Auftakt am Montag

Zwischen bleierner Schwere und Höhenflug: Der Club in der Sommervorbereitung

Fadi Keblawi
Fadi Keblawi

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10.6.2022, 05:55 Uhr
Warb vergeblich um Vetrauen: Damir Canadi in Maria Alm.

© Sportfoto Zink / DaMa Warb vergeblich um Vetrauen: Damir Canadi in Maria Alm.

Entscheidet eine Sommervorbereitung darüber, wie eine Saison verläuft? Mitunter. In den letzten drei Jahren jedenfalls konnte man die Zeichen früh lesen.

Kein Vertrauen in Maria Alm

Sonderlich gelitten hatte die Zuversicht rund um den 1. FC Nürnberg offensichtlich nicht. Als im Juni 2019 ein doch sehr runderneuerter Club zum ersten Training nach dem Erstliga-Abstieg an den Valznerweiher bat, da kamen neben neuen Spielern und neuem Trainer auch 2000 Fans. Das waren immerhin knapp doppelt so viele als ein Jahr zuvor. "Das überrascht mich", sagte Thomas Grethlein, der Vorsitzende des Aufsichtsrates, zur großen Kulisse: "Es zeigt, wie viel Kraft es um den Club herum gibt." Diese Kraft bündeln sollte Damir Canadi, der von Sportvorstand Robert Palikuca einigermaßen überraschend als neuer Trainer vorgestellt worden war.

Stabilität, sagte Canadi nach der ersten Einheit, wolle er bei einem doch recht durchgebeutelten Verein schaffen. Wie kompliziert die Übung werden würde, deutete sich später im Trainingslager in Maria Alm an, in dem nicht die beste aller Launen herrschte. "Ein Team ist, wenn ich Vertrauen hab’. In mich. In den vor, hinter oder neben mir. In den Trainer. Einigen fällt es noch schwer, die früheren Verhaltensmuster aufzubrechen", sagte Canadi beschwörend, als es wieder nach Hause ging. Das Vertrauen stellte sich nie ein und der Club schlitterte erst mit und dann ohne Canadi in eine der deprimierendsten Spielzeiten seiner Vereinsgeschichte. In dieser Vorbereitung im Sommer 2019 begann sich eine Schwere auf den Verein zu legen, die bis zur 96. Minute von Ingolstadt nicht mehr verschwand.

Sachlich in Saalfelden

Abgeschottet in Saalfelden: Robert Klauß hinterm Zaun.

Abgeschottet in Saalfelden: Robert Klauß hinterm Zaun. © Sportfoto Zink / Daniel Marr

Ein paar Wochen nach Ingolstadt war deshalb wieder einmal anders. Das lag nicht nur an der Pandemie, die Fans zum Trainingsauftakt gar nicht erst zuließ. Der neue Sportvorstand Dieter Hecking und der neue Trainer Robert Klauß sollten den 1. FC Nürnberg in erster Linie wieder befrieden und beruhigen. Sie taten das unter anderem in einem Trainingslager in Saalfelden, in dem die Fans durch hohe Zäune von der Mannschaft getrennt waren. Immerhin: Die pandemiebedingte Ruhe ermöglichte dem betont sachlich auftretenden Klauß seine ersten Schritte als Alleinverantwortlicher im Profifußball auch so zu gehen: sachlich. Deshalb schafften sie es auch durch eine Zeit, in der sie feststellten, dass die von Klauß gewollte "Wildheit" im Spiel sich nicht so einstellte, wie sie das erwartet hatten. "Seine Idee vom durchstrukturierten Gaspedal-Fußball setzten die Bremspedal-Fußballer höchstens phasenweise um und verfielen stattdessen häufig in alte, unliebsame Verhaltensmuster", stand damals in einer 100-Tage-Bilanz von Klauß` Arbeit zu lesen. Es blieb also kompliziert, aber der Club schaffte es nach einer weiteren Krise im ausgehenden Winter 2021 tatsächlich, endlich wieder einmal eine Saison in Ruhe und vor allem mit dem Trainer, mit dem er sie begonnen hatte, zu einem erträglichen Ende zu bringen. Ein enormer Fortschritt nach den beiden chaotischen Jahren zuvor.

Gute Laune in Natz

Und es wurde tatsächlich: noch besser. Das lag auch an einer großartigen Idee der Verantwortlichen. Der Ort Natz in Südtirol ist eine Art Kultstätte des Nürnberger Fußballs seit Michael Köllner dort die Grundlagen für die Aufstiegssaison 2017/18 legte. Die Stimmung damals: ausgelassen und fanfreundlich. Im Sommer 2021 kehrten der Club und seine Fans zurück. Wieder wurde es schön. Dieter Hecking lieferte das Symbolbild zur guten Laune, als er erstmals in seinem Leben Gleitschirm flog. Sogar zu ein wenig Euphorie ließ sich der Sportvorstand hinreißen, als er die Gesamtsituation zusammen fassen sollte. "Die in Nürnberg sind neidisch, wenn sie sehen, dass da Aufbruchstimmung aus Natz hinüberschwappt", sagte Hecking. Und, mit Blick auf die nahende Saison: "Ein Höhenflug ist möglich." Der kam dann - auch wenn es letztlich nicht ganz hoch hinausging. Das kann sich jetzt bald ändern. Die dritte Sommervorbereitung in Folge unter dem Trainer Robert Klauß dürfte auf dieses Unterfangen einen nicht unerheblichen Einfluss haben.

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