Franke zu den Paralympics? Auch Gündogan fiebert mit

7.5.2021, 06:45 Uhr
Hasim Celik (rechts) ist ein gefürchteter Gegner. Seine platzierten Tritte machen seinen Kontrahenten oft Probleme.

Hasim Celik (rechts) ist ein gefürchteter Gegner. Seine platzierten Tritte machen seinen Kontrahenten oft Probleme. © Foto: World Taekwondo

Und ein bisschen auch Bruce Lee. Die beiden Großmeister asiatischer Kampfkunst, die ihre Gegner auf der Leinwand mit einem Trommelfeuer an Tritten und Schlägen malträtierten, hatten es Hasim Celik angetan. Das will er auch lernen, beschloss er als Jugendlicher, der damals noch im Trikot der TSG Pappenheim auf dem Fußballplatz stand. Von der Tatsache, dass Finger und Zehen bei ihm nicht voll ausgebildet sind, ließ er sich nicht abhalten.

Mit 12 hat Celik sein erstes Schnuppertraining im Taekwondo beim ESV Treuchtlingen absolviert, seit er 15 ist, lebt er für den Sport. Sein außergewöhnliches Talent zeigt sich früh. Mit gerade einmal 16 Jahren wird er Bayerischer Vizemeister. Nicht in der Jugend, sondern bei den Männern. Bei den nicht-behinderten Männern, wohlgemerkt.

Quarantäne erschwert die Vorbereitung

Aus dem jungen Talent ist inzwischen ein erfahrener Kämpfer geworden. Einer, der alles gewonnen hat. Einmal Gold und zweimal Bronze bei Para-Weltmeisterschaften, einmal Gold und zweimal Silber bei Para-Europameisterschaften. Nur eine Medaille bei den olympischen Spielen fehlt Celik noch. Das soll sich in diesem Sommer in Tokio ändern. Erstmals ist Taekwondo eine paralympische Disziplin.

Damit der 30-Jährige gebürtige Weißenburger sich seinen Traum von Gold erfüllen kann, muss er am Wochenende das Ticket nach Japan lösen. Bei einem Qualifikations-Turnier im bulgarischen Sofia muss Celik dafür Platz 1 erreichen. "Psychisch bin ich voll bereit dafür, körperlich bin ich noch nicht ganz auf dem Stand, wo ich sein will", sagt er wenige Tage zuvor.

In den vergangenen Wochen musste er als Corona-Kontaktperson zweimal in Quarantäne. Celik leitet den Bundesstützpunkt Taekwondo in Nürnberg und steht kurz vor seiner Bachelorarbeit im Fach International Management, von seinem Sport alleine könnte er nicht leben. Als Stützpunktleiter hatte er Kontakt zu positiv getesteten Personen. Die Folge waren Trainingspausen, die die Vorbereitung deutlich erschwert haben.

Hoffnung auf Olympia

Trotzdem ist er entschlossen, am Sonntag als Sieger von der Matte zu gehen. Er spricht vom "wichtigsten Tag meiner Karriere. Aber wenn ich gewinne, wird es bald noch einen wichtigeren geben." Irgendwann im japanischen Spätsommer. Noch ist jedoch nicht sicher, ob die Spiele überhaupt stattfinden können. Schließlich ist die Corona-Pandemie längst nicht besiegt. Aber Celik ist optimistisch: "Die Signale in der sportpolitischen Welt sind derzeit so, dass ich denke, es findet statt".

Bereit für einen Start bei den Paralympics: Der Weißenburger Hasim Celik

Bereit für einen Start bei den Paralympics: Der Weißenburger Hasim Celik © Foto: Deutsche Taekwondo Union (DTU)/DC Fotografie

Außerdem, fügt er augenzwinkernd hinzu, sei "Japan das Deutschland Asiens". Gute Organisation werde daher gewährleistet sein. Irgendwie wird es also klappen, hofft Celik. Vielleicht ohne Zuschauer, vielleicht nur mit japanischen Zuschauern. Sicher aber mit vielen Corona-Tests und strengen Hygieneauflagen. Celik nimmt das gerne in Kauf. Der Traum von Olympia ist stärker als alle Widrigkeiten. Der 1,79 Meter große und 94 Kilo schwere Kämpfer tritt im Schwergewicht an.

Dort versammeln sich im Para-Taekwondo alle Athleten, die mehr als 75 Kilo auf die Waage bringen. Nicht selten auch deutlich mehr. "Die Gegner sind oft einen Kopf größer als ich und 130 Kilo schwer. Das merkt man schon mal bei den Tritten", erzählt Celik lachend. Trotzdem ist es meistens er, der gewinnt. Weil er ein ausgefuchster Taktiker ist, mit einem feinen Gespür für Situation und Gegner. Er weiß genau, wann er welchen Schlag platzieren muss.

Keine Tritte zum Kopf

Fünfmal die Woche trainiert er dafür. So gut wie immer mit nicht-behinderten Gegnern, nicht selten Weltklasse-Kämpfern wie Tahir Gülec. Nur in einer Hinsicht unterscheidet sich Para-Taekwondo von der traditionellen Variante. "Wir paralympischen Sportler kicken nicht gegen den Kopf", sagt Celik. "Es gibt Athleten, die Amputationen haben und solche Tritte deswegen schwerer blocken können."


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Nach seinem starken Auftritt bei den Bayerischen Meisterschaften als 16-Jähriger holt ihn der Landestrainer nach Nürnberg an die Bertolt-Brecht-Schule. Sein Banknachbar bis zum Abitur: Ilkay Gündogan, der von 2009 bis 2011 für den 1. FC Nürnberg spielte und nun am 29. Mai mit Manchester City im Finale der Champions League steht. Noch heute verbindet Celik und Gündogan eine Freundschaft, immer wieder telefonieren die beiden miteinander.

Jackie Chan wäre stolz

Wie sein ehemaliger Schulkamerad tritt Celik auf internationalem Parkett für Deutschland an. Das war nicht immer so. Ab 2008 war Celik, der die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, zunächst Teil der türkischen Nationalmannschaft. Seitens der Deutschen Taekwondo Union zeigte man damals kein großes Interesse an einem Para-Sportler. Nachdem Celik 2013 bei der Para-WM im schweizerischen Lausanne die Goldmedaille geholt hatte, änderte sich das.

Seitdem tritt Celik für Deutschland an – und ist froh, nicht mehr für jedes Trainingslager in die Türkei reisen zu müssen. Stattdessen geht es jetzt nach Bulgarien zur Olympia-Quali (Livestream über dtu.de). Gewinnt Celik, darf er bei den Paralympics nach dem ganz großen Titel greifen. Spätestens dann wäre auch Jackie Chan stolz auf Hasim Celik.

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