Der Club nach dem Defensivspektakel: "Wir leben"

20.2.2019, 05:38 Uhr
Behrens, Petrak und Valentini feiern das Remis gegen Dortmund nach dem Spiel mit ihren Fans.

© Sportfoto Zink / DaMa Behrens, Petrak und Valentini feiern das Remis gegen Dortmund nach dem Spiel mit ihren Fans.

Selbst ein erfahrener Fußballtrainer wie Lucien Favre kann sich mal irren. Beim Blick auf den offiziellen Statistikbogen nach dem 0:0 beim 1. FC Nürnberg konnte er seinen Dortmundern nicht viel vorwerfen. Fast in jeder Kategorie hatte der Tabellenführer deutlich mehr zu bieten als der Tabellenletzte, besonders zu beeindrucken schien Favre der Ballbesitz. "67 Prozent, so viel hatten wir in dieser Saison noch nicht."

Sie hatten sogar schon einen besseren Wert, 72 Prozent, um genau zu sein. Gegen: den 1. FC Nürnberg, vor rund fünf Monaten, im eigenen Stadion. Damals waren der Borussia sieben Tore mehr gelungen als am Montagabend, als selbst 18 Abschlüsse nicht genügten.

Das Hinspiel als Mahnung

Die unguten Erinnerungen des Aufsteigers an den 26. September 2018 hätten den Verlauf des Rückspiels wahrscheinlich auch ohne vorherigen Trainerwechsel maßgeblich beeinflusst; Lukas Mühl wollte deshalb erst gar nicht um den heißen Brei herumreden. Das damalige Nullsieben sei ihnen schon eine eindringliche Mahnung gewesen, es gegen die nationalen Top-Mannschaften nicht unbedingt im berühmten Hurra-Stil zu probieren.

"Da bin ich rausgegangen und hab mich ein bisschen geschämt", erzählte Mühl am Montagabend, wie er das beinahe epische Debakel im Westfalenstadion so erlebt hatte. Ihre fußballerische Lösungen hatten schnurstracks ins Verderben geführt, also unterließen sie es beim zweiten Vergleich über weite Strecken, sich aktiv und vor allem kreativ zu beteiligen an der Veranstaltung.


Club-Mutmacher! Punktgewinn trotz Überlegenheit des BVB


Stattdessen konzentrierten sich die Nürnberger unter erstmaliger Leitung von Boris Schommers darauf, ihren prominenten Widersachern körperlich und geistig richtig wehzutun. Einen Plan hätten sie in den Tagen davor ausgearbeitet, berichtete Mühl stolz, gemeinsam, "und jeder hat sich daran gehalten". Dass er sich veranlasst fühlte, die interne Disziplin beim fast 90-minütigen Mauern explizit zu loben, lässt doch tiefer blicken, als es manchem lieb sein dürfte; "man hat schon gemerkt, dass wieder eine andere Spannung da war", ist Mühl aufgefallen, "mehr Freude, mehr Giftigkeit, mehr Aggressivität". Was sich unter anderem in einer beachtlichen Zweikampfquote (49 Prozent) und insgesamt über 125 gelaufenen Kilometern äußerte, immerhin vier mehr als beim ebenfalls ordentlichen Heim-Auftritt beim 1:1 gegen Werder Bremen rund zwei Wochen zuvor.

Am Montagabend präsentierte sich der Club sehr ähnlich - mit dem kleinen Unterschied vielleicht, dass die Körpersprache bei einigen doch plötzlich eine andere war. "Leidenschaft und Wille kann man nur entwickeln, wenn man auch Freude am Spiel hat", kommentierte Boris Schommers den Auftritt seiner Elf trocken, die sich nach der Pause nur noch sporadisch über die Mittellinie wagte, vor der Pause bei zwei Kopfbällen von Hanno Behrens und bei Matheus Pereiras überhastetem Abschluss kurz vor der Halbzeit aber durchaus in Führung hätte gehen können.

Ansonsten fielen die sogenannten Nadelstiche, die sie eigentlich hin und wieder setzen wollten, praktisch aus, weil sich kein Nadelstecher finden ließ. Um das eigene System nicht zu gefährden, dachten die meisten Nürnberger überwiegend defensiv, was in ihrer misslichen Lage natürlich keine schlechte Idee war. Zumindest dafür gab’s einen Haufen Komplimente: "Wie die Mannschaft über 90 Minuten die Ordnung gehalten hat, wie sie gegen den Ball gearbeitet haben, wie sie sich nicht haben locken lassen, das war richtig gut", meinte Schommers, Kollege Favre rang sich immerhin ein Lob für die Organisation und Kompaktheit des Gegners ab.

Innerlich hingegen schienen viele Dortmunder regelrecht zu schäumen; der nicht gegebene Elfmeter in der ersten Halbzeit, als Leibold gegen Sancho nicht ganz regelkonform einschritt, gleich zwei Unterbrechungen nach Fan-Protesten gegen den Montagstermin, elf extrem tief stehende Nürnberger. "Es war klar, dass es heute kein Offensivspektakel wird von uns", entgegnete Leibold hinterher, eher ein Defensivspektakel, mit einem überragenden Torwart Mathenia.

"Wir leben"

Die Nummer eins hielt, was zu halten war, davor verschob sich ein vielbeiniger Block stets ballorientiert. Letztlich mit dem gewünschten Erfolg. "Wenn man gegen den Tabellenführer über 90 Minuten kein Tor kassiert, hat man nicht so viel falsch gemacht", fand Leibold, in der Liga hat das seit Ende August erstaunlicherweise nur noch Hannover 96 geschafft, am zweiten Spieltag war das, an einem Freitagabend.

Also fahren sie jetzt "mit einer breiten Brust" (Mühl) nach Düsseldorf, wo auch die Offensive wieder ihren Betrieb aufnehmen soll. Nach den Interviews vom Montagabend möchte der Club da am Samstagabend jetzt unbedingt gewinnen, "wir leben, auf jeden Fall, wir sind da", sagte Mühl nach dem gefühlten 0:0-Sieg.

Die Dortmunder hingegen fuhren mit einer 0:0-Niederlage und nur noch drei Punkten Vorsprung auf den FC Bayern nach Hause. Weil sich der Club diesmal partout nicht einschüchtern ließ. "Alle Spiele sind schwer", versicherte Lucien Favre. Neuerdings sogar die gegen Nürnberg.

 

 

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