Ein Interview zum Abschied

Coach Jessica Campbell: "Ich werde mein Leben lang Fan der Ice Tigers bleiben"

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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2.4.2022, 10:00 Uhr
Jessica Campbell hat die Ice Tigers verändert, nach fünf Tagen hat sie Nürnberg wieder verlassen. "Leider", sagt dazu Tom Rowe (links). 

© Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa Jessica Campbell hat die Ice Tigers verändert, nach fünf Tagen hat sie Nürnberg wieder verlassen. "Leider", sagt dazu Tom Rowe (links). 

Wann verlassen Sie Nürnberg?
In ungefähr fünf Stunden.

Und wie schwer wird Ihnen das fallen?
Jetzt machen Sie mich emotional. Ich hatte hier so viel Spaß. Wenn ich dann im Flugzeug sitze, wird mich erst überwältigen, was hier alles passiert ist. Die Jungs heute noch einmal zu sehen, die Fans zu erleben, die Gesänge – das fasst zusammen, wie diese ganze Woche war: Es war berauschend, lehrreich, fordernd – für alle. Ich werde das sehr vermissen. Sicher werde ich der größte Ice-Tigers-Fan sein, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich hoffe, der Mannschaft über Zoom-Calls auch aus der Ferne noch helfen zu können. Aber ich werde mein Leben lang ein Fan dieses Klubs bleiben.

In den Nürnberger Nachrichten erschienen zwei Texte über Sie, die Süddeutsche Zeitung berichtete groß, ebenso der Sportinformationsdienst. Sie gaben Fernsehinterviews, das Interesse war ungewöhnlich groß. Ist es nicht auch ein wenig traurig, dass eine Frau hinter der Bande im Jahr 2022 eine so große Aufmerksamkeit hervorruft?
Ja. Ich bin froh, dass Sie mir diese Frage stellen. Ganz ehrlich, so wie sich das Spiel entwickelt hat, sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern, ist es ein wenig komisch: Aber das hier ist ein Anfang. Und es ist großartig, dass es in Nürnberg begonnen hat, in der DEL. Das ist ein Geschenk, aber die Schlagzeile muss sein: Gut so, aber was kommt als Nächstes? Was muss passieren, dass es nicht bei dieser einen Geschichte bleibt, dass es in der Zukunft normal wird? Aber natürlich bin ich froh über diese Beachtung, weil es den Spielern hier die Augen geöffnet hat. Die Ice Tigers werden erzählen können, wie es ist, von einer Frau gecoacht zu werden – und dass der Unterschied gar nicht so groß ist.

In einem anderen Gespräch haben Sie über das Nein gesprochen, das Ihnen bislang oft begegnet ist. Heißt das, dass Sie sich aktiv um Jobs wie diesen beworben hatten, aber nicht genommen wurden?
Na ja, für solche Jobs gibt es ja keine Stellenausschreibung. Da ist diese Barriere, die bislang niemand eingerissen hat. Niemand hat bislang explizit nach weiblichen Coaches gesucht. Und ich kann auch nicht behaupten, dass ich mich aktiv um jeden offenen Job beworben hätte. Aber wenn man mit Beratern über mögliche Jobs spricht, über Chancen und Möglichkeiten, dann hört man: Ähem, nein, wahrscheinlich wird das nichts, weil Sie eine Frau sind. Nichts für ungut.

Also kommt es gar nicht erst zu Gesprächen mit Managern und Sportdirektoren?
Nein. Das ist kein Vorwurf an die Berater. Ich hatte Gespräche mit Agenten, die genau das wollen. Aber diese Barriere erscheint vielen als unüberwindbar. Ich glaube, dass diese Mauer eingerissen werden kann. Deshalb kehre ich immer wieder zu denselben Fragen zurück: Wie kann ich mich weiterentwickeln? Wie kann ich auf mich aufmerksam machen? Wie kann ich als Coach weiter wachsen? Und dann kommt man an einen Punkt, an dem das Nein keine Rolle mehr spielt, sondern nur noch, was einen einzigartig macht. Du brauchst nur das Vertrauen von Menschen, von Menschen wie Tom Rowe. Es gibt viele Menschen in diesem Sport, die offen sind, gerade jetzt.

