Ärger um die Riester-Rente: Das sagt Namensgeber Walter Riester

15.5.2021, 05:55 Uhr
Eine Verbraucherallianz forderte im Mai vor dem Kanzleramt:

Eine Verbraucherallianz forderte im Mai vor dem Kanzleramt: "Die Riester-Rente muss weg, Deutschland braucht einen Neustart." © JOHN MACDOUGALL, AFP

Herr Riester, es ist fast 20 Jahre her, dass Sie die Riester-Rente auf den Weg gebracht haben. Wie blicken Sie auf die Entwicklung Ihres Babys zurück?

Widersprüchlich. Ich bin überrascht, dass es mit 16 Millionen Sparverträgen so viele geworden sind. Vor allem wenn man berücksichtigt, dass es viel Engagement der Bürger bedeutet, diese Rücklagen anzulegen und wenn man sich die Diskussionen und den Umgang mit dem Thema anschaut. Die Riester-Rente bedurfte schon immer einer Reform. Ich wollte damals eine verpflichtende, ergänzende Sparrücklage für alle, die staatlich unterstützt wird. Da es dafür aber kein Gesetz gab, bedurfte es für den Vertrieb Versicherungsunternehmen, was wiederum mit Kosten verbunden war. Zudem wurde die Sache verkompliziert, weil nur Rentenversicherungspflichtige und Beamte diese Rente abschließen durften und nicht - wie von mir gefordert - alle, die ins Berufsleben einsteigen.

Warum wurde Ihre Idee einer verpflichtenden, ergänzenden Sparrente für alle nicht umgesetzt?

Die ergänzende, obligatorische Sparrente, wie es sie damals schon in Schweden gab, lehnte die Mehrheit der rot-grünen Regierungskoalition ab. Auch die Unterstützung durch Bundeskanzler Gerhard Schröder und Finanzminister Hans Eichel änderte daran nichts. Ich war darüber hoch unzufrieden, weil klar war: Das verteuert über Vertriebskosten die Sparrente und reduziert erheblich die Sparer.

Wie kamen Sie überhaupt darauf, eine verpflichtende private Alterssorge für alle zu konzipieren, die darüber hinaus noch staatlich gefördert wird?

Meine ursprüngliche Idee hatte ich schon, als ich noch zweiter Vorsitzender der IG-Metall. Arbeitsminister Norbert Blüm führte da die Altersteilzeit ein, durch die aber weniger in die Rentenversicherung eingezahlt wird. Und da war es schon so, dass die Lebenserwartung der Rentner immer höher stieg. Bei Entwicklung der Rente im Umlagesystem 1957 dauerte die durchschnittliche Rentenzahlung 9,9 Jahre, heute hat sie sich auf durchschnittlich 20 Jahre verdoppelt.

"Blüm fand die Idee grandios"

Mein Vorschlag damals war, von jedem IG-Metall-Tarifabschluss - diese lagen zu der Zeit noch bei 6 bis 7 Prozent - 0,5 Prozent für das Alter anzulegen. Das hieß, dass wir nach acht Jahren vier Prozent des Lohns der Metallindustrie jährlich in einer Rücklage gehabt hätten. Blüm fand das grandios, aber meine Idee wurde leider nicht mehr getestet, und als ich ihn zwei Jahre später im Amt beerbte, wollte die IG-Metall nichts mehr von dieser Überlegung wissen.


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Bereuen Sie es, der privaten Altersvorsorge - die nicht Ihren Wünschen entsprechend umgesetzt wurde - Ihren Namen gegeben zu haben?

Nein! Das hatte ich gar nicht in der Hand. Der Begriff "Riester-Rente" ist kurz nach Verabschiedung des Gesetzes in einer Zeitung aufgetaucht. Ich sollte mit einer einstweilige Verfügung reagieren, dies zu unterlassen. Denn da würde laut meines Staatssekretärs noch eine Vielzahl von Produkten kommen, mit denen wir nicht einverstanden sind.

Aber das wollte ich nicht, ich hatte nichts dagegen, dass mein Name mit der Rente verbunden wird. Ich weiß gar nicht, wie ich heute reagieren würde. Aber wichtig war mir: Wie reagieren die Menschen? Sie hatten mit Riester ein Erkennungskürzel. Und die Menschen können ja nichts dafür, dass das kaputt geredet worden ist und die Sache einen negativen Beigeschmack bekommen hat. Für die Menschen ist die Rente eine wichtige Sache und sie unterstützt aufzubauen ist heute wichtiger als damals.

Im Koalitionsvertrag der jetzigen Regierung steht die Reform der Riester-Rente. Bislang hat sich da nichts getan; die SPD will ein komplett anderes Produkt. Wie sieht Ihrer Meinung nach eine heute funktionierende private Altersvorsorge aus?

Durch die Pandemie hat sich die Situation der Rente noch mal zugespitzt, es besteht dringender Handlungsbedarf. Die Arbeitswelt ist völlig anders als 1957, als das umlagefinanzierte Rentensystem entwickelt wurde. Das war für die damalige Nachkriegszeit auch der absolut richtige Schritt, aber man hätte das weiterentwickeln müssen. Die Beitrags-Bruchgrenze war 1998 mit 20 Prozent - 10 Prozent des Bruttoeinkommens zahlt der Arbeitgeber, 10 Prozent der Arbeitnehmer - schon erreicht.

