NHL-Draft: Ein Nürnberger für die beste Liga der Welt

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

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7.10.2020, 10:14 Uhr
In Nürnberg geboren, in Rosenheim aufgewachsen, in Berlin zum Eishockey-Profi geworden: Künftig arbeitet Lukas Reichel in Chicago.

© Matthias Balk, dpa In Nürnberg geboren, in Rosenheim aufgewachsen, in Berlin zum Eishockey-Profi geworden: Künftig arbeitet Lukas Reichel in Chicago.

Im Lindestadion wurden andere Spieler lauter bejubelt, Sergio Momesso zum Beispiel oder Johnny Craighead. Nach Nürnberg aber passte Martin Reichel natürlich besser, weil er seiner Arbeit bescheiden nachging, weil er freundlich war und zurückhaltend. Sechs Jahre hat Reichel für die Ice Tigers gespielt, nach Eishockey-Maßstäben also: immer. Welch großen Gefallen der Tscheche mit dem deutschen Pass dieser Stadt getan hat, zeigt sich aber erst 18 Jahre später.

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Am 17. Mai 2002 wurde in Nürnberg Martin Reichels zweiter Sohn geboren: Lukas. Eben jener Lukas Reichel, dessen Name in der Nacht zum Mittwoch von den Chicago Blackhawks ausgerufen wurde. Etwas Besseres hätte dem 18 Jahre jungen Eishockeyprofi nicht passieren können. Kein Experte hatte mehr daran gezweifelt, dass der Stürmer beim Draft der National Hockey League mit dem corona-bedingt langen Vorlauf in der ersten Runde gezogen werden würde. Für die Eisbären Berlin hatte er in 42 Spielen 12 Tore erzielt und 12 vorbereitet. Aber dass er bereits um 3.04 Uhr an Position 17 gezogen wurde, war dann doch eine Überraschung.

Die Blackhawks, ein Wunschteam

Einmal im Jahr werden die besten Eishockey-Talente der Welt an die 31 Klubs der NHL verteilt. Danach muss erst noch verhandelt werden, dennoch klingt das für im fußballliebenden Deutschland seltsam. Für die Talente aber ist es eine große Ehre – und eine noch größere, für so gut befunden zu werden, dass man bereits in der ersten von sieben Runden aufgerufen wird. So wie Tim Stützle, der sich für den Livestream der NHL in einer Sportsbar in Mannheim Mütze und Trikot der Ottawa Senators überzog, die ihn an Position drei gezogen hatten. Und so wie Reichel, dessen NHL-Laufbahn im System der Chicago Blackhawks beginnt, jener Blackhawks, deren großer Fan er ist.

Vor einem Jahr hatte Reichel mit den Eisbären bereits in der Vorbereitung gegen die Blackhawks spielen dürfen. Eine "unwirkliche Erfahrung" nannte er das danach. Und genau dieser Klub gibt ihm nun die Möglichkeit, sich in der NHL durchzusetzen. "Wenn ich mir ein Team hätte aussuchen dürfen, wären es die Blackhawks gewesen", sagte er nun in einer ersten Zoom-Pressekonfernez. Sechs Kilogramm hat der Neffe der tschechischen Eishockey-Legende Robert Reichel im Sommer zugelegt – natürlich an Muskeln.

Selbstbewusstes Supertalent: Die Ottawa Senators sicherten sich die Rechte an Tim Stützle. 

Selbstbewusstes Supertalent: Die Ottawa Senators sicherten sich die Rechte an Tim Stützle.  © Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Noch weiß er aber nicht, wann er sein Talent und seine neue Kraft unter Beweis stellen kann. Wie die Deutsche Eishockey Liga hat auch die National Hockey League keinen klaren Zeitplan für einen Wiederbeginn. Es wird spekuliert, dass Reichel und Stützle Mitte November mit ihren neuen Teams ins Trainingslager gehen werden. Reichel will sich zwei Jahre Zeit geben, um sich in der NHL durchzusetzen. Generell schaffen es nur wenige Talente direkt vom Draft in die NHL, Alexis Lafrenière, der an Position eins an die New York Rangers ging, wird das zugetraut, aber auch Stützle, der sich bei den Adlern Mannheim ebenfalls bereits gegen Männer hat durchsetzen können.

Wie einst in Nürnberg

Der einzige Nürnberger, der es bislang in die NHL geschafft, ist der Torhüter Niklas Treutle. Den großen Moment hat Lukas Reichel übrigens in einem Restaurant in Berlin erlebt, zusammen mit seinen Kollegen von den Eisbären und natürlich mit seiner Familie. Martin Reichel war natürlich auch mit dabei. Aber als es laut wurde in Berlin, da hielt er sich erst zurück und ließ erst die stolze Mutter und Bruder Thomas den künftigen NHL-Spieler umarmen. Genauso kennt man ihn aus Nürnberg.

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