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Wirtschaftsexperte zu Corona: "Halten das nicht lange durch"

Der Erlanger Ökonom Matthias Fifka befüchtet eine schwere Krise - 27.03.2020 06:41 Uhr

Die Cafés in der Nürnberger Innenstadt müssen geschlossen bleiben, die Stühle sind verwaist. Die Gastronomie ist einer der Wirtschaftszweige, die von der Corona-Krise besonders hart getroffen werden.

26.03.2020 © Michael Matejka


Wie groß ist ihre Angst um die deutsche Wirtschaft?
Matthias Fifka: Kurz- und mittelfristig schon groß, weil das natürlich eine Krise ist, die wir in dieser Form noch nie hatten. Nahezu alle Wirtschaftszweige und Unternehmensgrößen sind sehr stark betroffen. Das ist etwas Neuartiges. Und wir sind in enormer Geschwindigkeit zu einem fast vollständigen Stillstand gekommen. Normalerweise sind Krisen ja eher schleichend, kündigen sich an und verschärfen sich dann zusehends.

Viele erinnern sich noch an die Finanzkrise, die im September 2008 mit der Pleite der Bank Lehman Brothers begann. Was sind die Unterschiede zwischen der Situation jetzt und damals?
Fifka: Es gibt da viele Unterschiede: Die Krise damals war in gewisser Weise das Verschulden einiger Akteure, in allererster Linie von Akteuren im Finanzsystem und der Immobilienwirtschaft. So wurde aus einer Immobilienkrise eine Bankenkrise und schlussendlich eine Wirtschaftskrise. Dieses Mal ist die Krise natürlichen Ursprungs. Damals hat sich die Situation auch über einen längeren Zeitraum zugespitzt, was den Umgang damit etwas erleichtert hat. Die Geschwindigkeit jetzt hat alle erschlagen. Und wir haben heute einen Stillstand fast allen Gewerbes. Ein Beispiel: Damals sind Menschen immer noch ins Restaurant gegangen oder Taxi gefahren – wenn auch vielleicht nicht mehr so viele wie zuvor – jetzt findet mit wenigen Ausnahmen wie dem Einzelhandel gar kein Geschäft mehr statt.



Die Verschiffungspreise von Rohstoffen – ein Frühindikator für den Welthandel – sind in etwa so stark gefallen wie 2008. Wird es also genauso schlimm wie damals oder sogar noch schlimmer?
Fifka: Das hängt ganz massiv davon ab, wie lange uns diese Krise noch beschäftigen wird. Das vermag momentan niemand zu sagen, auch die Virologen sind ja diesbezüglich sehr vorsichtig. Wenn uns aber der gesundheitliche Aspekt noch länger beschäftigen wird, dann, denke ich, wird es schlimmer als damals. Ich befürchte, die Zahl der Insolvenzen könnte größer sein als das in der Finanzkrise der Fall war. Natürlich immer abhängig davon, wie lange uns das Virus noch begleitet.


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"Es gibt auch Grenzen"

Viele Menschen haben nun Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Lässt sich prognostizieren, wie stark die Arbeitslosigkeit steigen wird?
Fifka: Nein, da wäre jede Prognose unseriös. Umso schneller wir zur Normalität zurückkehren können, desto positiver wird sich das natürlich entwickeln. Ich glaube aber, dass wir in Deutschland eine wirtschaftliche und auch staatliche Leistungsfähigkeit haben, die uns im Vergleich zu anderen Ländern besser durch die Krise kommen lässt.

