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"Todtraurig" bis "stinksauer": Die Stimmung in den Fanclubs

Die Interimstrainer haben eine Mammutaufgabe vor sich - 30.06.2020 19:30 Uhr

Die Fans sind enttäuscht, sauer, besorgt, aber immerhin auch etwas hoffnungsvoll.

© Sportfoto Zink / Daniel Marr


Die letzte Chance auf den direkten Klassenerhalt ist verspielt, die Relegation sichere Sache. Der 1. FC Nürnberg blickt auf eine Saison voller Rückschläge und Miseren zurück und befindet sich statt auf einem Aufstiegsplatz am entgegengesetzten Ende der Tabelle. Eine schlechtere Platzierung in der zweiten Bundesliga gab es zuletzt vor 24 Jahren.

Kurz gesagt: Es sieht schlecht aus am Valznerweiher. Und die Stimmung unter den Fans ist entsprechend gedrückt. "Von todtraurig bis total verärgert ist alles dabei", berichtet Mike Schulz, Vorstand des FCN-Fanclub "Zur Linde Kleinfalz" und auch beim Fanclub 13 Rot-Schwarze Legenden ist die Lage "momentan mehr als angespannt, weil auch die Statistik der letzten 10 Jahre deutlich gegen uns spricht!" Beim 1. FCN Weinfranken Dettelbach 1993 e.V. sieht man die Situation beim Club "ganz ganz schwer" an: "Aufgrund des Trainerwechsels sind wir leicht optimistisch, aber sonst stinksauer!"

Vor allem sind die Meinungen in den Fanclubs aber gespalten: "Wir sind ein Fanclub mit 90 Mitgliedern, da sind nicht alle gleich gestimmt", berichtet Sven-Heinz Wieczorek von den Rot-Schwarz BeGLUBBten. "Es gibt viele, die momentan sehr sehr schlecht drauf sind und alles verteufeln, die sagen, dass der absolute Tiefpunkt erreicht ist. Andere sagen, da ist noch gar nichts verloren." Erst bei einem Scheitern in der Relegation und dem Abstieg wäre es dann wirklich vorbei. Doch selbst in diesem Fall werden die Rot-Schwarz BeGLUBBten nicht von ihrem Herzensverein ablassen: "Auch dann müssen wir mit der Situation zurechtkommen. Es ist schließlich trotzdem der Verein, den wir lieben und den wir unterstützen, egal was ist. Vielleicht ist man sauer auf die Verantwortlichen und verteufelt sie, aber nie den Verein!"

"Ka Depp": Mintal übernimmt

Auch die Club-Fans Dürrwangen e.V. sind sich nicht einig, die allgemeine Stimmung ist aber schon sehr betrübt. "Die eine Hälfte sieht es noch optimistisch, die andere Hälfte denkt, es ist vorbei", berichtet Vorstand Jens Weidner.

Die Situation des FCN ist einfach "total katastrophal", beim FCN-Fanclub "Zur Linde Kleinfalz" gibt es aber auch ein paar, die noch Hoffnung haben. Dennoch: "Wir sehen da einfach keine Linie, kein zukunftsweisendes System", klagt Vorstand Mike Schulz.

Robert Degen, der Vorstand des 1. FCN Weinfranken Dettelbach 1993 e.V., stimmt dem zu: "Der Abstieg wäre eine mittlere Katastrophe, zum einen, weil man sich das gar nicht vorstellen kann, zum anderen wegen dem Finanziellen. Außerdem steigt man nicht unbedingt direkt wieder auf, die dritte Liga ist sehr ausgeglichen und sehr stark."

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Vor allem die Interimstrainer Michael Wiesinger und Marek Mintal, die nach der Trennung von Coach Jens Keller am Montag das Team des FCN mindestens für die Relegationsspiele übernehmen, sehen die Vertreter der Fanclubs vor einer Mammutaufgabe. "Sie müssen die Mannschaft erst wieder aufrichten, da ist gar kein Selbstvertrauen mehr da", stellt Degen von den Weinfranken Dettelbach fest, Vertrauen hat er aber trotzdem in das Trainerduo: "Ich halte von beiden sehr viel, sie können sich eben auch viel von ihrem eigenen Status kaputt machen, wenn es dann nicht klappt. Ich könnte mir aber auch vorstellen, mit den beiden in die neue Saison zu gehen, wenn sie es in der Relegation schaffen".

