Seltsame Stadion-Stille: So fühlt sich Fußball ohne Fans an

18.5.2020, 12:25 Uhr
Fußballer mit Masken: Die neue Realität im Mai 2020.

Fußballer mit Masken: Die neue Realität im Mai 2020. © Sportfoto Zink / Wolfgang Zink, Wolfgang Zink / Sportfoto Zink / Pool

Fußball? Der kleine Junge sieht seinen Vater mit großen Augen an. Fußball? Wer am Sonntagmittag durch die Straßen rund um den Fürther Ronhof läuft, sieht nichts, hört nichts, fühlt nichts, was an Fußball erinnert. Alles ist wie immer in den vergangenen Wochen. Die Menschen gehen spazieren, durch die Luft wabert der Geruch von gegrillten Bratwürsten, aus den Gärten im Wohngebiet hinter dem Stadion hört man herzhaftes Lachen, in einem weht einsam eine kleine weiß-grüne Fahne im sanften Frühlingswind.

Vor dem Eingang zur Nordtribüne stehen ein paar Polizisten in der Mittagssonne, zu tun haben sie nicht viel. Fans sieht man hier keine, nirgends, auch nicht an der vielbefahrenen Erlanger Straße, wo die Busse sonst bei Fußballspielen im Minutentakt Menschen ausspucken. Diesmal fährt die Linie 173 einfach weiter in Richtung Atzenhof, die 177 hält ebenfalls nicht vor der Ruine, jener Kneipe, wo viele Menschen sonst noch ein Bier trinken, bevor sie die wenigen Meter in den Ronhof gehen.

Dabei war das ja eine der größten Sorgen der Populisten, auch mancher Journalist verbreitete die vermeintliche Sorge von tausenden Fans, die sich bei so genannten Geisterspielen vor den Stadiontoren aufhalten könnten. Stattdessen hängen vor den Zugängen zur Nord- und Südtribüne ein paar Rollen weißer Raufasertapete am Zaun, der Wind hat sie an manchen Stellen schon eingerissen, quasi als Zeichen des Protests gegen den Protest.

Denn die Tapeten sind ein Ausdruck von Hilflosigkeit, von Unzufriedenheit mit der Tatsache, dass der Profifußball gar nicht schnell genug wieder beginnen konnte mit dem Spielen. "Geisterspiele als Sinnbild eines kranken Systems" hat jemand in schwarzer Farbe auf den weißen Grund geschrieben. Und: "Kein Fußball ohne Fans!" Doch genau das soll hier heute stattfinden: Fußball ohne Fans. Zum ersten Mal in der langen Geschichte des Fürther Fußballs müssen Zuschauer draußen bleiben, während hinter Zäunen und Mauern elf Fußballer in weiß-grünen Trikots dahinter um Punkte spielen.

Normalität im Mai 2020?

Vor dem Wiederbeginn der Fußball-Bundesliga hatte mancher Angst vor Menschenmassen im Stadionumfeld. Dieses Plakat aber blieb die einzige Äußerung von Fans – stumm, dafür aber plakativ.

Vor dem Wiederbeginn der Fußball-Bundesliga hatte mancher Angst vor Menschenmassen im Stadionumfeld. Dieses Plakat aber blieb die einzige Äußerung von Fans – stumm, dafür aber plakativ. © Foto: Michael Fischer

Wer ihnen dabei zuschauen möchte, muss nur den Fernseher einschalten, die ausbleibenden Zahlungen der TV-Rechteinhaber sind ja der Grund dafür, dass es seit Wochen gefühlt nur noch ein Thema gab. Wann kann, wann darf und wann muss es wieder losgehen, bevor den Vereinen die Luft ausgeht? Markus Söder und Armin Laschet preschten vor, die Ministerpräsidenten von Bayern und Nordrhein-Westfalen brachte eiligst den 8. Mai ins Gespräch. Stefan Leitl, der Trainer der Spielvereinigung, warnte noch vor ein paar Wochen im Kleeblatt-Podcast "Fürther Flachpass" davor, dass die Verletzungsgefahr sehr hoch sei, wenn die Spieler nicht genügend auf den Wettkampf vorbereitet sind. Sein Nürnberger Kollege Jens Keller tat es ihm gleich, der Kompromiss aus purer wirtschaftlicher Not und der Sorge um die Gesundheit der Fußballer war nun also der 17. Mai 2020.

