Post-Covid-Symptome: "Die Angst ist am schlimmsten"

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Silke Roennefahrt

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26.4.2021, 05:50 Uhr
Ein Herzultraschall gehört zu den Untersuchungen, die Dr. Hark-Oluf Schöngart und Dr. Ralf Schwab in der Post-Covid-Ambulanz durchführen.

© Giulia Iannicelli, NNZ Ein Herzultraschall gehört zu den Untersuchungen, die Dr. Hark-Oluf Schöngart und Dr. Ralf Schwab in der Post-Covid-Ambulanz durchführen.

Die Angst ist am schlimmsten. Sie kam regelmäßig, als Andrea G. mit den akuten Symptomen ihrer Corona-Infektion zu kämpfen hatte, doch sie ist auch jetzt, rund drei Monate später, noch nicht ganz verschwunden. Mit "unheimlich starken Kopfschmerzen" hatte die Erkrankung bei der 52-Jährigen Ende Januar begonnen, hinzu kam eine massive Übelkeit. Die Ärzte vermuteten zunächst ein Magen-Darm-Leiden, bevor sie G. zum Corona-Test schickten - das Ergebnis war positiv.

Zehn Tage lang habe sie nur im Bett gelegen und nichts essen können, erzählt die Büroangestellte. "Es war die Hölle." Vor allem die Panikattacken, während sie wegen der Infektion um Luft ringen musste, hat G. bis heute nicht vergessen, immer wieder kommt mit der Erinnerung daran auch die Angst zurück. Aber auch sonst fühlt sie sich alles andere als gesund. Eine immer wiederkehrende Müdigkeit mache ihr zu schaffen, auch die Konzentrationsfähigkeit habe gelitten. "Die Beschwerden kommen in Wellen, an einem Tag denke ich, alles ist gut, doch dann geht es mir doch wieder schlecht."


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Dass das keine Einbildung ist, können Dr. Ralf Schwab und Dr. Hark-Oluf Schöngart bestätigen. Die beiden Kardiologen haben gemeinsam mit weiteren Kollegen eine Ambulanz für Post-Covid-Patienten gegründet. Bei G., sagt Schöngart, sei die körperliche Leistungsfähigkeit derzeit noch um 50 Prozent reduziert.

Die Angestellte ist nur eine von vielen Patienten, die wegen anhaltender Beschwerden den Rat der Ärzte suchen. Schwab spricht von einer regelrechten Welle nach Weihnachten, "viele der Betroffenen sind hochgradig beeinträchtigt, ihre Lebensqualität ist stark eingeschränkt". Manche Patienten hätten sich erst gar nicht richtig von ihrer Erkrankung erholt, bei anderen seien die Beschwerden Monate nach der vermeintlichen Genesung aufgetreten. Hauptproblem sei eine allgemeine körperliche Schwäche, die Menschen seien sehr schnell erschöpft. "Manche kommen kaum die Treppe hoch."

Auch psychisch belastend

Aber auch die andauernden Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns machen vielen ehemaligen Corona-Patienten zu schaffen, Frauen leiden zudem teilweise unter starkem Haarausfall. Außerdem zählten Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen zu den häufigen Spätfolgen, sagen Schöngart und Schwab, die privat und gesetzliche Versicherte behandeln. "Das geht so weit, dass die Menschen mal kurz nicht wissen, wie die Kaffeemaschine funktioniert oder wie sie ihr Auto bedienen müssen." Eine Erfahrung, die auch psychisch belastend sei. "Insgesamt sind es sehr facettenreiche Beschwerden", sagt Schwab.

In dem Ärztezentrum suchen die Mediziner zunächst nach körperlichen Ursachen. Manchmal finden sie Veränderungen an Herz oder Lunge, die behandelt werden können. Oft aber sind die Befunde auch unauffällig. "Dann", so sagt Schöngart, "können wir versuchen, die körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern." Am besten gelinge das über ein spezielles Konditionsprogramm, das sich am aktuellen Leistungszustand orientiere. "Davon profitieren die Patienten immer."

Dennoch sei denkbar, dass manche Beeinträchtigungen auf Dauer bleiben, betont Schwab. "Das wissen wir aber erst in ein paar Jahren." Doch wollen sie mit ihrer Ambulanz Wissen bündeln und neue Erkenntnisse gewinnen, um den Patienten nachhaltig helfen zu können. Wichtig sei es außerdem, ausführlich mit den Betroffenen zu reden. "Viele Patienten haben eine Odyssee hinter sich und sind ganz verzweifelt."

Barbara B. kann das bestätigen. Die Neurochirurgin, die vermutet, dass sie sich während ihrer Arbeit angesteckt hat, ist seit Anfang Dezember krank geschrieben. Zwei Wochen lag sie im Krankenhaus, kämpfte unter anderem mit Fieber und Atemnot. Obwohl die akute Infektion längst ausgestanden ist und sie fünf Wochen in einer Reha-Einrichtung war, leidet sie noch immer unter Beschwerden. "Nach meiner Erkrankung habe ich bei Null angefangen." Konzentrationsprobleme machen ihr bis heute zu schaffen, "bei körperlicher Belastung schmerzt mein halber Körper". Jetzt absolviert sie ein Fitnessprogramm, neben Kraft- und Ausdauertraining stehen unter anderem Atemübungen auf dem Programm. Allmählich gehe es ihr besser, sagt die 45-Jährige. "Das Programm hilft mir sehr. Aber es sind viele kleine Schritte." Ein normales Leben sei für sie noch nicht in Sicht.

"Ich esse Zitronen wie Äpfel"

Auch Rosalia S. fühlt sich noch nicht wieder fit. Müdigkeit und Konzentrationsprobleme quälen die 60-Jährige in Wellen, auch sie kann die Todesangst nicht vergessen, die sie während der akuten Infektion Anfang Januar begleitet hat. Zudem leidet sie darunter, dass sie weder riechen noch schmecken kann. "Ich esse Zitronen wie Äpfel." Neulich seien ihr die Semmelbrösel in der Pfanne verbrannt, "aber ich habe gar nichts gerochen". Ein Rezept dagegen haben die Ärzte bislang nicht.

Mehr Informationen gibt es in der Post-Covid19-Ambulanz

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