Beim 1:1 in Berlin

Fürth und sein Ballbesitzspiel: Eine Philosophie mit Risiken und Nebenwirkungen

Michael Fischer, Sportredakteur
Michael Fischer

Nürnberger Nachrichten

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2.5.2022, 06:00 Uhr
Ein bisschen zu viel Risiko, zwei falsche Entscheidung und schon liegt der Ball im eigenen Tor. So erging es dem Kleeblatt bei Union Berlin.

© Sportfoto Zink / Wolfgang Zink, Sportfoto Zink / Wolfgang Zink Ein bisschen zu viel Risiko, zwei falsche Entscheidung und schon liegt der Ball im eigenen Tor. So erging es dem Kleeblatt bei Union Berlin.

Die Menschen auf den VIP-Plätzen waren erstaunt. Der Vorteil eines kleinen und engen Stadions wie dem des 1. FC Union Berlin ist ja, dass man sehr schnell mitbekommt, wie die Zuschauer fühlen, wie sie das, was auf dem Rasen passiert, beurteilen. Am Freitagabend mischte sich in die deutlich vernehmbare Enttäuschung der Berliner Fans über einen ziemlich uninspirierten Auftritt ihrer Mannschaft immer wieder eine gewisse Überraschtheit, die teilweise in Begeisterung umschlug.

Der Grund dafür war das Aufbauspiel des Tabellenletzten, der eben nicht so spielte, wie sich das mancher offenbar vorgestellt hatte. Der nur ganz selten den Ball mal aus dem eigenen Strafraum nach vorne drosch, verbunden mit der Hoffnung, dass die Offensivspieler schon irgendwas damit anfangen werden. Immer wieder sah man ansehnliche Kombinationen, mit denen sich das Kleeblatt vom ganz hinten nach vorne spielte - und damit genau das tat, was Trainer Stefan Leitl von seiner Mannschaft sehen möchte.

Aus seiner Begeisterung für schönen und technisch sauberen Ballbesitzfußball hat Leitl nie einen Hehl gemacht. Wer das Kleeblatt unter der Woche beim Training beobachtet, sieht die Spieler tatsächlich fast immer Fußball spielen - in unterschiedlichen Variationen. Um genau das zu schaffen, was man am Freitagabend in Köpenick sah. "Wir wollen von hinten herausspielen", betonte der Trainer nach dem 1:1 - einem Spiel, bei dem eben dieses Herausspielen allerdings dazu geführt hatte, dass der Gegner sehr einfach ein Tor schießen konnte.

Torhüter Andreas Linde ließ den Ball fallen, sah von rechts den Berliner Kevin Behrens heranstürmen und spielte deshalb quer zu Nick Viergever. Der entschied sich dazu, den ebenfalls heranstürmenden Sven Michel ausdribbeln zu wollen - verlor den Ball aber, sodass der Angreifer leichtes Spiel hatte. In der Pressekonferenz nach dem Spiel hatte Trainer Stefan Leitl die "Risikoabwägung" seiner Hintermannschaft kritisierte. Die Schuldfrage wollte er unter vier Augen dann aber nicht beantworten - weil das seiner Auffassung nach auch gar nicht so einfach funktioniert.

"Ich gebe niemandem die Schuld", betonte der Trainer. "Ich finde, dass Andreas erkennen kann, dass wir gerade ein, zwei Wellen von Union überstanden haben, den Druck rausnehmen und lang eröffnen kann." Denn es ist ja nicht so, dass der Trainer seinen Spielern verbietet, den Ball einfach mal nach vorne oder sogar aufs Tribünendach zu schlagen. Das hat er zu Beginn der Saison erwähnt, als das Kleeblatt bei der von Leitl angesprochenen "Risikoabwägung" noch mehr Fehler machte.

Im Spätsommer und Herbst 2021 sah man deshalb mitunter Partien, in denen die Spielvereinigung kaum mehr spielte, sondern immer wieder mit langen Bällen operierte. Angesichts eines fehlenden "Wandspielers", eines Angreifers, der diese Zuspiele annehmen und weiterleiten kann, führte das allerdings nicht zum Erfolg, sondern vor allem zu unansehnlichen Auftritten. Inzwischen hat die Mannschaft die verlorengegangene Sicherheit zurückgewonnen und kombiniert sich sehenswert heraus - so wie am Freitag bei Union.

Es ist ein risikoreiches Spiel, das dem Kleeblatt am 32. Spieltag den Sieg kostete. Doch nach Lindes riskantem Ball auf Viergever war eigentlich noch nichts passiert, "Nick kann auch noch eröffnen über Luca Itter, dann sind wir über die erste Pressinglinie hinaus", sagte der Trainer. "Das waren leider zwei falsche Entscheidungen und damit zwei zu viel." Der erfahrene Viergever nahm die Schuld hinterher dann auch auf sich. "Ich hätte den Ball rausschießen müssen", bekannte er beim Fernseh-Interview. "Wir haben in dem Moment zu viel Risiko genommen."

Die Entscheidungsgewalt darüber hat Leitl seinen Spielern übertragen, denen er das auch zutraut. "Es geht darum, eine Routine reinzubekommen, wann das Risiko so ist, dass ich eröffnen kann", betonte der Trainer. An diesen Routinen wird er jetzt noch zwei Wochen arbeiten, um den Feinschliff darf sich dann sein Nachfolger kümmern.

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