Probleme nehmen zu

Wie viele Elektro-Roller verträgt Nürnberg?

Rurik Schnackig

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28.6.2021, 06:00 Uhr
E-Scooter sind auch in Nürnberg zu einem beliebten Fortbewegungmittel geworden - aber gleichzeitig auch zu einem Ärgernis.

E-Scooter sind auch in Nürnberg zu einem beliebten Fortbewegungmittel geworden - aber gleichzeitig auch zu einem Ärgernis. © Stefan Hippel

Die E-Scooter in Nürnberg scheinen sich ungeahnt zu vermehren: Mittlerweile sind vier Anbieter am Start. Die anfänglich befürchteten Probleme haben sich nicht nur bestätigt, sie potenzieren sich. Quer durch die Parteien und Verbände kommen daher jetzt die Forderungen, eine genaue Bestandsaufnahme durchzuführen um dann nachzujustieren.

Kurz mit dem Handy an den Lenker getippt - und schon signalisiert der Roller mit einem kurzen Piep seine Bereitschaft. Leise surrend schlängelt sich der Fahrer am Wöhrder See entlang, bei einem flotten Tempo von 20 Kilometern pro Stunde lässt er sich die Sommerluft um die Ohren wehen. Soweit zum spaßigen und nützlichen Part der E-Scooter. Doch die Beschwerdeliste wächst und wächst.

Stolperfalle für Sehbehinderte

Da ist etwa der Blinden- und Sehbehindertenbund, der sich in den Bedenken, die er zum Start vor zwei Jahren geäußert hat, bestätigt fühlt: "Es kam, wie es kommen musste", sagt Landesgeschäftsführer Steffen Erzgraber. Für blinde und sehbehinderte Menschen, die er vertritt, seien vor allem die wahllos auf dem Gehsteig abgestellten Roller eine große Gefahr: "Eine Stolperfalle und zudem ein Hindernis für Eltern mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer."

Dabei sind nicht alle E-Scooter-Nutzer rücksichtslose Rowdies, wie Sven K. betont. Der 23-Jährige Informatik-Student greift gern auf die roten und grünen Flitzer zurück, sieht aber auch die Nachteile: "Wenn du Pech hast, saugt es den Akku unerwartet schnell leer", sagt er. "Dann stehst du mitten am Gehsteig und weil der Motor nicht mehr läuft, wird das vorher leichtgängige Ding mit einem mal unglaublich schwer." Einmal habe er sich beim Versuch, einen leergefahrenen Scooter zu rangieren das Trittelement schmerzhaft gegen den Knöchel geschlagen. "Kein Wunder, dass die Leute ihn dann einfach dort stehen lassen, wo er ist."


Kommentar: Einfach in die Stadt hineingeworfen


Michael Sollner (Name geändert) ist stinksauer auf die Roller, seit er einen an der Motorhaube seines parkenden VW Passat lehnend vorgefunden hat. Von einem Fahrer weit und breit keine Spur. Kratzer und Dellen auf der Haube. "Ich dachte mir, das ist ein klarer Versicherungsfall, schließlich sind die ja mit einem Kennzeichen versichert", sagt der 63-Jährige. Auf den Kosten für die teuere Reparatur aber blieb er sitzen, weil der genaue "Sachverhalt nicht aufklärbar" war und sich der Anbieter damit rechtlich aus der Verantwortung ziehen konnte.

Zwei Personen auf einem Roller und rasante Touren durch Fußgängerzonen und auf Gehwegen - so erlebt es CSU-Stadtrat Thomas Pirner, selbst Anwohner der Innenstadt, immer wieder. Die Beschwerden, die an ihn herangetragen werden, häufen sich. Seine Fraktion stellt den Antrag, dass die Anbieter, die den aktuellen Aufenthaltsort der Roller ohnehin via Satellit erfassen, die Höchstgeschwindigkeit in Fußgängerzonen auf 6 km/h drosseln. Außerdem sollen die E-Scooter nur noch auf markierten Abstellflächen geparkt werden können.

Grab in der Pegnitz?

Wie viele Roller mögen wohl in der Pegnitz liegen? Diese Frage stellen sich die Grünen, namentlich Stadtrat Mike Bock. Nachgewiesen wurde noch kein tauchender Roller, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch: In Köln werden derzeit mit großem Aufwand 500 E-Scooter geborgen, die auf dem Grund des Rheins liegen. Die Chemikalien, die den Batterien entweichen, gelten als äußerst belastend für das Wasser. Die Verwaltung in Nürnberg solle nun prüfen, wie es in Nürnbergs Gewässern aussieht und gegebenfalls die Eigentümer verpflichten.

Es wird Zeit für eine genaue Analyse der E-Scooter in Nürnberg, sagt die SPD. Nasser Ahmed, verkehrspolitischer Sprecher der Fraktion, will für eine Zwischenbilanz vor allem wissen, wie die umstrittenen Roller überhaupt genutzt werden. Dazu brauche es konkrete Zahlen, wie Yasemin Yilmaz, ebenso Mitglied des Verkehrsausschusses, ergänzt. Wichtig seien Antworten auf folgende Fragen "Wie viele Roller sind genau in Nürnberg unterwegs? Gibt es noch weitere Anbieter? Und eignen sich die Roller als Bindeglied zum ÖPNV?"

Eine lange Beschwerdenliste. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Kurz vor Fertigstellung des Artikels erreicht die Redaktion die Mail eines Lesers, der zwei Roller fotografiert hat, die auf der ganzen Breite des Gehsteigs liegen. "Vielleicht interessiert Sie das", schreibt er darunter, "mich ärgert es auf jeden Fall maßlos."

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