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Ukraine: Regierung verweigert Offenlegung von EM-Kosten

Organisation spricht von 4,1 Milliarden Euro – Gesamtkosten von 11,7 Milliarden? - 19.03.2012 12:31 Uhr

Über dem Olympiastadion in Kiew scheint die Sonne, doch in der Ukraine brodelt es: Der Streit über die Kosten für die Vorbereitung der Fußball-Europameisterschaft spitzt sich zu. © dpa


Das Organisationskomitee hatte vor einigen Tagen Zahlen veröffentlicht, wonach die öffentliche Hand zwischen 2008 und 2011 lediglich 4,1 Milliarden Euro für die Turniervorbereitung ausgegeben habe. Daraufhin kam es zu einer Auseinandersetzung im Parlament, die Regierungsfraktion lehnte einen Antrag zur Offenlegung aller Kosten ab.

Das legte den Verdacht nahe, es würde etwas verschleiert. Die Nationale Agentur zur EM-Vorbereitung hatte zuvor bekannt gegeben, dass von 2008 bis 2011 insgesamt rund 11,7 Milliarden Euro für das Turnier ausgegeben worden seien – eine für ukrainische Verhältnisse gigantische Summe.

Nur ein Teil gebaut, aber alles ausgegeben

Doch für viele lautet die entscheidende Frage: Wo ist das viele Geld geblieben? Ende 2011 hatte die Internetzeitung „Ukrainiska Prawda“ bereits gemeldet, die EM 2012 koste das Land mindestens zehn Milliarden Euro. Dabei sei für einige, wenige Projekte viel Geld geflossen, andere Aufgaben wurden gestrichen.

Allein die Prestigeprojekte wie der neue Terminal D des Kiewer Flughafens oder der Airport in Donezk schlagen mit 280 Millionen bzw. 330 Millionen Euro zu Buche. Das Stadion in Kiew hat fast 600 Millionen Euro gekostet. Für die Erneuerung und den Ausbau von Straßen und Brücken hatte die Europäische Investitionsbank (EIB) in einer Studie von 2009 einen Finanzbedarf in Höhe von rund zehn Milliarden Euro veranschlagt. Tatsächlich ist nun aber nur ein Teil davon gebaut worden, das Geld wurde dennoch ausgegeben.

Kurz nach Vergabe der EM 2012 an Polen und die Ukraine sprachen Experten von einer Initialzündung für ein groß angelegtes Infrastrukturprogramm. Für die Ex-Sowjetrepublik wurde 2008 ein Investitionsvolumen von insgesamt 17 Milliarden Euro errechnet. „Wir haben in den vergangenen 20 Jahren so gut wie nichts in unsere Infrastruktur investiert“, sagte Boris Kolesnikow, Vize-Premierminister und Minister für die EM-Vorbereitungen, kurz nach seinem Amtsantritt im Mai 2010.

Nun sind es noch knapp 80 Tage bis zum Start des großen Fußballfestes. Bei vielen in der Ukraine ist die Freude mittlerweile verflogen. Die Internetblogs sind voller Klagen. Vor allem für die Hauptstadt Kiew hatte man erwartet, dass das marode und stark ausbaubedürftige Verkehrssystem durch die EURO 2012 eine Generalüberholung erfährt.

„Wir brauchen dringend eine Ringautobahn und ein Konzept für einen modernen Bus- und Metrobetrieb“, sagt Oleg Jankowi. Der junge Mann engagiert sich in einem Kiewer Verein für urbanes Leben. Als Student hat er in Barcelona und München gelebt. Als er 2007 von der Vergabe der Euro 2012 an sein Land erfuhr, erhoffte nicht nur er sich einen merklichen Modernisierungsschub.

Unbezahlbare Ferien am Meer

Klagen kommen auch erneut von der Europäischen Fußball-Union (UEFA). Sie hat die Ukraine dazu aufgerufen, für bezahlbare Unterkünfte zu sorgen. Der seit Monaten geführte Streit darüber nimmt nun bizarre Formen an: Das Boulevardblatt „Komsomolskaja Prawda“ hatte berichtet, dass sich wegen der Preisexplosion bei Hotelzimmern nun sogar die Rentner in der ostukrainischen Provinz beschweren. Sie befürchten, dieses Jahr nicht wie gewohnt ihre Ferien am Asowschen Meer verbringen zu können.

Das Feriengebiet liegt 150 Kilometer vom Austragungsort Donezk entfernt. Die Hoteliers dort hätten die Preise für alle Zimmerkategorien um bis zu 100 Prozent angehoben. So kostet ein Zimmer in dem Resort-Hotel „Weißer Löwe“ in Belosaraike zwischen Mai und Juli 2012 nun statt 200, satte 400 Euro pro Nacht.

Andernorts gibt es nicht genügend Unterkünfte. Vor allem in den Spielorten der deutschen Elf, in Lwow (Lemberg), und in Charkow sowie in Kiew. Die skandinavischen Fans haben bereits einen enormen Bedarf an Zeltplätzen angemeldet. Der dänische Verband hat bei der Stadtverwaltung in Lwow um 10.000 Plätze angefragt. Die Schweden wollen mit bis zu 16.000 Schlachtenbummlern nach Kiew reisen. Dafür sollen an mehreren Stellen der Stadt improvisierte Zeltplätze entstehen. Die Fan-Zonen in Kiew und Donezk können 120.000 bzw. 50.000 Besucher fassen.

Nach Berechnungen der UEFA sollen im Sommer 2012 rund eine Million Besucher in die Ukraine reisen. Deswegen laufen weltweit seit einigen Monaten Werbe-Videoclips in Kinos und im Fernsehen. Dass die vielen Besucher beim Standard der Infrastruktur große Abstriche machen müssen, räumt aber selbst die UEFA ein. 

Nina Jeglinski (dapd)

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