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Bayern-SPD: One-Man-Show oder Doppelspitze?

Wer Bayerns Sozialdemokraten vorsteht, entscheidet sich am 24. April - 21.04.2021 05:31 Uhr

Noch ist Natascha Kohnen Landesvorsitzende der Bayern-SPD. Sie tritt nicht erneut für den Posten an, Generalsekretär Uli Grötsch will ihr Nachfolger werden.

19.11.2020 © Angelika Warmuth, dpa


Gibt es sie, die ideale sozialdemokratische Biografie? Etliche Spitzenpolitiker der SPD haben das schon behauptet, wenn sie auf dem Weg nach oben erzählen, woher sie kommen und wie ihr Lebensweg von unten an die Spitze sie geprägt hat. Uli Grötsch macht keine Ausnahme. Der 45-Jährige will sich am 24. April zum bayerischen SPD-Chef küren lassen und die Nachfolge von Natascha Kohnen antreten. Und er lässt früh fallen, wie glaubwürdig sein Kampf für soziale Gerechtigkeit sei, „weil ich früh selbst erlebt habe, was das heißt“.

Aufgewachsen in Waidhaus, einem kleinen Markt nahe der bayerisch-tschechischen Grenze, kennt er das Dorfleben. 2180 Einwohner zählt Waidhaus aktuell; der Alltag für die Jugendlichen beschränkt sich auf Schützenverein, Freiwillige Feuerwehr, Fußballverein.

„Unbeschwert und glücklich“ sei seine Kindheit gewesen, sagt Grötsch. Bis sein Vater an Krebs gestorben war. „Ich war 16, wir standen buchstäblich vor dem Nichts.“ Seine Mutter hatte nicht gearbeitet, „wie das so üblich war“. Sie hat sich durchgeschlagen als alleinerziehende Mutter. Und Uli Grötsch hat erlebt, wie ungerecht die Welt sein kann.

Harter Schichtdienst

Für den Oberpfälzer schlägt das Herz der SPD immer noch links, bei den Arbeitern, den Gewerkschaften, den sozial Benachteiligten. Er erzählt, dass er zur Polizei gegangen ist, „weil ich mit Menschen zu tun haben wollte“. Er sagt, dass er bis zu seiner Wahl in den Bundestag 2013 im Schichtdienst gearbeitet hat, eine Knochenmühle, die ihn gelehrt habe, „wie das ist, wenn man früh unterwegs ist, wenn die anderen noch schlafen.“

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Grötsch inszeniert sich bewusst als Gegenentwurf zu Florian von Brunn. Grün und großstädtisch der eine, bodenständig und auf seine Weise konservativ der andere. Corona, sagt Grötsch, sorge dafür, „dass die SPD so dringend gebraucht wird wie noch nie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.“ Die soziale Schere öffne sich immer weiter, zugleich sei der Kontingent nach rechts gerückt. „Es sind Dinge wieder sagbar, die unsagbar waren“, sagt Grötsch.

Menschen wollen Konkretes hören

All das werde auch seine Partei in den nächsten Monaten und Jahren fordern, sagt der Bundestagsabgeordnete und Noch-Generalsekretär, der früh im Gemeinderat saß, aber nie Berufspolitiker werden wollte. „Allgemeinplätze oder Dahingeschwurbeltes helfen nicht. Die Menschen wollen Konkretes von uns hören.“

Ronja Endres und Florian von Brunn wollen mit einem deutlich offensiveren Politikstil den Niedergang der bayerischen Sozialdemokratie stoppen.

14.04.2021 © Lennart Preiss, dpa


Florian von Brunn hat sich schon um den Posten des Landesvorsitzenden der bayerischen SPD beworben. Er hat sich auch mit Horst Arnold einen harten Kampf um den Fraktionsvorsitz im Landtag geliefert.

Gewonnen hat er nie, doch keine seiner Niederlagen hat ihn auch nur ansatzweise entmutigt. Und so geht er es wieder an und bringt sich zum zweiten Mal für den Landesvorsitz ins Gespräch. Für die SPD ist das kein Schaden. Sie hat die Wahl zwischen ganz unterschiedlichen Typen und Konzepten. Von Brunn gehört zu jenen, die die bayerische SPD seit Jahren kritisch beobachten, ihre Strukturen für verkrustet und ihr Weltbild als überholt einstufen.

Blick auf die Basis

Dass er damit nicht hinterm Berg hält, macht in nicht unbedingt beliebt in der Partei. Doch von Brunn setzt nicht auf das Establishment, sondern auf die Basis. Auch deshalb wählt er für sich den Weg in eine Doppelspitze. Ronja Endres, Chefin der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen AfA, bewirbt sich mit ihm.

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Er glaube, sagt von Brunn, dass es Zeit wird für die Doppelspitze. Die Zeit der Machos ist vorbei. Da darf nicht wieder ein Mann allein an der Spitze stehen.“ Wobei er auf Nachfrage beteuert, das er Grötsch nicht als Macho einstufe. Muss er auch nicht. Die beiden sind der jeweilige Gegenentwurf zum anderen. Von Brunn ein Akademiker, in München aufgewachsen, Großstadtmensch mit wissenschaftlicher Karriere, Kriegsdienstverweigerer, aus der katholischen Kirche ausgetreten.

Anders als Grötsch teilt sich von Brunn die Aufgabe mit Ronja Endres. Sie ist die quirlige, junge, die das linke Lager einbinden und die Jugend zurück zur SPD losten soll. Sie ist 34, von Brunn 52. Endres kommt aus der Arbeitnehmerecke, war Chemielaborantin, Jugendausbildungsvertreterin, Gewerkschafterin. Auch sie verfolgt mit Sorge den Niedergang ihrer Partei.

Gemeinsam mit den Gewerkschaften

Endres will die Gewerkschaften zurück ins Boot holen, einst natürliche Partner der SPD, die sich über die Jahre entfremdet haben.

Von Brunn kämpft im Landtag für Verbraucherschutz, für Umwelt- und Klimaschutz. Natürlich ist ihm dieses Korsett zu eng, in dem er wahrgenommen wird, es muss zu eng sein für einen, der die SPD führen will. Endres und von Brunn, sie sehen sich als ideales Team. Jetzt wollen sie die SPD umformen zu einer „linken Volkspartei, wie sie es einst unter Willy Brandt gewesen war“, nur mit modernem, weil ökologischen Anspruch. Die Umfragen empfinden sie dabei weniger als Last, sondern als Zeichen, dass sie richtig liegen. Sieben, acht Prozent, das sei „furchtbar“, sagt Endres. „Aber damit ist auch klar, dass es kein Weiter-so geben darf.“

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