Sportlicher Wettbewerb?

Warum die Ice Tigers mit elf Spielern in Augsburg antreten müssen

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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30.1.2022, 14:04 Uhr
Echt jetzt? Dane Fox zählt zu jenen Spieler, die die Ice Tigers in Augsburg vertreten - müssen. 

© Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa Echt jetzt? Dane Fox zählt zu jenen Spieler, die die Ice Tigers in Augsburg vertreten - müssen. 

Sie haben viel geredet in diesen Tagen, viel nachgedacht. Sie hatten ja auch viel Zeit dazu. Und irgendwann hat einer vorgeschlagen, den Kofler Manu, den Thomas Schinko und Stefan Ustorf in Trikots der Ice Tigers zu stecken. Der Co-Trainer, der Physiotherapeut und der Sportdirektor waren schließlich einst auch Nationalspieler, Ustorf zählt zu den erfolgreichsten Spielern in der Geschichte des deutschen Eishockeys. „Aber natürlich war das nur scherzhaft gemeint“, fügt Wolfgang Gastner sicherheitshalber noch an. In dieser Zeit, in der kaum noch etwas undenkbar scheint, muss man darauf vielleicht wirklich hinweisen.

Denn wirklich denkbar schien es auch im Sommer nicht zu sein, in ein Eishockeyspiel mit zehn Feldspielern und einem Torhüter zu starten. Es war Sommer, die Inzidenz niedrig, Omikron ein griechischer Buchstabe, mit dem allenfalls Mathematiker zu tun hatten und die Sportdirektoren der Deutschen Eishockey Liga (DEL) einigten sich auf eine neue Spielordnung und insbesondere darauf, dass eine Mannschaft zehn Feldspieler und einen Torwart aufbieten muss, um als spielfähig zu gelten. Mittlerweile weiß man, wie wichtig der Zusatz „gesunde“ gewesen wäre.

"Nahezu verantwortungslos"

So treten die Ice Tigers genau mit dieser Minimalbesetzung in Augsburg an. Der Geschäftsführer der Ice Tigers findet das „befremdlich und nahezu verantwortungslos“. Aber das ist Wolfgang Gastners persönliche Meinung. Als Vorgesetzter erzählt er, dass die Mannschaft sich bereiterklärt hat, unter diesen Regeln anzutreten, er gibt aber auch zu, „dass wir alles versucht haben, das Spiel anzusagen“. Dazu wäre aber die Anordnung des Gesundheitsamts vonnöten gewesen, die Ice Tigers komplett in Quarantäne zu schicken. Für die gab es aber offenbar keinen Anlass, wohl auch, weil die Ice Tigers immer versucht haben, den Corona-Ausbruch in ihrer Kabine zu kontrollieren.

Es begann mit zwei positiven Tests nach dem Spiel am 13. Januar in Düsseldorf. Alle anderen Spieler isolierten sich, es wurde noch regelmäßiger gestestet und vorsorglich weit mehr Trainingseinheiten abgesagt als durchgeführt. Vier weitere positive Tests kamen hinzu, zwischendrin wurde trotzdem Eishockey gespielt, mit einem sensationellen Ergebnis (3:2 gegen Wolfsburg) und einem nachvollziehbaren und trotzdem ernüchternden Ergebnis (1:10 in Ingolstadt). Weil unter der Woche vier weitere Verdachtsfälle auftraten, wurden die Spiele in München und gegen Mannheim abgesagt.

Wenn die Gesundheit wichtiger ist

Vom Gesundheitsamt liegt den Ice Tigers seitdem die schriftliche Empfehlung vor, Kontakte einzuschränken. Aber eben nur eine Empfehlung. „Wir haben“, sagt Gastner, „in Nürnberg nunmal keinen direkten und dirigierenden Draht zu einem Amt.“ Dass andere Klubs diesen Draht haben und sich im Bedarfsfall in Quarantäne haben schicken lassen, sagt er nicht. Zumal auch Bietigheim, München und Iserlohn mit Minimalaufgeboten hatten antreten müssen.

Mittlerweile haben auch die ersten Spieler die Quarantäne mit negativen Tests wieder verlassen dürfen. In Nürnberg aber hält man sich weiter streng an das „return-to-play-Protokoll“, das genau vorschreibt, wie die Belastung nach einer Infektion gesteigert werden soll. Auch dieses Protokoll ist nur eine Empfehlung. Spieler wie Tim Bender, Andrew Bodnarchkuk und Blake Parlett dürften also wieder spielen. „In Nürnberg aber ist die Gesundheit wichtiger als die Punkte“, sagt Wolfgang Gastner, „und solange ich hier verantwortlich bin, wird das auch so bleiben.“

Sportlich fairer Wettbewerb?

„Gesund“ kann in diesen Tagen auch bedeuten, nicht an Corona erkrankt zu sein. Denn die verletzten Patrick Reimer, Chris Brown und der eben erst operierte Julius Karrer werden nicht berücksichtigt, wenn es um die Ermittlung geht, ob eine Mannschaft spielfähig ist oder nicht.

Die Ice Tigers haben also das Problem, dass sie sich an Regeln halten müssen, die sie selbst zum einem Fünfzehntel aufgestellt haben, dass sie ihren eigenen Spieler schützen und gar nicht erst versuchen, Entscheidungen des Gesundheitsamts Nürnberg zu beeinflussen. „Wir sind ehrlich und deshalb die Dummen“, sagt Gastner. Er klingt eher nüchtern als beleidigt. „Mit einem sportlichen Wettbewerb hat das schon lange nichts mehr zu tun. Hoffentlich verletzt sich in Augsburg niemand.“

Bei den Augsburger Panther sind am Sonntag wieder Zuschauer zugelassen gewesen. Personalprobleme gibt es keine. Beim 1:2 gegen Iserlohn saßen am Freitag drei überzählige Spieler auf der Tribüne – gesund und spielfähig. In Nürnberg hat sich mit Marko Friedrich im letzten Moment noch ein elfter Feldspieler in den Bus gesetzt. Sein negativer Test kam gerade noch rechtzeitig.

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