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Zu den politischen Instrumenten gehört auch die Kurzarbeit: Arbeitnehmer, deren Betrieb Kurzarbeit angemeldet hat, erhalten vom Staat rund 60 Prozent ihres bisherigen Nettolohns als Kurzarbeitergeld. Wäre es sinnvoll diesen Prozentsatz zu erhöhen, um die Binnennachfrage zu stabilisieren?
Fifka: Wir haben in vergangenen Krisen gesehen, dass staatliche Förderprogramme häufig nicht geeignet waren, um die Nachfrage zu stimulieren. Menschen in Krisenzeiten sind verständlicherweise sehr vorsichtig. Das bedeutet, dass zusätzliches Geld häufig gar nicht ausgegeben wird. Und die Frage ist eben auch, ob sich der Staat etwa leisten könnte, 90 oder gar 100 Prozent zu bezahlen. Es gibt da Grenzen. Zudem können viele Menschen mit mittleren oder höheren Einkommen mit einem Gehaltsniveau von rund 60 Prozent auch eine Zeitlang ganz gut leben.

Handlungsfähiger Staat ist entscheidend

Der Bund verabschiedet sich von der schwarzen Null und nimmt 156 Milliarden Euro neue Schulden auf. Warum muss das jetzt sein?
Fifka: Man hat nun ein wahnsinnig umfangreiches Hilfspaket verabschiedet und ich denke, da hat man auch den richtigen Schritt getan. So viel Geld hat der Bund eben aber nicht zur Verfügung und muss sich deshalb verschulden. Dazu kommt, dass ja auch die Steuereinnahmen durch die Krise sinken werden. Schätzungen belaufen sich da auf rund 40 Milliarden. Nach meinem Dafürhalten ist diese Neuverschuldung also notwendig und richtig. Wir haben auch in der Finanzkrise gesehen, dass staatliche Stützungsmaßnahmen eine gewisse Beruhigung und Stabilisierung geschaffen haben. Selbst diejenigen, die immer nach einer möglichst neoliberalen Wirtschaftspolitik ohne staatliche Eingriffe rufen, finden es in der Krise dann doch ganz gut, wenn ein handlungsfähiger Staat da ist.


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Die Hilfsprogramme von Bund und Freistaat zielen vor allem darauf ab, Unternehmen schnell Kredite zu verschaffen. Der richtige Weg?
Fifka: Ja, absolut. Bei vielen ist das Geschäft von heute auf morgen völlig weggebrochen, die Ausgaben für Gehälter oder Pacht laufen aber weiter. Einige Unternehmen haben vielleicht noch ein bisschen Geld auf der hohen Kante, das wird aber schnell zur Neige gehen. Und Banken sind aktuell natürlich auch vorsichtig bei der Kreditvergabe. Die haben Angst, dass sie ihr Geld nie wiedersehen. Da ist es gut, wenn der Bund sozusagen als Bürge einspringt falls ein Unternehmer das Geld nicht zurückzahlen kann. Dann kann die Bank auf Basis dieser Sicherheit den Kredit gewähren und der Bund hofft, dass das Unternehmen den Kredit doch tilgen kann und er gar nicht einspringen muss.

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Soforthilfe in Bayern beträgt für Unternehmen mit zehn bis 50 Mitarbeitern 15.000 Euro. Ist das nicht viel zu wenig?
Fifka: Das ist natürlich eine kurzfristig angelegte Maßnahme, um den Unternehmen für einige Tage oder vielleicht wenige Wochen zu helfen. Ich glaube, mehr kann sich der Staat auch nicht leisten. Man will ja auch nicht in eine Überschuldungssituation geraten, die dann nicht mehr zu bewerkstelligen ist. Das ist irgendwo eine Gratwanderung. Das hört sich jetzt hässlich an, aber wir werden uns damit abfinden müssen, dass wir nicht alles und jeden retten können. Die umfassenden Rettungsmaßnamen, die angekündigt sind, sind aber legitim. Denn man muss ganz klar sagen, das ist keine Krise, die in irgendeiner Form selbstverschuldet ist. Das ist schlichtweg höhere Gewalt.

"Mal beim Gemüsehändler kaufen"

Wie können Verbraucher kleine Unternehmen in dieser schwierigen Zeit unterstützen?
Fifka: Eine Möglichkeit ist, Gutscheine zu kaufen. Also jetzt für etwas zu bezahlen, das man erst in Zukunft in Anspruch nimmt. Man kann Dinge des täglichen Bedarfes vielleicht auch bei etwas kleineren Läden kaufen und nicht bei den großen Discountern. Denn die haben natürlich einen anderen finanziellen Hintergrund und halten länger durch als kleine Läden. Da kann es sinnvoll sein, mal beim Gemüsehändler an der Ecke zu kaufen anstatt im Supermarkt.

