Kleeblatt erlebt sein "Sete a um"

"Sehr bitter": Eine Bestandsaufnahme nach 14 Fürther Bundesliga-Spieltagen

Michael Fischer, Sportredakteur
Michael Fischer

Nürnberger Nachrichten

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6.12.2021, 06:00 Uhr
Nicht zu fassen: Angreifer Dickson Abiama sank nach der 1:7-Niederlage in Leverkusen zu Boden

Nicht zu fassen: Angreifer Dickson Abiama sank nach der 1:7-Niederlage in Leverkusen zu Boden © Sportfoto Zink / Wolfgang Zink, Sportfoto Zink / Wolfgang Zink

Sete a um. Sieben zu eins. Die historische Niederlage der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft im WM-Halbfinale 2014 gegen Deutschland hat ein ganzes Land geprägt. Dieses Spiel, das hinterher als Schande und Massaker bezeichnet wurde, hat irreparable Schäden in der Seele einer Gesellschaft hinterlassen, die sich schon immer stark über den Erfolg ihrer Fußballer definiert. Über das schöne Spiel, das vor sieben Jahren zu einem sehr unschönen Spiel wurde. Bis heute gilt „Sete a um“ als Synonym für Versagen, für Ignoranz und Inkompetenz.

Am Samstagnachmittag hat wieder eine Fußball-Mannschaft 1:7 verloren. Wer während und unmittelbar nach dem Spiel in die Gesichter der Männer in den Trikots der Spielvereinigung Greuther Fürth blickte, sah dieselbe Enttäuschung, dieselbe Trauer und dieselbe Hilflosigkeit wie damals in Belo Horizonte. Von "seelischen Wunden" sprach Fürths Trainer Stefan Leitl hinterher, die 13. Niederlage im 14. Spiel war eine ebenso historische wie dieses Siebenzueins bei der WM 2014.

Noch nie war eine Mannschaft in der Fußball-Bundesliga schlechter. Selbst der 1. FC Nürnberg, der in seiner Vereinsgeschichte schon so einige Negativrekorde aufgestellt hat, verlor zwischen 1984 und 1985 nur elfmal in Folge. Saisonübergreifend. Das Kleeblatt stellte diesen Rekord vergangene Woche mit dem 3:6 gegen Hoffenheim ein, seit dem 1:7 am Samstag in Leverkusen dürfen die Fürther die traurige Marke für sich alleine beanspruchen.

In den sozialen Medien machen sich viele Menschen seit Wochen herzlich lustig über diesen irgendwie ja sympathischen und doch so mitleidserweckenden Verein aus Franken, der nach 14. Spieltagen mit nur einem Punkt abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz steht. Mancher hat gar die Vereinslogos des Kleeblatts und von Tasmania Berlin zur "Spielvereinigung Tasmania Fürth" vereinigt. Überhaupt: Tasmania. Es ist ein Name, der seit vielen Jahrzehnten für sportlichen Misserfolg steht, für die schlechteste Mannschaft aller Zeiten, diesen kleinen Klub aus Berlin-Neukölln, der es 1965/66 ganz unverhofft in die Bundesliga schaffte – und dort dann auch nur umgerechnet zehn Punkte holte. Bei einem Torverhältnis von 15:108.

Eine Aufgabe, die mehr ist als ein Beruf

Die Spielvereinigung hat derzeit 46 Gegentore in 14 Spielen kassiert, geht es so weiter, würden die Fürther den vermeintlich Allzeit-Rekord von Tasmania mit 111 Gegentoren einstellen. Doch es wird nicht so weit kommen. Davon ist Rachid Azzouzi überzeugt. Der Geschäftsführer des Kleeblatts ist ein Mann der klaren Worte, einer, der das Herz auf der Zunge trägt und der keinen Konflikt scheut. Immer angetrieben davon, alles Menschenmögliche für diesen Verein zu tun. Seinen Verein.

Azzouzi hat lange in Fürth Fußball gespielt, hat danach in verschiedenen Positionen im Verein gearbeitet, ist als Manager nach Sankt Pauli und Düsseldorf gegangen, doch erst beim Kleeblatt hat er eine Aufgabe gefunden, in der er aufgeht, die für ihn viel mehr ist als ein Beruf. Deshalb wird seine Stimme auch lauter, wenn man ihn auf all die drohenden Negativrekorde anspricht, darauf, dass seine Fürther bald vielleicht die schlechteste Mannschaft aller Zeiten sind.