Wer aber live dabei zuschauen möchte, ob dieser große Versuch gelingt, der muss mehr machen als ein paar Tasten auf seiner Fernbedienung zu drücken. Vor dem Eingang zur Haupttribüne warten, natürlich mit Mundschutz, zwei Ordner und ein medizinischer Mitarbeiter des Kleeblatts. Normalerweise würde einer der Sicherheitskräfte kurz in den Rucksack blicken, dort einen Laptop und ein paar Kabel finden und einen dann mit netten Wünschen ins Stadion lassen. Aber: Normalität im Frühjahr 2020?

Also geht man zwei Schritte weiter und steht still, gespannt, was da noch kommt. Auf einem mehrseitigen Formular hatte man ja schon bestätigen müssen, dass man gesund ist, dass man zwei Wochen lang mit niemandem Kontakt hatte, der sich mit Sars-CoV2 infiziert hat, dass man auch sonst alles getan hat, um sich diesem so unsichtbaren und doch so gefährlichen Virus bestmöglich zu entziehen. Doch damit nicht genug. Bevor die zehn zugelassenen Journalisten den Ronhof betreten dürfen, müssen sie auch noch einen kleinen Ausflug zum Freiluft-Arzt machen. Der steckt einem ein kleines, weißes Fieberthermometer ins Ohr und wartet. Zwei Sekunden, drei, fünf, dann erlöst er einen – und überbringt die frohe Kunde. 36,8 Grad. Und das nach einer kleinen Radtour zum Stadion. "Erst ab 38 wäre es gefährlich geworden", sagt der Experte, grinst und wünscht ein schönes Spiel.

Zweimal zum Fiebermessen

Ortswechsel. Auf dem Hamburger Heilig-Geist-Feld nebenan haben sich am Sonntagmittag sogar ein paar Schaulustige eingefunden, um das skurrile Spektakel von außen zu verfolgen. Einige zücken Handys und fotografieren die mannigfaltigen Absperrungen rund um das Millerntorstadion, in dem sich ab 13.30 Uhr der FC Sankt Pauli und der 1. FC Nürnberg gegenüberstehen sollen. Wer hinein will, muss sich von Ordnern erst mal den korrekten Weg in eine der drei Zonen erklären lassen, der nicht durchweg der schnellste ist. So darf mindestens ein Journalist gleich zweimal zum Fiebermessen (36,0/36,3), ab 38 wäre auch in Hamburg der Zugang verweigert worden. Den unteren Rekord des Tages stellt Sankt Paulis Vereinspräsident Oke Göttlich mit weniger als 35 auf. Er ist ebenfalls mit dem Fahrrad da.

Mitgebrachte Wasserflaschen müssen mit Edding personalisiert werden, belegte Brötchen zum Glück nicht. Die Verpflegungsstände haben schließlich zu, die allermeisten Türen bleiben es ebenfalls, weil ja Begegnungen dringend vermieden werden müssen. Auch deshalb verteilen sich die Auswechselspieler beider Mannschaften, allesamt mit Mund-Nasen-Schutz, jeweils auf gleich drei Bänken, um den Mindestabstand wahren zu können. "Immerhin kann man heute unsere Botschaften lesen", sagt Göttlich, auf Zwischenmauern zwischen dem Ober- und Unterrang hat der FC Sankt Pauli vor einiger Zeit einen Teil seiner Philosophie niedergepinselt, der DFB ließ die Sprüche bei einer Trainingseinheit der Nationalmannschaft mal abdecken. "Kein Mensch ist illegal", "Kein Fußball den Faschisten", auf der Haupttribüne hängt am Sonntagnachmittag außerdem ein fast 50 Meter langes Plakat. "Fußball lebt durch seine Fans – Reformen jetzt", konnten vor allem die Fernsehzuschauer lesen. Eigentlich wollten die Sankt Pauli-Ultras lieber schweigen, mussten ihren Unmut über Geisterspiele dann aber wohl doch noch publikumswirksam loswerden.

In Fürth folgen derweil nach der Fiebermessung wenige Sekunden Normalität. Rein ins Treppenhaus, zwei Stockwerke nach oben und raus auf die Tribüne. Der Ordner an der Tür grüßt ebenfalls freundlich, viele Menschen hat er hier heute ja noch nicht gesehen. Hinter ihm liegt er da, der Sportpark Ronhof, menschenleer. So, wie vor einigen Monaten, als Fürths Torhüter Sascha Burchert einen in einer schmucken Loge hoch oben über dem Rasen zum ausführlichen Interview empfing. Die Loge ist an diesem Nachmittag leer, die Haupttribüne ist es auch. Der "Direktor Stadionbetrieb" Tobias Auer steht einsam an der Brüstung und lässt seinen Blick schweifen. Man scherzt über diese surreale Situation, über Spiele der U23 vor maximal 100 Zuschauern gegen Schalding-Heining oder Buchbach. Nur den Humor nicht verlieren.