Der DAX ist seit dem 19. Februar um rund ein Drittel eingebrochen. Wie sollten Anleger sich jetzt verhalten?
Fifka: Ich bin ja nicht befugt, Anlagetipps zu geben (lacht). Ich denke aber, dass wir eine gewisse Bodenbildung erreicht haben. Da gibt es vielleicht noch einen kleinen Rückschlag, aber nicht extrem. Jetzt zu verkaufen, macht gar keinen Sinn. Das muss man aussitzen. Wir haben jetzt ein Niveau erreicht, bei dem langfristig orientierte Anleger durchaus über einen Einstieg nachdenken können.

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Die Realwirtschaft in Deutschland war zuletzt in guter Verfassung – die jetzige Wirtschaftskrise ist gewissermaßen nur eine Nebenwirkung der Corona-Pandemie. Erhöht das die Chance, dass sich die Wirtschaft schneller erholt?
Fifka: Wir waren in einem stabilen Zustand, gut wäre nach meinem Dafürhalten etwas übertrieben. 2020 wäre auch ohne Corona kein besonders gutes Jahr geworden. Aber wir haben Maßnahmen in Deutschland, zum Beispiel das Kurzarbeitersystem, die uns wirklich helfen, einigermaßen gut durch so eine Krise zu kommen. Die Alternative – also, jetzt zu entlassen und später wieder neue Mitarbeiter, die erst angelernt werden müssen, einzustellen – wäre viel schlechter.

"Aktuell tappen alle im Dunkeln"

Im Zuge der Krise gibt es immer wieder auch Kritik an der globalisierten Wirtschaft – zum Beispiel, weil wichtige Medikamente aus Kostengründen in Asien statt in Europa produziert werden. Müssen wir da umdenken?
Fifka: Bei wirklich essentiellen Produkten wie etwa Medikamenten oder medizinischer Schutzausrüstung wird es ein Umdenken geben. Man muss zumindest Produktionskapazitäten bereithalten, um im Krisenfall die entsprechenden Produkte schnell zur Verfügung zu haben. Zu einer Abkopplung von Wirtschaftsräumen mit weniger Verflechtungen zwischen China, USA und Europa wird es aber nicht kommen. Unternehmen werden immer auf der Suche nach Kostenvorteilen sein. Es wäre auch nicht im Sinne der Konsumenten, alles Mögliche aus dem Ausland zurückzuholen und wieder hier zu produzieren, weil diese Dinge dann deutlich teurer werden.

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Blicken wir in die Glaskugel: Wo steht die deutsche Wirtschaft an Weihnachten?
Fifka: Das kann niemand sagen. Was man aber sagen kann: Den Zustand, den wir momentan haben, werden wir nicht lange durchhalten. Längere Zeit wird man sich das nicht leisten können. Deswegen wird die Politik darüber nachdenken müssen, wann man bestimmte Einschränkungen wieder aufhebt. Unsicherheit ist immer das größte Gift. Wenn ein Restaurantbesitzer weiß, Anfang Mai darf ich wieder aufsperren, dann kann er planen und sich überlegen, wie er bis dahin über die Runden kommt. Aktuell tappen aber alle völlig im Dunkeln.

Wirtschaftswissenschaftler Matthias Fifka

26.03.2020 © Marek Matustik


Zur Person: Matthias Fifka, Jahrgang 1974, leitet das Institut für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er lehrt zudem als Gastprofessor an Hochschulen weltweit und ist seit 2008 stellvertretender Direktor des Deutsch-Amerikanischen Instituts in Nürnberg. Ein Forschungsschwerpunkt sind internationale Wirtschaftsbeziehungen.


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