Förderprogramm für Schülerinnen und Schüler

Kommentar: Wer baut diese Brücken?

NN-Redakteurin Kathrin Walther
Kathrin Walther

Ressort Kinder, Familie und Bildung

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22.6.2021, 13:14 Uhr
Vor allem im Bereich Grund-, Mittel- und Förderschulen fehlen Lehrkräfte, aber auch Schulpsychologen und Sozialarbeiter, um benachteiligte Kinder und Jugendliche multiprofessionell begleiten zu können. 

© Martin Schutt/ZB/dpa Vor allem im Bereich Grund-, Mittel- und Förderschulen fehlen Lehrkräfte, aber auch Schulpsychologen und Sozialarbeiter, um benachteiligte Kinder und Jugendliche multiprofessionell begleiten zu können. 

Also gut, dann greifen wir das Bild des Kultusministeriums eben auf: „gemeinsam.Brücken.bauen“. Sagen wir, das Kultusministerium ist der Architekt und hat einen Plan. Sagen wir, Einrichtungen wie das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München oder die Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen kümmern sich um die Professionalisierung. Dann bleibt am Ende noch das Personal, also die Leute, die Pläne ins echte Leben übertragen.


Kostenlose Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche


Denn: Eine Konstruktion hält nicht auf der Basis einer wohlklingenden Theorie. Sie hält, weil die Theorie angepasst ist an reale Gegebenheiten und weil echte Menschen die Ärmel hochkrempeln, um sie umzusetzen. Oder, um das Bild ein letztes Mal zu bemühen: Die Brücke kracht ein, je weniger und unmotivierter die Menschen sind, die sie errichten.

Wovon die Rede ist? Vom vermaledeiten Lehrkräftemangel!

Egal, welche Begriffe noch erfunden werden, Sommerschule21 oder Brückenkurse, Teamlehrer oder Unterstützungskräfte, das Thema lässt sich nicht schönreden. Das Förderprogramm für Schülerinnen und Schüler, die pandemiebedingt im Nachteil sind, gaukelt uns vor allem mit Blick auf die Bundestagswahl vor: „Läuft alles!“.

Das eigentliche Problem ist der Lehrkräftemangel

Die Wahrheit aber ist: An vielen Grund-, vor allem aber Mittel- und Förderschulen brennt es – und seit der pandemiebedingten Schließungen brennt es sogar lichterloh.

Rudi Groh ist als Schulleiter einer Nürnberger Mittelschule einer dieser Ärmel hochkrempelnden Arbeiter an der Basis. Er sieht die Not jeden einzelnen Tag. Seine Forderung ist eindeutig und glasklar: „Wir brauchen mehr Lehrer. Wir brauchen eine gemeinsame Grundausbildung mit Schwerpunkt Pädagogik für alle Schularten und ein einheitliches Gehalt. Wir brauchen mehr Schulpsychologen. Wir brauchen mehr Sozialarbeiter.“

Schulen wie die seine sind die letzte Chance, um Kinder aus verlorenen Familien noch zu erreichen. Aber im echten Leben weit weg von Plänen stehen Lehrkräfte in Mittelschulen vor genau diesen Kindern und leiden. Weil sie wissen, dass sie keine Chance haben, ihnen gerecht zu werden.


Noch ein Thema mit Ansage: Die Raumnot der Gymnasien


Die Abbrecherquote im Lehramtsstudium für Mittelschule ist enorm – außer Idealismus gibt es kaum Anreize für diesen Beruf. Wie groß waren die Hoffnungen, als vor zehn Jahren aus der Haupt- die Mittelschule wurde – und jetzt steht die Schulart wieder vor dem Abgrund. Die Rechnung für diese Versäumnisse zahlen Gymnasien und Realschulen, die Rechnung zahlt die Industrie und das Handwerk, die Rechnung zahlt die Gesellschaft.

Im Herbst 2020 protestierten Lehrkräfte auch in Nürnberg gegen die Arbeitsbelastung. Dann bremste die Pandemie ihre Aktionen aus. 

Im Herbst 2020 protestierten Lehrkräfte auch in Nürnberg gegen die Arbeitsbelastung. Dann bremste die Pandemie ihre Aktionen aus.  © Stefan Hippel, NNZ

„Aber wer soll das Angleichen des Gehalts bezahlen?“, fragt ein Kollege, als wir über das Thema sprechen. Die Frage ist falsch gestellt. Deutschland ist noch immer ein reiches Land. Die korrekte Frage bleibt unverändert wie das von politischer Seite immer wieder heruntergespielte Problem Lehrermangel. Sie lautet: „Was sind uns diese Kinder wert?“

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