Um 13.24 Uhr setzt Musik ein, jeder, der regelmäßig in den Ronhof geht, weiß, was jetzt passiert. Passieren würde. Während die "Travelling Playmates" die Kleeblatt-Hymne singen, vom unruhigen Vormittag erzählen, an denen man mit der Fahne durch den Stadtpark Richtung Stadion rennt, recken die Fans vor jedem Spiel ihre Schals nach oben, singen mit, es ist ein Ritual, so wie in vielen Stadien, überall auf der Welt.

Fußball und sonst nur Stille

Doch diesmal ist da nichts. Auf der Nordtribüne: nichts. Nur ein großer, blockiger Schriftzug: Unser Kleeblatt, das wird niemals untergeh‘n. Die Gegengerade ist leer, genauso wie die Südtribüne. Also singt die Stimme alleine weiter, minutenlang, bis die Spieler des Hamburger Sportvereins den Platz betreten. Alleine, jeder für sich. Und so stehen sie da, eine gefühlte Ewigkeit.

Währenddessen desinfiziert ein Fürther Betreuer eifrig jeden einzelnen Ball, mit dem sich die Mannschaft vorher aufgewärmt hat. Der Fußball produziert Bilder, das weiß er, also ist manches auch blanker Aktionismus, aber was tut man nicht für ein bisschen Normalität. Dann verstummt die Musik, für einige Sekunden ist da nichts als Stille. Dann hört man sie rufen, die 22 Männer in Weiß-Grün und Rosa-Blau. Letzte Motivation. Und dann ein Pfiff: Um 13.30 Uhr rollt der Ball also tatsächlich wieder. Begleitet von nichts als Stille.

Mancher Fußballfan hatte sich darauf gefreut, man könne ja, hieß es, dann endlich mal hören, was die Spieler und Trainer so rufen während der 90 Minuten Fußball. Wer aber literarische Meisterwerke oder klug formulierte Spielpläne erwartet hat, wird schnell enttäuscht. Vor! Weiter! Fuß! Männer! Da sein! Zweiter Mann! Keeper. Die Sprache auf dem Rasen ist kurz, hart, man hört sie stakkatoartig durch den Ronhof hallen.

Liebe? Es ist kompliziert

Um 13.50 Uhr wird es kurz lauter. Fürths Timothy Tillmann verschätzt sich etwas, beinahe hätte der HSV das 0:1 erzielt. Geschäftsführer Rachid Azzouzi wird erstmals lauter auf seinem Platz, auch Ingrid Hofmann, der Chefin des Hauptsponsors, wird kurz mulmig. Dann schweigen sie wieder, die wenigen Menschen, die dabei sein dürfen bei diesem denkwürdigen Spektakel.

Eine Viertelstunde später wird es laut. Neben einem springt Immanuel Kästlen auf, der Pressesprecher des Kleeblatts, der in der neuen Normalität gleichzeitig auch Stadionsprecher ist. Tor fürs Kleeblatt, spricht er in sein Mikrofon, als die Tormusik verstummt ist. 1:0, Havard Nielsen. Kästlen sagt dann noch ein paar mehr Dinge an. Spielerwechsel, das 1:1, das 1:2. Dann wieder Spielerwechsel. Dazwischen ist beständig Stille, die mit fortlaufender Spieldauer aber immer öfter unterbrochen wird von Hektik auf den Rängen.

Der HSV führt ja 2:1, verlieren will aber niemand, auch nicht in dieser seltsamen Umgebung. Dann ein letzter Eckball. Gestocher. Und dann: nur noch Geschrei. Kästlen springt wieder auf, Azzouzi rennt über die halbe Tribüne und schreit vor Glück. Für einige Sekunden ist da nichts als Freude und Glück, es ist das, wofür man den Fußball so sehr liebt. Als der Schiedsrichter wenig später abpfeift und die Stille zurückkehrt, singt irgendwer aus den Boxen von Liebe. Fußball? Liebe? Es ist kompliziert.

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