Die traurigen und oft auch schwer zu verarbeitenden Erfahrungen in der Bundesliga lassen Rachid Azzouzi natürlich nicht kalt. Doch abseits aller emotionalen Momente, abseits all der Trauer und Ernüchterung, wirbt der 50-Jährige darum, die Gegenwart und jüngere Vergangenheit realistisch einzuschätzen. "Was mir viel zu kurz kommt: Wir spielen seit Wochen mit nur einem Innenverteidiger, der gerade seine erste Saison in der Bundesliga erlebt", sagt Azzouzi. Alle anderen: verletzt.

Mit dem erfahrenen Nick Viergever, der die Abwehr enorm stabilisiert hatte, sowie Gideon Jung und Justin Hoogma fehlen drei gelernte Innenverteidiger, sodass seit Wochen Mittelfeldspieler ganz hinten verteidigen müssen – was auf Dauer nicht klappen kann. "Ich sage es immer wieder", betont Azzouzi. "In Fürth muss alles passen, damit wir in der Bundesliga eine Chance haben. Wir hatten allerdings einen großen Umbruch, haben brutales Verletzungspech und hatten über zwei, drei Wochen eine Corona-Seuche."

Kurz: Es passt fast nichts.

Zu den vielen internen Problemen kommen auch noch externe, die sich ebenfalls auf den sportlichen Erfolg auswirken. Natürlich will in Fürth niemand jammern, dass man dauerhaft vom Schiedsrichter benachteiligt wird, es wäre ja auch eine viel zu leichte Antwort angesichts des allwöchentlichen Scheiterns. "Es gab", sagt Azzouzi diplomatisch, "Schiedsrichter-Entscheidungen, die nicht in unsere Richtung ausfielen."

Tatsächlich wurde die Spielvereinigung in einigen Situationen klar benachteiligt, oft waren es Momente, in denen ein Spiel auch in eine andere Richtung hätte kippen können. In Leverkusen wurde den Fürthern ein Tor aberkannt und ein Gegentor trotz eines vorhergehenden Fouls gegeben. "Das sind Situationen, die etwas mit einer Mannschaft machen", sagt Azzouzi. "Und all das versuche ich einzubeziehen in die Bewertung, die wir jede Woche machen."

In dieser Bewertung spielt auch Trainer Stefan Leitl eine Rolle. Der Mann, der aus einer Mannschaft, die im Februar 2019 in die dritte Liga abzusteigen drohte, einen Bundesliga-Aufsteiger gemacht hat. "Es ist natürlich frustrierend, weil ich ein sehr ehrgeiziger Mensch bin und sportliche Ziele habe, die in immer weitere Ferne rücken", sagt Leitl. An vielen anderen Standorten wäre er längst entlassen worden, das weiß Stefan Leitl. Doch in Fürth "haben wir so viel Vertrauen aufgebaut und können uns viele Dinge erklären, auch wenn wir natürlich alles hinterfragen", sagt Azzouzi.

Da war noch alles gut: Die pandemiebedingt ausgesperrten Fürther Fans bejubeln am 23. Mai den Aufstieg in die Bundesliga.
 

Da war noch alles gut: Die pandemiebedingt ausgesperrten Fürther Fans bejubeln am 23. Mai den Aufstieg in die Bundesliga.   © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, NN

Vor ein paar Monaten hätten alle den Fürther Trainer noch gefeiert, "weil er einen fantastischen Job macht", betont der Geschäftsführer. Auch jetzt, nach einem historisch schlechten Start, ist er noch überzeugt von der Qualität seines wichtigsten Angestellten, den manche im Sommer gerne für immer beim Kleeblatt gesehen hätten. Azzouzi will das auch jetzt noch, er hat Leitl in den vergangenen Wochen demonstrativ den Rücken gestärkt – und tut es auch jetzt noch. Nach dem 1:7. Dem Fürther "Sete a um".

"Ich erzähle nichts, um Menschen zu beruhigen", sagt Azzouzi. "Wenn ich etwas sage, stehe ich auch dazu." Natürlich tut es allen Fürthern im Herzen weh, ihren Verein so zu sehen, als Gespött des Fußball-Landes. "Ich weiß, dass diese Wochen sehr hart und sehr bitter sind", betont der Geschäftsführer. Für ihn, für Leitl, für die Spieler, für die Fans. Für alle Menschen in Fürth. "Als nach dem Aufstieg die ganzen Schulterklopfer kamen, waren wir nicht die Allergrößten", sagt Azzouzi. "Und jetzt sind wir nicht die Allerschlechtesten."

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