Eine wunderbare Pokal-Reise

Hallo Hamburg! Der HCE kommt, um Geschichte zu schreiben

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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22.4.2022, 08:00 Uhr
Ein schöner Abend war das in Gummersbach: Tanzen will der HC Erlangen jetzt natürlich auch in Hamburg.

© Foto: Wolfgang Zink Ein schöner Abend war das in Gummersbach: Tanzen will der HC Erlangen jetzt natürlich auch in Hamburg.

Es hätte größere Hallen in Handball-Deutschland gegeben, schönere, selbst geschichtsträchtigere. Zu der Geschichte des HC Erlangen aber passte diese Spielstätte im Westen Deutschlands, die den Namen eines Reifenherstellers trägt, weil der genau dafür bezahlt hat. In diesem Samstagabend im Februar hätten sich in der Schwalbe-Arena Vergangenheit und Zukunft abklatschen sollen. Und genau das passierte dann ja auch. Nur eben nicht so, wie man sich das in Gummersbach gewünscht hatte.

Gummersbach zählt zu jenen Städten, von denen keiner außerhalb des zugehörigen Verkehrsgroßraum weiß, wo genau sie eigentlich liegen, die aber viele mit einem Sportereignis, einer Sportlerin oder einem Sportler oder mit einer Sportart in Verbindung bringen. Eberstadt (Landkreis Heilbronn): Hochsprung-Meeting. Filderstadt (südlich von Stuttgart): Tennisturnier. Clausthal-Zellerfeld (Landkreis Goslar): Arnd Peiffer (Biathlet). Brühl (Rhein-Neckar-Kreis): Steffi Graf (Tennisspielerin). Lohhof (eigentlich Unterschleißheim bei München): Volleyball. Oder eben Gummersbach (Oberbergischer Kreis): Handball.

Siemens, Uni - und Handball?

1966, 1967, 1969, von 1973 bis 1976, 1982, 1983, 1985, 1988 und 1991 – zwölfmal stellte der Verein für Leibesübungen den Deutschen Meister in einer Sportart, die erst in den 60er Jahren den Weg in die Hallen fand und die nicht nur deshalb als deutscheste Sportart gilt, weil der Berliner Oberturnwart Max Heiser am 29. Oktober 1917 festgelegt hatte, dass das von ihm erfundene Torball fortan als Handball bezeichnet werden solle. Ein halbes Jahrhundert später galt eine Kleinstadt im Bergischen Land als Hauptstadt dieser deutschen Sportart. Zwölf Meistertitel – da konnte nicht einmal der Turnverein aus dem unterfränkischen Großwallstadt (sechs Titel) mithalten und schon gar nicht der Turn- und Sportverein Essen-Margarethenhöhe (drei) mithalten.

Auch weil Gummersbach im Handball inzwischen aber auch für Zahlungsschwierigkeiten und für eine Lizenzverweigerung 2011 bekannt ist, ist die 2. Liga zur sportlichen Heimat für den VfL geworden. An diesem 5. Februar 2022 aber stand der Verein kurz vor der Rückkehr auf die große Bühne. Auf der letzten Stufe stand nur noch der Handballclub aus einer Stadt, die für Siemens bekannt ist, für seine Universität, für seine Fahrradfahrer und weil ihr Max Goldt ein Lied gewidmet hat. Fünf Pokalsiege, unvergessen die Finalerfolge gegen Essen, Hüttenberg und Großwallstadt, gegen zwei Aufstiege, die noch nicht einmal Erwähnung im Briefkopf des Vereins gefunden haben.

Und tatsächlich sah es so aus wie einst in den 80ern, als Heiner Brand an der Seitenlinie stand und Andreas Thiel, der Hexer, im Tor. 16:12 führte der VfL und hätte noch viel höher führen müssen. Doch allmählich wurden die Gästefans in der Schwalbe-Arena lauter, allmählich wurden die Gäste stärker, selbstbewusster – angetrieben von ihren Anhängern, die wussten, dass dies der Abend sein kann, an dem sich der HC Erlangen bei jenen einen Namen über den Verkehrsgroßraum Nürnberg hinaus macht, die bei Handball immer noch an Gummersbach und Großwallstadt denken und erst danach an Flensburg-Handewitt, den Turnverein Hassee-Winterbek aus Kiel oder den Sportclub aus Magdeburg denken.

Leder, Harz und Schweiß

"Einfach phänomenal", sollte Johannes Sellin später feststellen, nach dem 29:27 im Viertelfinale, "natürlich pusht das." Dass der Impuls von den Rängen kam, von den Fans, die schrien, brüllten, wie von Sinnen mit ihren roten und blauen Glitzerfahnen wedelten, auch das passt zu dieser Geschichte von Leidenschaft für den Handballsport, die sich ihren Weg über die Jahre aus nach Leder, Harz und Schweiß duftenden Turnhallen in die Arenen gebahnt hat. In Erlangen genauso wie einst in Gummersbach.

