#allesdichtmachen: Zynismus, der niemandem hilft

23.4.2021, 11:10 Uhr
An der Aktion #allesdichtmachen beteiligen sich etliche deutsche Schauspiel-Stars.

An der Aktion #allesdichtmachen beteiligen sich etliche deutsche Schauspiel-Stars. © -, dpa

Sie wollten Aufmerksamkeit erregen – das haben sie geschafft. Kaum jemand, der am Donnerstagabend oder spätestens am Freitagmorgen noch nichts von der Aktion #allesdichtmachen gehört hatte. Kaum jemand, der nicht darüber sprach. Sei es in den sogenannten Sozialen Netzwerken, sei es mit Freunden und Kollegen.

Mission Aufmerksamkeit geglückt. Das ist aber das einzig Gelungene an der Aktion. Der Empörungs-Tsunami, der über die rund 50 prominenten Schauspieler hereinbricht, darunter viele Tatort-Stars wie Jan Josef Liefers oder Ulrich Tukur, ist zu Recht gewaltig. Und diese Empörung hat eine breite Basis: Sie kommt aus jenen Teilen der Bevölkerung, die zwar am Schlingerkurs der Regierenden in der Pandemie verzweifeln, die aber auf die mahnenden Worte vieler Wissenschaftler hören und den Hilferufen von Intensivmedizinern Glauben schenken - und deshalb trotz aller Pannen und Entbehrungen nach wie vor strikte Lockdown-Maßnahmen mittragen.

Wer sich die Videoclips von #allesdichtmachen ansieht, fühlt sich hingegen, als liefe er inmitten einer Querdenker-Demo über den Augustusplatz in Leipzig. Die Essenz der Vorwürfe: Eine autoritäre Bundesregierung schüre Panik, die von gleichgeschalteten Medien aufgegriffen werde.

Kein Wunder also, dass #allesdichtmachen vor allem in der rechten Ecke der AfD und in der verqueren Ecke der Querdenker gefeiert wird, zwei Gruppierungen, die bekanntlich eine gewisse Schnittmenge haben. Viele andere können nur den Kopf darüber schütteln, wie sich beispielsweise Schauspielerin Meret Becker in ihrem Videobeitrag über das Maskentragen lustig macht. Attila Hildmann gefällt das.

Immerhin: Einigen der Protagonisten hat der Applaus von Rechts bereits zu denken gegeben. Heike Makatsch etwa hat ihr Video gelöscht und sich auf Instagram von rechtem Beifall distanziert.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich müssen sich die Regierenden Kritik gefallen lassen. Jede Menge sogar. Sehr wahrscheinlich hätten wir heute leerere Intensivstationen, niedrigere Inzidenzen und stünden womöglich vor Lockerungen, wenn wir zeitig im März nochmals einen wirklich harten Lockdown vollzogen hätten. Und hätte die EU schneller größere Mengen Impfstoff herangeschafft, würden wir jetzt wie die Briten mit einem Bier vor den Kneipen sitzen.

Nun ist die Situation aber, wie sie ist. Und die Frage bleibt: Was sind aktuell die Alternativen zu den Corona-Maßnahmen? Eine Frage, auf die die Aktion #allesdichtmachen jede Antwort schuldig bleibt. Lösungsvorschläge werden nicht geliefert, stattdessen beißender Zynismus, der vielleicht den Nerv pandemiemüder Menschen trifft, der aber niemanden weiterbringt. Weder die Helfer und Patienten auf den Intensivstationen noch die Menschen, die Angehörige verloren haben, auch nicht diejenigen, gerade aus der Kulturbranche, die wegen der Maßnahmen vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.

Wer den Beteiligten an #allesdichtmachen applaudiert, den wird die Empörung vermutlich noch in seinem kruden Denken bestätigen, in einer (Meinungs-)Diktatur zu leben – ganz nach dem Motto: „Nicht mal das darf man noch sagen.“ Doch, natürlich darf man. Aber genauso hat jede Frau, hat jeder Mann das Recht, dieser bizarren Aktion heftig zu widersprechen.

Inzwischen melden sich übrigens immer mehr Schauspiel-Promis zu Wort, um sich von ihren Kollegen zu distanzieren. Nora Tschirner, ebenfalls Tatort-Star, twitterte über die Aktion diese eindeutigen Worte: "Joah kann man machen. Kann halt sein, dass man sich ein büschen schämen wird in nen paar Jahren (Wochen?) Unfuckingfassbar."