Ticketverkauf ging um 41 Prozent zurück

Mobilität und Corona: Wie die Pandemie uns verändert hat

23.9.2021, 07:14 Uhr
Die Ausgangssperren und andere Lockdown-Regelungen sorgten für Leere in den öffentlichen Verkehrsmitteln. 

Die Ausgangssperren und andere Lockdown-Regelungen sorgten für Leere in den öffentlichen Verkehrsmitteln.  © Hans-Joachim Winckler

In ein Taxi steigen und nach der Ankunft nur die Hälfte bezahlen? Das geht jetzt beispielsweise im Landkreis Bayreuth.

Sowohl freitags als auch samstags können in einem Zeitfenster von 21 Uhr abends bis 5 Uhr morgens Taxis geordert werden, um in die zentralen Freizeitorte Bayreuth, Trockau und Breitenlesau zu kommen beziehungsweise wieder von dort zurück zu fahren.

50 Prozent des Fahrpreises der so genannten "Fifty-Fifty"-Taxis übernimmt der Landkreis. Landrat Florian Wiedemann ist sich sicher, dass sich das System erfolgreich am Markt etabliert und "sehr schnell zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Freizeitmobilität an Wochenenden werden lassen."

Ähnliche Angebote gibt es bereits in den Landkreisen Kulmbach und Lichtenfels, in Landshut, Schwandorf und Vilshofen.

Also in überwiegend ländlich geprägten Räumen, die in den letzten Jahren vom Bevölkerungsrückgang und damit sinkenden Fahrgastzahlen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) geprägt waren, während gleichzeitig in den Städten von Jahr zu Jahr mehr Menschen in Busse und Bahnen stiegen.

Bremsspuren der Pandemie

Ein Trend, der allerdings durch die Pandemie jäh gebremst wurde, wie auch Thomas Kahn feststellt. Der Geschäftsführer des auch auf Mobilitätsforschung spezialisierten Nürnberger Unternehmens "PB Consult" hat mit seinem Team die Auswirkungen von Corona auf den ÖPNV in Nürnberg genau analysiert.

Auch um der Frage nachzugehen, ob sich die Nachfrage wieder erholen wird, so Kahn auf einer von der Nürnberger Georg-Simon-Ohm Hochschule und der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft veranstalteten Online-Konferenz.

So hatten die öffentlichen Verkehrsmittel vor der Pandemie einen Anteil von 23 Prozent am Modal Split. Das Fahrrad lag bei 15 Prozent, das Zufußgehen bei 24 und der Pkw-Verkehr bei 29 Prozent.

Im Schnitt 20 Kilometer

Dabei wurden pro Person und Tag im Durchschnitt drei Wege mit einer Gesamtdistanz von 20 Kilometern zurückgelegt, so Kahn. Die durchschnittliche Unterwegszeit lag bei 67 Minuten.

Das änderte sich schlagartig mit dem ersten Lockdown. "Plötzlich waren die Straßen und die Innenstadt leer", so Kahn. Im April 2020 sank die Unterwegszeit auf 35 Minuten, im Schnitt wurden in Nürnberg nur noch 1,4 Wege mit einer Entfernung von neuen Kilometern zurückgelegt.

Danach normalisierte sich das Mobilitätsverhalten in Bayerns zweitgrößter Stadt wieder und lag im Oktober vergangenen Jahres beinahe wieder auf dem Niveau vor der Pandemie.

Von Dezember 2020 bis April 2021 kam es mit dem zweiten und dritten Lockdown erneut zu einem starken Rückgang.

Weniger zur Arbeit

Damit verbunden änderten sich auch die Anlässe für die Mobilität. In der Vor-Corona-Phase bis Februar 2020 entfielen 21 Prozent auf Wege zur Arbeit, elf Prozent auf Wege zur Ausbildung, 23 Prozent der Strecken wurden wegen des Einkaufs zurückgelegt und 32 Prozent für Freizeitaktivitäten.

Auch hier erfolgte der stärkste Einbruch im April 2020. Nur noch zwölf Prozent der Wege wurden für die Arbeit, ein Prozent für die Ausbildung, 13 Prozent für den Einkauf und 16 Prozent für die Freizeit zurückgelegt.