Wie meinen Sie das?
Stefan Ustorf (Sportdirektor der Ice Tigers, die Redaktion) hat erkannt, dass sich das Spiel verändern wird, dass Eishockey weiblicher wird, weniger körperlich, schneller. So wie wir das Spiel schon seit Jahren spielen. Wir können Fürsprecher für diese Veränderung sein und durch ihren Spielstil können das nun auch die Ice Tigers sein. Wenn Sie sich die letzten Frauen-Spiele bei den Olympischen Spielen ansehen (zwischen Kanada und den USA, Anmerkung der Redaktion), werden Sie erkennen, wie schnell es ist, wie sehr es auf Puckbesitz ausgelegt ist und wie viel Spaß es macht, dabei zuzusehen.

Die Vancouver Canucks haben zuletzt eine Frau als stellvertretende Sportdirektorin eingestellt. In Nordamerika scheint sich da ein bisschen was zu verändern. Wissen Sie, ob auch Ihre 120 Stunden mit den Ice Tigers in Ihrer Heimat beachtet wurden?
Zumindest haben mich viele Nachrichten erreicht, in denen es heißt, dass wir genau das brauchen. Ich habe ja bereits als Skill- und Skating-Coach gearbeitet, das heißt, meine Kunden sind ja bereits auf mich zugekommen, weil sie mit mir arbeiten wollten. Sie haben dafür gezahlt, dass ich sie besser mache. Ich wusste also schon, dass ich einzelne Spieler und Spielerinnen besser machen kann. Die Frage war nur, wie sich das innerhalb einer Mannschaft äußert. Hier in Nürnberg habe ich mir selbst dieses Etikett „Skills Coach“ heruntergerissen. Ich habe mir bewiesen, dass ich als Co-Trainerin in einer Männermannschaft arbeiten kann, vielleicht irgendwann als Coach. Es gibt Cammy Granato, die jetzt bei den Canucks arbeitet, es gibt viele Pionierinnen mehr, die so viel Ahnung, Erfahrung und Bildung haben, die so brillant sind, so leidenschaftlich. Und endlich bekommen sie die Bühnen, auf denen sie das beweisen können. Und nur darum geht es doch, endlich diese Chance zu bekommen. Vielleicht ist man da in Nordamerika schon ein bisschen weiter. Aber hinter der Bande war da eben auch noch keine Frau gestanden, also mittendrin. Hinter den Kulissen arbeiten schon Frauen, beschaffen Information, beobachten Spieler, aber das Sagen hinter der Bande hatte bislang noch keine. Vielleicht hat Tom (Rowe) jetzt in diesen drei Spielen mit mir bewiesen, dass es möglich ist.

Sind die Ice Tigers bereit für die Playoffs?
Aber sicher. Heute hat man das gut gesehen: Sie kamen stark aus den Startlöchern, haben ihre Angriffe vehement beendet, dann haben sie sich ein wenig zurückgelehnt, haben Dinge gemacht, an denen sie eigentlich gearbeitet haben. Der Gegner hat sich gewehrt, kam zurück, und trotzdem haben sich die Ice Tigers wieder gefunden. Dafür braucht es Zeit. An dieser Unbeständigkeit können sie noch arbeiten. Aber sie sind definitiv bereit, defensiv, offensiv, in Unter- und Überzahl. Ganz sicher.

Sie können also reinen Gewissens gehen?
Sieht wohl so aus, ja. (Im Hintergrund sagt Tom Rowe: „Leider“)

Noch einmal ganz ehrlich: Vor zehn Tagen, wie viele Ice Tigers kannten Sie da?
Keinen. Jetzt aber gehört jeder einzelne zur Familie.

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