Daniel Grosch, der Schatzmeister der 13 Rot-Schwarzen Legenden, zeigt sich dagegen kritisch: "Die Frage wird sein, ob Wiesinger und Mintal die Jungs finden werden, die noch für den Glubb brennen und ob sie daraus eine Mannschaft bilden können. Wiesinger hatte in seiner Amtszeit als Cheftrainer einen miserablen Schnitt, und Mintal hat diese Saison als Interims Cheftrainer eine deutliche Klatsche mit 1:5 gegen Bielefeld erlitten!"

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Auch in Oberfranken ist man sich in Bezug auf den Trainerwechsel nicht ganz sicher: "Das kann natürlich auch ganz schön in die Hose gehen", findet Heiko Dehler, Vorstand des 1. FCN Fanclub Kulmbach e.V., "Die Ergebnisse, wie die Mannschaft zusammengespielt hat... Das hat hinten und vorne nicht gepasst, von der Führungsebene bis zur Mannschaft."

Auch die 13 Rot-Schwarzen Legenden sehen das Problem weitläufiger: "Hätten die handelnden Personen, allen voran Palikuca, einen wirklichen Plan, dann hätte Herr Keller spätestens nach dem Derby entlassen werden müssen, um eventuell das Ruder noch einmal herumreisen zu können."

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Ein Selbstläufer wird die Relegation gegen den Dritten der dritten Liga auf jeden Fall nicht. Degen von den Weinfranken Dettelbach hofft vor allem, dass der Club nicht auf die Würzburger Kickers unter der Leitung von Trainer Michael Schiele trifft, die er für den stärksten Relegationsgegner hält. "Die haben den besten Trainer, das wäre auch mein Wunschtrainer für den Club."


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Beim FCN-Fanclub "Zur Linde Kleinfalz" ist die allgemeine Stimmung, "dass, wenn wir nicht gegen den Dritten der dritten Liga gewinnen, wir es auch nicht verdient haben, in der zweiten Liga zu spielen. Von daher ist uns egal, wer dann am Ende der Relegationsgegner wird." Der 1. FCN Fanclub Kulmbach e.V. glaubt dabei "fast geschlossen, dass es abwärts geht in Liga drei", während die 13 Rot-Schwarzen Legenden noch Hoffnung haben, "dass Herr Wiesinger in Zusammenarbeit mit Herrn Mintal den richtigen Matchplan entwerfen können, um den Gegner aus der 3. Liga, egal, wer es sein mag, schlagen zu können." Dennoch sind sie sich sicher, "es werden zwei sehr schwere Spiele gegen einen guten Gegner aus der 3. Liga! Sollten unsere beiden Interimstrainer das geeignete Personal und einen vernünftigen Matchplan entwickeln, und sich dann am Platz alle Beteiligten für den 1. FC Nürnberg zerreißen, dann könnte es noch was werden mit dem Klassenerhalt."

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Der Blick in die Zukunft macht den Fanclubs aber nicht nur in sportlicher Hinsicht Angst: "Es geht vor allem in den Fanclubs schließlich auch um viel mehr als Fußball. Es geht um Zusammenhalt, Kameradschaft, Gemeinschaft, für manche ist es sogar eine Ersatzfamilie", berichtet Wieczorek von den Rot-Schwarz BeGLUBBten, "Da spielen jetzt eben auch Ängste mit rein. Manche manchen sich Sorgen, wie es weitergeht, wenn wir in die dritte Liga absteigen. Kann da so ein Fanclub weiterbestehen? Wie ist das mit den Auswärtsfahrten, gibt es die überhaupt noch und wo geht es dann hin? Es gibt viel, worüber man sich da Gedanken machen muss."

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Dass es nach der Saison in jedem Fall nicht so weitergehen kann, ist für die 13 Rot-Schwarzen Legenden klare Sache: "Nach der Relegation (egal wie es ausgeht) muss sich beim Verein einiges ändern. Es muss allen voran ein geeigneter Sportvorstand gefunden werden, der auch zum Glubb passt (denn Herr Palikuca passt definitiv nicht zu uns), und es muss sich auch in der Mannschaft einiges ändern. Denn so wie es die letzten Jahre gelaufen ist, darf es nicht weiter gehen. Der evtl. neue Sportvorstand muss dann auch einen geeigneten Trainer finden, der mit seinen Werten Top zu uns passt…" Im Fall eines Abstiegs in die dritte Liga braucht es laut Grosch "einen absoluten Neuanfang".

Welche Folgen die Drittklassigkeit für den FCN hätte, müssen die Fans hoffentlich nicht in naher Zukunft herausfinden. Am Dienstag, den 7. Juli, und am Samstag, den 11. Juli, hat die Mannschaft in der Relegation gegen den noch nicht bekannten Gegner aus der dritten Liga noch eine letzte Chance zu beweisen, dass sie in die zweite Bundesliga gehört.

Alicia Kohl

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