Die stärksten Auswirkungen hatte das in diesem Zeitraum auf den ÖPNV, so Kahn. Der Anteil am Modal Split sank im Frühjahr 2020 auf drei Prozent, erholte sich dann wieder auf 19 Prozent im September 2020, um dann aber erneut einzubrechen. Im Juli 2021 lag der Anteil bei 13 Prozent.

ÖPNV besonders betroffen

Noch deutlicher wird der Einbruch beim Vergleich, wie viele Wege aufgeteilt nach Verkehrsträgern in der Corona-Phase unterlassen wurden. Beim ÖPNV waren das 45 Prozent, beim Pkw hingegen nur 14.

Nicht nur in Nürnberg war und ist das Mobilitäts-Minus vor allem bei den öffentlichen Verkehrsmitteln besonders groß. Das Infas-Institut für angewandte Sozialwissenschaften befragte dazu im April bayernweit 1554 Personen ab 18 Jahren.

35 Prozent der Befragten gaben an, seltener bis gar nicht mehr mit Bus, Tram oder U-Bahn zu fahren. Gleiches sagten nur 21 Prozent über Auto und Motorrad.

Als Hauptgrund dafür wurde von den Nürnbergern ÖPNV-Nutzern die Angst vor Ansteckung in den Fahrzeugen oder an Haltestellen angegeben, gefolgt vom Misstrauen in die ergriffenen Hygienemaßnahmen. Obwohl Studien immer wieder gezeigt haben, dass es kein erhöhtes Infektionsrisiko im ÖPNV gibt.

Auch ein fehlendes Sicherheitsgefühl durch das Verhalten der anderen Fahrgäste spielte eine große Rolle. Entsprechend massiv waren die Einnahmenrückgänge.

Bei der Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg (VAG) gingen sie im Vergleich der Zeiträume Juni bis August 2019 und 2020 um fast zehn Millionen Euro zurück.

Der Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) verzeichnete im Vergleich zwischen den ersten Quartalen 2019 und 2021 einen Einnahmenrückgang beim Ticketverkauf von 41 Prozent oder 20,4 Millionen Euro, bei den Zeitkarten um 25 Prozent oder 11,4 Millionen Euro.

Eine gute Nachricht

Die gute Nachricht angesichts all dieser Zahlen sei, dass es bislang nicht zu einem überproportionalen Anstieg des Pkw-Verkehrs gekommen ist. "Es macht einfach keinen Spaß, in Nürnberg Auto zu fahren", so Kahn.

Die Frage sei, wie es jetzt mit der Mobilität und insbesondere dem ÖPNV weitergeht. "Die spannenden Monate kommen jetzt", so Kahn. Mit Sicherheit werde sich die Nachfrage nach Mobilität erholen.

Wie sich beispielsweise die Verschiebung der (Büro-)Arbeitswelt hin zu Home-Office, Telefon- und Videokonferenzen und digital abgehaltenen Veranstaltungen auswirke, könne jedoch nicht vorhergesagt werden.

Wichtig sei es gerade für den ÖPNV auch, "Produkte attraktiver auszugestalten und die Zugangsbarrieren so gering wie möglich zu halten", so Kahn.

Schwierige Anpassung

Zwischen den Einzeltickets und den Abos zusätzlich ein Angebot zu platzieren, das beispielsweise gezielt auf Nutzer ausgerichtet ist, die vielleicht nur noch zwei oder dreimal pro Woche die S-Bahn nutzen, sei jedoch "heikel", wie VGN-Geschäftsführerin Anja Steidl sagt.

"Alle beklagen immer den Tarifdschungel, aber jeder will für sich noch einen Extra-Nische", so Steidl.

Dennoch beschäftigt sich der VGN auch mit Blick auf die Verwerfungen durch Corona mit neuen Geschäftsmodellen wie etwa dem "E-Tarif".

Er richtet sich vor allem an Gelegenheitsnutzer, die Pilotphase mit 20.000 Testnutzern soll im Sommer 2022 beginnen. Der E-Tarif kann mit dem Smartphone genutzt werden und der Ticketpreis errechnet sich aus einem Mix aus Tagesgrundpreis und zurückgelegten Kilometern, ab gewissen Umsatzgrenzen gibt es Rabatte.