Das bedeutet, man muss darüber hinaus ein obligatorisches Betriebsrentensystem ausbauen und zusätzlich eine Sparförderung aufbauen mit Bindung an die Rücklage bis zum Rentenbeginn. Das ist keine zweite Vermögensbildung, von der man sich mal ein Auto kauft, sondern Vorsorge für das Alter, für die sich ein hoher, sozial angepasster Steuerzuschuss rechnet.

Sein Name ist mit der privaten Riester-Sparrente verbunden: Ex-Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD).

Sein Name ist mit der privaten Riester-Sparrente verbunden: Ex-Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD). © Marijan Murat (dpa)

Kritik an der Riester-Rente kommt vor allem wegen der hohen Kosten, die die Versicherungsgesellschaften verlangen. Diese Woche fand die Aktion "Stoppt die Riester-Rente" vor dem Kanzleramt statt, die von der Verbraucherzentrale, der Bürgerbewegung Finanzwende und dem Bund der Versicherten organisiert wurde. Was halten Sie den Kritikern entgegen?

Ich kann den Versicherungen nicht vorwerfen, dass sie sich ihre Vertriebsstrukturen bezahlen lassen. Ohne sie hätten wir keine 16 Millionen Riester-Verträge, denn mit der Freiwilligkeit einer privaten Vorsorge ist das ja immer so eine Sache. Wäre die sozialversicherungspflichtige Rente keine Pflichtrente, hätten wir massenweise Arbeitslose. Und solche Aktionen können mich nur überzeugen, wenn sie bessere Alternativen aufzeigen.

Der Bürgerbewegung Finanzwende schwebt da die Schweden-Rente als Vorbild vor...

Ja, liebe Leute, das wollte ich schon 1998! Die Schweden haben damals schon verpflichtend zweieinhalb Prozent des Bruttoeinkommens in einen Fonds - zur Auswahl stehen verschiedene, auch ein öffentlich-rechtlicher - eingezahlt. Und noch viel besser hätten sie es bei meinen Überlegungen gehabt, weil ich das in hohem Maße staatlich unterstützen lassen wollte, etwa Menschen, die wenig Sparmöglichkeiten haben. Das haben sie in Schweden nicht.

"Wir hätten jetzt schon hohe Rücklagen"

Wenn wir das vor 20 Jahren schon gemacht hätten, kann man sich ausrechnen, wie viele Rücklagen wir jetzt hätten. Die dafür nötige Summe müsste man jetzt erst mal durch den Bundestag bringen und aufbauen. Und wenn mir solche Leute dann vorhalten, was ich versäumt hätte, kann man sich vorstellen, was diese Vorwürfe in mir auslösen.


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Riester stehe auch vor dem Aus, weil der Höchstrechnungszins immer weiter sinkt. 2022 auf 0,25 Prozent. Ist das so?

Nein, die Altersvorsorge ist durch diesen Zins weniger betroffen, weil diese sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt. Dieser spielt in anderen Sparzweigen eine viel stärkere Rolle.

Welche Altersvorsorge würden Sie einem Jugendlichen empfehlen, der gerade mit seiner Ausbildung begonnen hat?

Der Vorteil des Jugendlichen ist: Er ist jung! Ich würde die staatliche Förderung über Riester mitnehmen, und zwar in einer Anlageform am Aktienmarkt. Er kann dann 50 Jahre staatliche Unterstützung erhalten und einen Fonds besparen. Nach bisherigen Erfahrungen sind dort über das lange Sparen die höchsten Erträge zu realisieren.

Riestern Sie und Ihre Familie?

Mein Sohn hat auch eine solche Riester-Anlage, wie ich sie eben genannt habe. Ich selbst durfte nicht, weil ich als Minister und Abgeordneter leider nicht rentenversicherungspflichtig war. Für meine 19-jährige Enkelin habe ich einen Sparvertrag angelegt, den sie jetzt fortführen könnte. Aber ich glaube, sie hat sich von dem Geld ein Auto gekauft. Das wäre nicht mein Rat gewesen, aber so ist eben menschliches Verhalten. Deswegen sage ich ja, die Riester-Rente muss obligatorisch sein.

Was passiert mit Riester-Verträgen, falls die Riester-Rente nicht reformiert wird, sondern ein komplett neues Produkt auf den Markt kommt. Das Hin und Her verunsichert viele Menschen.

Es kommt darauf an, wie das die Politik dann regelt. Wenn die staatlichen Fördermittel nicht zurückgezahlt werden müssen, ist es problemfreier. Für Sparer, die ihre Verträge nur kurz oder mittellang hatten, ist es ein Schaden. Ich hoffe, dass ein paar nüchterne, kritische Stimmen - so würde ich auch meine eigene bezeichnen - parallel aufzeigen, was aus so einem Schritt wird, und der geht mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Irre.

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