerinnen und Bürger geimpft sein werde und die Infektionszahlen spürbar sinken dürften, müsse man eine adäquate Behandlung für Menschen mit dem Post-Covid-Syndrom anbieten. "Hier sind Bund und Länder gleichermaßen gefordert."

Viele diffuse Symptome

Ein Problem bei der Suche nach effektiven Therapie- und Reha-Möglichkeiten ist, dass es die Fachleute mit einem neuen Krankheitsbild zu tun haben, das sich in vielen unterschiedlichen und teilweise sehr diffusen Symptomen präsentiert und über das man noch zu wenig weiß. Viele Betroffene klagen nicht nur über körperliche Beschwerden, sondern auch über Erinnerungslücken und Wortfindungsstörungen, über Depressionen und Angstzustände.

Auch Antje Cadao hat nicht nur mit verschiedenen physischen Folgen ihrer Infektion zu kämpfen, "auch emotional macht diese Krankheit was mit einem". Da sei es schon mal vorgekommen, dass sie beim Telefonieren mit einer Freundin plötzlich das Heulen angefangen habe.

Dabei schätzt sich die 51-Jährige, die vor ihrer Erkrankung Vollzeit im Dreischichtbetrieb gearbeitet hat, als psychisch durchaus stabil ein. Bis dahin habe sie den Spagat aus Job, Haushalt und Familie gut hingekriegt, "aber Corona hat mir jetzt ganz klar meine Grenzen aufgezeigt". Da werde manchmal schon das Ausräumen der Geschirrspülmaschine zum Kraftakt.

"Wirklich gut aufgehoben" fühlt sich Antje Cadao deshalb bei ihren Terminen bei Professor Christiane Waller. Die Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie kümmert sich im Rahmen der Post-Covid-Sprechstunden um Beschäftigte, die zum Beispiel über Niedergeschlagenheit oder stressassoziierte Beschwerden klagen.


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Die Spezialistin macht Betroffenen Mut: "Wir gehen davon aus, dass die Erkrankung in der Regel am Ende ganz ausheilt", sagt Waller. Das könne allerdings ein halbes Jahr oder in seltenen Fällen auch länger dauern. Die Wechselwirkungen von Körper und Psyche seien sehr individuell.

Inzwischen über 400 Patienten

Das hat auch Thomas Fink bei den etwa 400 Corona-Patienten mitbekommen, die seit dem Beginn der Pandemie in der Rangauklinik behandelt wurden. Um den unterschiedlichen Ausprägungen von Long Covid gerecht zu werden, wird den Reha-Patienten dort ein umfangreiches Grundgerüst von verschiedenen Anwendungen geboten: von der Atemtherapie und der Rückenschule über Yoga und Massagen bis hin zum Hirnleistungstraining.

"Wichtig für viele Betroffene sind auch unsere Gruppentherapien, damit sich die Betroffenen aussprechen und ihre Erfahrungen mit anderen teilen können", erklärt der Spezialist für Lungenheilkunde. Inzwischen wurde auch eine ganze Reihe von Selbsthilfegruppen in Bayern gegründet, und einige Universitätskliniken haben Post-Covid-Ambulanzen eingerichtet. Fachverbände fordern zudem, dass den Patienten ein möglichst schneller Zugang zu Rehabilitation und Nachsorge ermöglicht werden muss. Nur so könnten chronische Verläufe vermieden werden.

Antje Cadao zumindest hat vor einigen Tagen die Nachricht bekommen, dass ihre Reha genehmigt worden ist. Für drei Wochen soll es in eine Einrichtung im Schwarzwald gehen, und die 51-Jährige hofft inständig, dass sie bald danach wieder ins Berufsleben eingegliedert werden kann. "Man hat ja immer das Gefühl, dass man funktionieren muss. Gerade in unserem Job", sagt die Krankenschwester. Und sie will nun endlich wieder "funktionieren" und in ihren gewohnten Alltag zurückkehren.