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FCN-Chef Grethlein: "In jeder Krise steckt eine Chance"

Der 62-Jährige sieht den Club gerüstet - 15.04.2020 06:04 Uhr

Club-Chef Thomas Grethlein hat in der Krise immer etwas zu tun, ist aber optimistisch. © Sportfoto Zink / Dama


Herr Dr. Grethlein, Sie haben selbst Philosophie studiert. Was sagen Sie denn zu den Prognosen des Sportphilosophen Gunter Gebauer, wonach der Sport in der Post-Corona-Ära an Bedeutung verlieren wird, weil die Menschen erkennen, "dass es wichtigeres im Leben gibt als ein Fußballspiel"?

Thomas Grethlein: Ich bin mit Prognosen immer sehr vorsichtig. Generell würde ich diese Aussage so aber nicht unterschreiben wollen. Ich höre gerade von unglaublich vielen Menschen, wie sehr ihnen ihr Club fehlt. Viele melden sich bei mir und fragen, wann es denn wieder weitergeht. Wenn auf Dauer der persönliche Kontakt fehlt, das Stadionerlebnis, könnte sich die Einstellung aber schon verändern. Ich selbst schaue eigentlich nie alleine Fußball, sondern gehe dann lieber in die Kneipe. Für mich hat das immer etwas mit Gemeinschaft zu tun.

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Haben Sie Verständnis, wenn Menschen gerade dem Profifußball vorwerfen, er lebe in seiner eigenen Blase und habe den Bezug zur Realität verloren? Gerade das lange Zögern der DFL stieß auf Unverständnis.

Grethlein: Natürlich habe ich da Verständnis, auch wenn ich immer sage, dass der Fußball nicht der einzige Bereich ist, in dem sehr viel Geld verdient wird, sondern nur der populärste. Keiner beschwert sich etwa, dass eine Helene Fischer im vergangenen Jahr meines Wissens 14 Millionen Euro verdient hat. Aber damit muss der Fußball leben, es ist die Kehrseite dessen, von dem er sonst zehrt. Ja, vielleicht hätte man früher reagieren und schon das Geisterspiel in Mönchengladbach oder Leipzigs Champions-League-Spiel gegen Tottenham absagen können. Aber im Nachhinein ist es immer leichter, Dinge zu beurteilen, man muss dies aus der Situation heraus verstehen. Niemand musste doch bislang so etwas entscheiden. Ich war auch einer derjenigen, der die Sache anfangs etwas unterschätzt hat. Man muss natürlich für die Zukunft daraus lernen.


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Kann die Krise vielleicht sogar eine reinigende Wirkung haben und den Fußball näher zurück zur Basis bringen?

Grethlein: Das wage ich zu bezweifeln, es klingt mir auch zu romantisierend. Ich glaube jetzt nicht, dass ein Thomas Müller beim FC Bayern weniger verdient als bisher. Viele andere Spieler wird es natürlich treffen, auch die Zweitliga-Gehälter dürften nicht auf dem aktuellen Niveau bleiben, wenn die Umsätze insgesamt sinken. Ich würde mir wünschen, dass man tatsächlich über das eine oder andere noch ein bisschen nachdenkt oder korrigiert, aber dazu bedürfte es einer konzertierten Aktion. Und ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass es eine international übergreifende Solidargemeinschaft aller Fußballklubs geben wird. Es wird auch da welche geben, die ihren Nutzen aus dieser Krise ziehen wollen. Und es wird Verlierer geben.

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In einem Brief an die Mitglieder haben Sie kürzlich betont: "Wir begegnen der Krise mit breitem Kreuz." Das heißt, man muss sich um den 1. FC Nürnberg keinerlei Sorgen machen?

Grethlein: Natürlich gibt es Szenarien, die uns in Existenznöte bringen würden – wie andere Unternehmen auch. Was ich zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass wir relativ gesehen ganz gut dastehen. Wir haben gut gewirtschaftet und sind im Gegensatz zu anderen Vereinen sicher nicht ganz oben auf der Liste. Vor drei, vier Jahren wäre die Situation für uns wesentlich kritischer und besorgniserregender gewesen. Der Club ist ja ein krisenerprobter Verein, der zu kämpfen gewohnt ist.

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Sie haben in Ihrem Schreiben das Bild eines einsamen Fußballfans als "Ikone der Traurigkeit" bezeichnet. Sind Geisterspiele trotzdem unumgänglich?

Grethlein: Auf Dauer wäre das sicher nichts. Aber ich glaube, dem einen oder anderen wäre es inzwischen lieber als gar kein Fußball.

Wäre es moralisch und ethisch überhaupt vertretbar, dem Fußball eine Sonderrolle einzuräumen – etwa bei der Bereitstellung von Corona-Tests?

Grethlein: Wenn die Voraussetzung ist, dass Ressourcen verbraucht werden, die anderswo benötigt werden, wäre das sicher nicht zu vertreten.

Der Club engagiert sich sehr und hat mit seinem Einkaufshelfer-Projekt sogar eine Vorreiterrolle übernommen. Bietet die Krise dem Verein auch die Chance, seiner sozialen Verantwortung noch mehr gerecht zu werden?

Grethlein: Wir haben uns einfach spontan überlegt: Was können wir jetzt tun, wie können wir helfen und aus der Kraft, die der Fußball ja immer noch birgt, etwas Positives bewirken? Gerade durch ihn erreicht man eine große Öffentlichkeit und eine Solidarisierung. Dieses Zusammenrücken der Club-Familie macht mich schon stolz. Oder auch, was die Ultras mit der Spendenaktion für Brescia auf die Beine gestellt haben.

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Was vermissen Sie persönlich momentan am meisten?

Grethlein: Den realen Kontakt zu den Menschen. Man telefoniert natürlich viel mehr, meine WhatsApp-Nachrichten haben sich gefühlt verzehnfacht, aber das ist kein Ersatz. Der Fußball fehlt mir natürlich auch, die Spannung, die Atmosphäre im Stadion. Der Club ist nach wie vor sehr präsent in meinem Leben, aber momentan ist man nur mit den Problemen und Herausforderungen beschäftigt. Das Schöne, das uns faszinierende und fesselnde Spiel, fehlt.

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Sie mussten in Ihrer Amtszeit schon einige prekäre Situationen meistern. Erscheint Ihnen das alles angesichts der globalen Bedrohung rückblickend nicht furchtbar banal?

Grethlein: Da haben Sie recht. Weil jetzt viele andere Menschen betroffen sind, sei es durch Krankheit oder die wirtschaftlichen Folgen. Auch an meinen kleinen Firmen geht das nicht spurlos vorbei. Die Unsicherheit betrifft natürlich auch den Club: Welche Perspektiven gibt es, wie sieht die nächste Saison aus? Transfers, Einnahmen, Ausgaben – noch ist nichts planbar. Der Plan, den man ursprünglich hatte, ist Makulatur.

Kehren wir noch einmal zur Philosophie zurück. Der Schriftsteller Max Frisch hat gesagt: "Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen." Stimmen Sie ihm zu?

Grethlein: Das ist sehr schön. Das Wort Krise kommt ja aus dem Griechischen und bedeutet Entscheidung, also der Punkt, an dem es dann eben rechts oder links weitergeht. In jeder Krise steckt also eine Chance, das ist wirklich so.

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