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Gassi gehen statt trainieren: So verbringt Frodeno die Corona-Pause

Der Ironman-Weltmeiser spricht über seinen Alltag in den eigenen vier Wänden - 31.03.2020 14:33 Uhr

"Im nächsten Jahr freue ich mich dann, das Rennen umso mehr zu feiern": Jan Frodeno will 2021 in Roth beim Challenge starten

© Günter Distler


Kürzlich hat Triathlet Jan Frodeno auf seinen sozialen Kanälen das Bild einer jungen Frau eingestellt, deren Blick nicht viel Gutes verheißt. "Das ist Ane, einer der nettesten Seelen und seit einem guten Jahr Teil unseres Teams", schrieb der dreifache Hawaii-Champion. Die Spanierin kümmerte sich an seinem Wohnsitz in Girona für ein Jahr um die Betreuung der Kinder – nun hat sie entschieden, aufgrund der dramatischen Notlage durch das Coronavirus in ihren ursprünglichen Beruf als Krankenschwester zurückzugehen. Vorher aber rief sie bei Frodeno an, ob er nicht wüsste, woher sie noch eine Schutzmaske bekommen könnte – die Krankenhäuser in Katalonien hätten keine mehr.

"Es gibt Wichtigeres"

Die Botschaft konnte auch für Jan Frodeno nur lauten: "Es gibt gerade Wichtigeres als den Sport." Nie war ein Wettkampf weiter weg. Der 38 Jahre alte Ironman-Weltmeister hatte vieles auf den für den 5. Juli vorgesehenen Challenge Roth ausgerichtet, wo er an der Spitze eines exquisiten Starterfelds gestanden hätte. Am Donnerstag erfolgte die Absage. Frodeno teilte umgehend mit, das sei zwar schade, "aber war ja bei der aktuellen Entwicklung unausweichlich".

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Die veranstaltende Familie Wachshöfer sprach von der "schwierigsten Entscheidung der letzten 19 Jahre" und bat die Teilnehmer darum, auf einen Teil der Rückzahlung der Startgelder zu verzichten, damit die fränkische Triathlon-Traumfabrik nicht ihren Betrieb einstellen muss. Frodeno forderte "auf einer weiteren Ebene, sich über Solidarität gegenüber Veranstaltern Gedanken zu machen." Er selbst gab gleich eine Startgarantie für den 4. Juli 2021. "Im nächsten Jahr freue ich mich dann, das Rennen umso mehr zu feiern", erklärte Frodeno im ZDF-Morgenmagazin. Obwohl im Triathlon extreme Einzelkämpfer unterwegs sind, will eine Galionsfigur Zusammenhalt beweisen.

Frodeno ist derzeit in seinem Alltag fast völlig isoliert: In seiner spanischen Wahlheimat, wo er vom Frühjahr bis zum Herbst mit seiner Familie lebt, fallen die Einschränkungen durch den "Corona-Lockdown" noch viel drastischer aus als in Deutschland: Nicht mal Joggen oder Radfahren dürfen Einzelpersonen – und die Kontrollen verschonen selbst die Topsportler nicht. "Ich darf vor der Haustür mit dem Hund Gassi gehen, zum Einkaufen oder zur Apotheke", schilderte er seine Situation im ZDF. "Ich verliere an Substanz und Form, zumal es relativ absehbar ist, dass in diesem Jahr sportlich wenig bis gar nichts passieren kann." Und natürlich frage man sich, "wofür trainiere ich 35 Stunden, wenn es wahrscheinlich in 2020 keine Wettkämpfe mehr geben wird. Aber es gibt in diesen Tagen wichtigere Fragen."

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"Ich bin nicht mehr der Jüngste, vielleicht kann ich die Radfahrleistung auf dem Simulator erhöhen, aber das ist relativ öde", sagt Frodeno. Gleichwohl weiß er, dass ihn nur "Luxusprobleme" plagen. Mit seiner Frau Emma, die australischen Weltklasse-Triathletin, die wie Frodeno bei den Olympischen Spielen in Peking Gold gewann, lebt er in der Peripherie der 100.000-Einwohnerstadt Girona. Ein großzügiger Fitnessraum mit Rennrad auf der Rolle oder Laufband sind auf dem Anwesen vorhanden. Über die Plattform Zwift, eine Indoor-Radfahr-App, können Ausdauerenthusiasten für 90 Minuten mit Frodeno fahren, für den die Einheit eher eine "Schlafzimmerrunde" darstellt.

Schwitzen vorm Bildschirm

Obwohl der Triathlon-Weltverband bislang nur die Aktivitäten bis Ende April eingestellt hat, geht Frodeno nicht davon aus, dass er seinen Sport im Jahr 2020 ausüben kann. Selbst der Saisonhöhepunkt im Oktober, der Ironman Hawaii, dürfte auf der Kippe stehen. Erstaunlich, dass mitten in der Krise nun just die komplette Ironman-Sparte vom bisherigen Besitzer, der chinesischen Wanda-Gruppe, an das amerikanische Investmentunternehmen Advance veräußert wurde. Der Kaufpreis dürfte über eine halbe Milliarde Dollar betragen haben, weil auch die Professional Triathlon Organisation (PTO), die vom US-Milliardär Michael Moritz gestützte Profi-Gewerkschaft, schon hohe Übernahmeangebote unterbreitet hatte.

Welche Auswirkungen der Verkauf der Marke auf die weltweit 235 Sportevents mit dem berühmten M-Dot-Logo hat, ist nicht exakt abzuschätzen. Wohl aber ist zu vermuten, dass Jan Frodeno noch eine ganze Weile vor dem Flachbildfernsehgerät schwitzen muss, wenn er sich verausgaben will.

Frank Hellmann

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