Ein Fehler kostet zwei Punkte

"Wir hätten gewinnen müssen": Kleeblatt hadert mit sich und dem 1:1 bei Union Berlin

Michael Fischer, Sportredakteur
Michael Fischer

Nürnberger Nachrichten

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1.5.2022, 10:31 Uhr
Wenn ein Tor nach einer sehr guten ersten Hälfte nicht reicht: Branimir Hrgota (vorne) fasste die Fürther Stimmungslage nach Abpfiff zusammen.

© Sportfoto Zink / Wolfgang Zink, Sportfoto Zink / Wolfgang Zink Wenn ein Tor nach einer sehr guten ersten Hälfte nicht reicht: Branimir Hrgota (vorne) fasste die Fürther Stimmungslage nach Abpfiff zusammen.

Als die Nacht längst über Köpenick hereingebrochen und der Freitag fast schon zum Samstag geworden war, da konnte Stefan Leitl wieder lachen. Der Trainer des Kleeblatts stand in der großen Interview-Zone der Alten Försterei und sprach gerade über die zurückliegenden 95 Minuten, über dieses 1:1 beim 1. FC Union Berlin. Doch dann stockte er mitten in seinen Ausführungen, weil ein Fußballer im roten Trikot die Nähe zu ihm suchte.

Es war Paul Jaeckel, sein ehemaliger Innenverteidiger, mit dem zusammen er in der vergangenen Saison in die Bundesliga aufgestiegen war. Der 23-Jährige hatte sich danach aber entschieden, noch ein bisschen weiter aufzusteigen und nach Berlin zu wechseln. Die Verbundenheit zu dem Mann, der ihn zum Bundesliga-Verteidiger geformt hatte, ist aber offenbar immer noch groß. Genauso wie die Verbundenheit zum Kleeblatt. Auf dem Platz hatte sich Jaeckel noch das Trikot seines ehemaligen Kollegen Maximilian Bauer gesichert, das er lässig am Hosenbund spazieren trug.

Es waren harmonische Bilder, die da am Ende einer aus Fürther Sicht sehr turbulenten und traurigen Woche standen. Abstieg am vergangenen Samstag, der angekündigte Abschied des Trainers am Mittwoch - und eben dieses 1:1 bei Union Berlin am Freitagabend. Denn so sehr man sich als Absteiger über einen Punkt beim Tabellensechsten freuen könnte - beim Kleeblatt war direkt nach dem Spiel kaum jemandem zum Feiern zumute. "Der eine Punkt ist heute nicht genug", sagte Torhüter Andreas Linde. "Wir hätten gewinnen müssen."

Doch wie so oft in dieser Saison verpasste es das Kleeblatt, nicht nur ein gutes Spiel zu machen, sondern sich auch mit mehreren Toren für dieses zu belohnen. "Die erste Hälfte war wirklich gut von uns, wir haben das Spiel kontrolliert", meinte Linde. Er und seine Vorderleute hätten "guten Fußball gespielt, die Defensive war stabil". Es war in der Tat ein erstaunlicher Auftritt der Fürther, die befreit aufspielten und den so stabilen FC Union phasenweise dominierten - denen im Abschluss aber Glück und Qualität fehlten.

Und so sahen die phasenweise erstaunten Fans auf den Tribünen einen Absteiger, dessen Spieler sich viele Möglichkeiten erspielten, dann aber in aussichtsreicher Position Luftlöcher schlugen, die den Ball an die Unterkante der Latte setzten oder aus der Distanz nicht genau genug zielten. "Wenn wir drei Tore machen, wäre das auch verdient gewesen", befand Trainer Leitl - sie machten aber nur ein Tor, als Branimir Hrgota nach einem Freistoß im Strafraum richtig stand und den Ball aus zehn Metern perfekt traf (33.).

Nach "einer der besten ersten Hälften, die wir in diesem Jahr gespielt haben", wie Leitl es nannte, führte das Kleeblatt an der Alten Försterei und war nur noch 45 Minuten vom ersten Auswärtssieg der Saison entfernt. Von einem sehr verdienten Erfolg. Auch Unions Erfolgstrainer Urs Fischer war vom Auftritt des Kleeblatts beeindruckt. "In der ersten Hälfte war Fürth die klar bessere Mannschaft", sagte er "unser Glück war, dass wir nur mit einem 0:1 in die Pause gingen, weil es deshalb möglich war, auszugleichen".

Nach eben diesem Ausgleich sah es aber lange nicht aus. Auch nach einem Berliner Wechsel und der Umstellung auf einen Dreier-Sturm zur Pause ließ die Spielvereinigung nur wenig zu. Offensiv verschenkte Jessic Ngankam nach einem Unioner Fehlpass mit einem schwachen Zuspiel auf Branimir Hrgota das mögliche 0:2 - und dann leistete sich die Fürther Hintermannschaft mal wieder einen krassen Aussetzer.

Bis zu dieser 72. Minute hatte sich das Kleeblatt immer wieder sehenswert aus dem Berliner Pressing befreit, sich schön vom eigenen Strafraum durch das Mittelfeld nach vorne kombiniert - nur um dann einmal nicht wach genug zu sein und den Gegner zum Toreschießen einzuladen. "Da war leider die Risikoabwägung nicht ganz so optimal", erklärte der Trainer. Sowohl Torhüter Linde als auch Verteidiger Nick Viergever hätten "erkennen müssen, wann der Druck so groß wird, dass man mal einen langen Ball mit einstreut", so Leitl. "Da haben wir den Ausgleich hergeschenkt."

Nach dem 1:1 von Sven Michel, der dem dribbelnden Viergever den Ball abgenommen und ins leere Tor getroffen hatte, entwickelten die Unioner aber kaum mehr Gefahr, die Fürther verteidigten gut. So stand am Ende ein Punkt, über den sich beide nicht so recht freuen konnten. "Wenn wir uns nicht über 90 Minuten am Limit bewegen, wird es schwierig", sagte Urs Fischer - und hätte damit nicht nur seine Mannschaft, sondern auch die Fürther meinen können. Die lange nicht spielten wie Absteiger - und trotzdem zeigten, warum sie absteigen werden.

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