Die Eugen-Haas-Halle war schnell zu klein geworden für die regelmäßigen Europapokalabende, der VfL Gummersbach trug seine Heimspiele in Köln aus oder in Dortmund. In Erlangen war die Karl-Heinz-Hiersemann-Halle Heimat des HCE, ein perfekter, weil enger und deshalb stimmungsvoller Aufführungsort für Handball – zumindest bis in die 2. Liga. 2014 zog der HCE zumindest für seine Heimspiele ins nahegelegene Nürnberg. Das war die Grundlage für eine sportliche Erfolgsgeschichte. Nach dem zweiten Aufstieg 2016 belegte Erlangen Platz neun. In den 10er-Jahren war kein Aufsteiger in der vermeintlich besten Liga der Welt besser. Noch beeindruckender aber waren jeweils mehr als 5000 Fans, die den Handballclub zwei Jahre später pro Spiel in der Arena Nürnberger Versicherung anfeuerten. Handball hatte die Metropolregion erobert.

Corona bremste auch den HCE aus, machte aber auch einen ganz besonderen Abend möglich, der auf der Reise nach Hamburg vielleicht noch wichtiger war als der Sieg beim namhaften Zweitligisten im Bergischen Land. Mitten in der vierten Welle empfingen die Erlanger die HSG Wetzlar tatsächlich wieder in: Erlangen. Holzbänke statt Sitzschalen, Anzeigetafel statt Videowürfel, Biergarnituren statt moderner VIP-Bereich, Dreifachturnhalle statt Multifunktionsarena, 300 zugelassene Zuschauer statt kühle Geisterspielstimmung. Das Ergebnis war mitreißend, beeindruckend und genau das, was diese immer wieder wankende Mannschaft auf dem Weg zum größten Erfolg der Vereinsgeschichte gebraucht hatte: 31:19 – der HCE hatte seinen Gegner demontiert, dabei kam der nicht aus dem Unterhaus, sondern ist in der Erstliga-Tabelle in Regionen außerhalb der Erlanger Sichtweite enteilt.

Der HCE schubste, kratzte, pöbelte und erkannte sich irgendwann selbst nicht mehr wieder. Michael Haas machte irgendwann ob des aggressiven Spiels auf der Platte "ein Gefühl der Unbesiegbarkeit" aus. Weil er das zu selten gespürt hatte, ist er mittlerweile nicht mehr Trainer des Final-Four-Teilnehmers. Aber auch der Ex-Profi darf behaupten, etwas dazu beigetragen zu haben, dass sich der Handballclub aus Erlangen am 23. April 2022 erstmals in einem exklusiven Kreis einfinden darf.

Die perfekte Bühne für ein Wunder

Für den SC Magdeburg, Erlangens Gegner im Halbfinale, ist ein Pokalfinalturnier Routine. 1996 und 2016 reichte es zum Pokalsieg, 2001 zur Meisterschaft. Vor allem dominiert die Mannschaft des heißblütigen Trainer Bennet Wiegert in diesen Monaten die Bundesliga. Erst mit gebührendem Abstand folgt der THW Kiel, Abo-Meister, Abo-Pokalsieger aus der Handball-Hauptstadt der Moderne, erfolgreicher als einst der VfL Gummersbach und der TV Großwallstadt zusammen, und natürlich ebenfalls nach Hamburg eingeladen, wo im zweiten Halbfinale eine Mannschaft aus einer Kleinstadt wartet, die ebenfalls beinahe ausschließlich für eine Sportart bekannt ist. Lemgo (Kreis Lippe): Handball. Auch beim Turn- und Ballspielverein kennt man sich aus, viermal bereits hieß der deutsche Pokalsieger TBV Lemgo.

"Mehr geht nicht", merkte Carsten Bissel, Aufsichtsratschef des HCE im Interview mit diesem Medienhaus an: "Der aktuell beste Verein, der Tabellenzweite und der Titelverteidiger. Und ein vierter Verein, der noch nichts gewonnen hat." Der HC Erlangen hat also keine Chance, erst im Halbfinale gegen den übermächtigen SC Magdeburg, dann nach einem Sieg, der mit "Sensation" maßlos untertrieben beschrieben wäre im Finale gegen Kiel oder Lemgo? Richtig, genau deshalb freuen sie sich ja so auf dieses Wochenende in der Barclays Arena im Altonaer Volkspark. Eine schönere Halle für Handballwunder findet man in Deutschland kaum.

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