Sportklettern

Showdown bis zum Olympia-Wettkampf: Alexander Megos in Tokio

26.7.2021, 18:47 Uhr
In der Luft: Kletterer Alexander Megos wartet noch auf seinen Wettkampf, Tokio erkunden ist aber trotzdem nicht möglich.
 

In der Luft: Kletterer Alexander Megos wartet noch auf seinen Wettkampf, Tokio erkunden ist aber trotzdem nicht möglich.   © Eibner-Pressefoto/EXPA/Groder via www.imago-images.de, NN

Selbst unter knapp 14 Millionen Einwohnern kann man sich manchmal recht alleine vorkommen. Besonders in Corona-Zeiten und in einer fremden Stadt. Alexander Megos sieht diese Stadt jeden Tag, von seinem Fenster aus hat er einen beeindruckenden Blick über die zahllosen Häuser und Wolkenkratzer von Tokio. Sogar auf das Olympiastadion.


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Einfach auf die Straße gehen aber kann der sonst so unternehmungsfreudige Erlanger nicht. Seit einer Woche sitzt er im Hotel. Oder im Bus. Oder schwitzt in der Halle. Aus sportlicher Sicht ist das nicht schlimm, denn deshalb ist Alexander Megos natürlich nach Tokio gereist. Der Kletterer der DAV Sektion Erlangen hat sich für die Olympischen Spiele qualifiziert und gehört zusammen mit seinem deutschen Teamkollegen Jan Hojer zu den 20 Athleten, die am Dienstag, 3. August, in die Qualifikation der Disziplin "Olympic Combined" starten. Die besten Acht kommen ins Finale zwei Tage später.

Seit gut einer Woche sind die beiden Sportler, Bundestrainer Urs Stöcher, ein Physiotherapeut und der Sportdirektor in Tokio zu einem vom DAV organisierten Trainingslager, allerdings isoliert im Hotel. "Man bekommt die Zeit besser rum als anfangs erwartet", sagt Megos. "Wir haben morgens, mittags oder abends einen Trainingsblock. Mit dem Shuttle fährt man eine Stunde vom Hotel bis zur Halle, insofern wird uns nicht langweilig." Für jemanden wie Alexander Megos - naturverbunden, offen, interessiert an verschiedenen Kulturen - muss es sich trotzdem ziemlich trist anfühlen.


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Dass in direkter Nachbarschaft olympische Wettkämpfe stattfinden, davon merken die Kletterer so gut wie nichts. "Wir konnten das Feuerwerk von der Eröffnungsfeier vom Hotel aus beobachten", sagt Megos. Das war's auch schon mit dem Olympia-Flair. "Wir hatten bislang nur mit ganz wenigen Japanern Kontakt, die Öffentlichkeit sehen wir nur aus dem Fenster, 100 Meter unter uns." Von denjenigen, die auf das DAV-Team treffen, Busfahrer oder der Hausmeister der Sporthalle, gibt es zumindest Grußbotschaften oder Glückwünsche.

Fünf Tage vor dem Wettkampf dürfen die Athleten ins olympische Dorf ziehen, für das DAV-Team ist es am Samstag soweit. Und nur Sportler, die dort wohnen, dürfen an der Eröffnungsfeier teilnehmen. So sind die Corona-Regeln. Und davon gibt es viele. Die schlimmste ist wohl, dass keine Zuschauer, Familien und Betreuer der Athleten nach Japan reisen dürfen. Alexander Megos trifft das besonders, denn deshalb sind auch seine beiden Trainer, Patrick Matros und Dicki Korb, nicht in Tokio dabei. Beim bisher größten Wettkampf ihres Athleten überhaupt.

Matros und Korb sind für Megos viel mehr als nur Trainer, sie sind Vertraute, Mentalcoaches, Freunde. Seitdem sie den schmächtigen Blondschopf im alten Erlanger Kletterzentrum entdeckt haben, ist das Trio permanent zusammen. Das Projekt Alexander Megos ist auch das Projekt von Patrick Matros und Dicki Korb, die früh sein Talent entdeckten, die ihn förderten, ihn noch lange bevor der Verband tätig wurde, zu einem der besten Felskletterer der Welt formten. "Auch wenn es mal schlecht läuft, wie 2019 nach seiner Verletzung, wissen wir, wie man ihn auffängt", sagt Korb. "Wir können über alles reden. Ich hoffe, dass es in Tokio gut läuft, dass er uns hier nicht braucht."

Matros und Korb waren auch dabei, als sich Megos vor zweieinhalb Jahren die Olympia-Qualifikation zum Ziel setzte. Damals haben sie sich versprochen, es zu dritt durchziehen, es gemeinsam nach Tokio zu schaffen. "Dass das nicht klappt, ist traurig. Auch die Familie von Alex, seine Großeltern, Mutter, Vater, Schwester, alle hatten Tickets gekauft - und jetzt ist er alleine dort", sagt Korb. "Es wäre cool, sie dabei zu haben", meint Megos. "Ich trainiere seit 15 Jahren mit ihnen, sie sind ein großer Bestandteil meines Kletterns und meiner Leistung." Die Coaches stehen deshalb auch permanent in Kontakt mit dem 27-Jährigen. Trotz der enormen Zeitverschiebung.

"Der Jetlag ist nach einer Woche weg, so langsam kommt das Gefühl, dass man fit ist und auch in der Hitze performen kann", sagt Megos. Bei zwei Weltcups in China hatte der Erlanger Probleme mit den klimatischen Bedingungen, vor allem beim Bouldern stört die extreme Luftfeuchtigkeit. Täglich vier Stunden Training hat das DAV-Team, das dafür entweder in die Boulder- oder Kletterhalle fährt. Für Alexander Megos ist das vergleichsweise wenig. Zumindest aber sind die Hallen "Weltklasse", meint der Erlanger. Die schwierigsten Boulder brauche man erst gar nicht probieren, so hart sind die.

"Es kann aber auch komplett schief laufen"

Wie hart der Wettkampf wird, ist im Vorfeld kaum abzuschätzen. Sportklettern ist erstmals olympisch. Die Athleten müssen sich in drei Disziplinen beweisen. Die erste, das Speedklettern, liegt Megos nicht. Punkten will er im Bouldern und im Lead, dem Seilklettern. Dabei kommt es darauf an, wie die Routen geplant sind, ob sie ihm liegen oder nicht. So ist immer auch Glück dabei. Dicki Korb sagt: "Ich traue Alex alles zu, er kann im Lead und Bouldern gewinnen. Es kann aber auch komplett schief laufen." Läuft es komplett super, ist eine Medaille möglich. Familie und Freunde in Erlangen müssen im Fernsehen mitfiebern, Trainer Dicki Korb wird bei der Übertrag als TV-Experte im ZDF zu hören sein. Sie alle werden an ihn denken, auch wenn sie aktuell nicht bei ihm sein können.

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