Samstag, 31.10.2020

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Wie ein fränkischer Soldat den Umsturz plant

Ronny B. lief in Uniform bei Corona-Demo mit und verbreitet Hassreden im Netz - 01.09.2020 05:53 Uhr

Der 40-Jährige Ronny B. war laut eigenen Angaben acht Jahre lang als Bundeswehrsoldat im Range eines Stabsunteroffiziers im Einsatz, unter anderem in Afghanistan.

© NN/Jonas Miller


Unter den friedlichen Demonstranten rund um den Berliner Reichstag waren auch Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme und Reichsbürger. Und auch Ronny B. aus dem Landkreis Fürth hatte sich nach Informationen des gemeinsamen Rechercheteams von Nürnberger Nachrichten und Bayerischem Rundfunk(BR) unters Volk gemischt.

Der 40-Jährige trat dabei in einer Bundeswehruniform auf – an der Brust das Tätigkeitsabzeichen eines Bundeswehr-Kraftfahrers. Augenzeugen gegenüber gab er an, er sei ein "Reservist". In einer hitzigen Diskussion mit Polizeikräften drohte B. den Beamten, sie würden "zur Rechenschaft gezogen" und er werde sich ihre "Dienstnummern definitiv zu Gemüte führen".


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Schon zuvor hatte Ronny B. auf einer Anti-Corona-Kundgebung des bekannten Kochs Attila Hildmann gesprochen, der sich selbst als "Ultra-Rechten" bezeichnet. Auch an einem Autokorso in Berlin von Gegnern der Corona-Regeln um Hildmann war der Mittelfranke beteiligt. Dabei hisste er eine schwarz-weiß-rote Reichsfahne aus dem Fahrzeug und brüllte: "Freiheit für uns, Freiheit für alle – Raus aus dieser BRD".

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Ronny B., der im Landkreis Fürth zur Schule ging, betreibt einen eigenen Internet-Kanal, mit dem er zeitweise rund 2000 Nutzer erreicht. Beim Messenger-Dienst Telegram behauptet er unter anderem, dass die amtierende Regierung unter Angela Merkel von den jüdischen Familien "Rothschild und Soros gesteuert" sei.

Felix Balandat von der "Recherche und Informationsstelle Antisemitismus" (RIAS) sagte gegenüber dem NN/BR-Rechercheteam, die Aussage bediene "die antisemitische Fantasie einer jüdischen Weltverschwörung, die in Wahrheit die Welt beherrsche". Die Namen "Rothschild" und "Soros" dienten dabei als Chiffren für "die Juden".

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Über den Telegram-Channel verbreitet B. auch Dokumente, in denen es heißt, das Coronavirus sei eine Inszenierung, um das "System kalkuliert herunterfahren zu können". Außerdem müsse "das alte Deutsche Reich erst einmal offiziell wieder in Betrieb" genommen werden. Deutsche Staatsgrenzen müssten "neu definiert" werden, es gebe "Staatsgebiete, die zwingend zu Deutschland gehören müssen".

„Sie werden noch richtig bluten.“ Bei einem Truppenbesuch des früheren Außenministers Steinmeier stellte sich Ronny B. (Kreis) lachend neben den Politiker. 

© Screenshot Telegram Channel/Jonas Miller


Laut eigenen Angaben war der 40-Jährige acht Jahre lang als Bundeswehrsoldat im Range eines Stabsunteroffiziers im Einsatz, unter anderem in Afghanistan. Bilder, die dem NN/BR-Rechercheteam vorliegen, zeigen den Mann in Bundeswehrcamps, als Fahrer eines Bergepanzers Wisent oder mit einem Maschinengewehr 3. Auf einem älteren Bild posiert Ronny B. direkt neben dem früheren Außenminister und heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der damals die Truppe besuchte. Ronny B. postete das Bild vor kurzem in einem Telegram-Chat und schrieb dazu: "Sie werden noch richtig bluten diese Unmenschen ...".

Für den deutschen Inlandsgeheimdienst ist Ronny B. kein Unbekannter. Schon in den 1990er Jahren stufte er den jungen Mann als Sympathisant der rechtsextremen Szene ein. Das geht aus internen Unterlagen des Dienstes hervor, die NN und BR vorliegen. Dennoch konnte B. genau in dem Jahr in die Bundeswehr eintreten, in dem ihn der Verfassungsschutz auf dem Schirm hatte.

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Wie konnte das passieren? Der Militärische Abschirmdienst, der Geheimdienst der Bundeswehr, prüft den Fall nach den Hinweisen des NN/BR-Rechercheteams nun und will dabei eng mit dem zivilen Verfassungsschutz zusammenarbeiten. „Reservisten werden zudem seit 2017 einer Soldateneinstellungsüberprüfung unterzogen, bevor sie erstmalig an Kriegswaffen ausgebildet werden“ teilte eine Sprecherin mit. Ob Ronny B. Zugang zu Waffen hat, ist bislang unklar. Das Tragen von Uniform für Soldaten bei Demonstrationen ist nach der „Uniformtrageerlaubnis“ jedenfalls verboten.

B. treibt derweil die Frage um, welcher Kaiser Deutschland bald beherrschen solle. Er hält Georg Friedrich von Preußen für geeignet. Im Hause Hohenzollern äußerte ein Sprecher auf Anfrage jedoch, dies sei "keine Frage, mit der sich Prinz Georg Friedrich auseinandersetzt".


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