Dienstag, 23.10.2018

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Eine Epoche in der Südstadt geht zu Ende

Liebeserklärung an das geschlossene Atrium - 10.10.2008

Einst war das Atrium noch ein schicker Filmpalast, inzwischen rottet es vor sich hin. © NZ


Solche Menschen sterben aus. Deswegen ist jetzt das Atrium gestorben. Sein Tod kam plötzlich, weil der Tod von Ronnie plötzlich kam. Ronnie hat die Filme im Atrium vorgeführt. Er hat kassiert. Im Foyer war er stets zu finden - hinter einem Buch, hinter Zeitungen. Ronnie hat schon in der Meisengeige Filme vorgeführt, als die noch das einzige Kino von Wolfram Weber war und Weber noch ein Cineast. Heute gehört ihm das Cinecittà und er ist Geschäftsmann.

Aber Ronnie ist nicht schuld am Tod des Atrium. Wolfram Weber hatte längst beschlossen, sich von dem Haus zu trennen, das er 1984 von der Familie Ach gepachtet und «Filmpalast« getauft hatte. Seit Jahren hat er nichts mehr investiert. Die Decke kam herunter. Die Sitze gingen aus den Fugen. Im Winter taten dem Publikum Mäntel gut. Weber wollte den Pachtvertrag nicht verlängern, denn er möchte jetzt wohl die anspruchsvollen Filme für das Atrium ins Cinecittà ziehen und die Zuschauer mit. Im Multiplex hat er Kapazitäten für Anspruch frei, seit seine jungen, action-begierigen Kunden ihre Kinobesuche zunehmend im Internet absolvieren. Deswegen wird er zum Jahresende auch die Casablanca-Kinos am Kopernikus-Platz schließen. Dann gibt es in der Südstadt kein Lichtspieltheater mehr.

Denn die Chancen, einen neuen Pächter für das Atrium zu finden, stehen schlecht. So ist zu befürchten, dass man es nach 54 Jahren voller Filmflimmern endgültig zur Gruft vermauern wird. 1954 ist es eröffnet worden. In Westdeutschland war das eine Boom-Zeit für neue Kinos. Sie wurden attraktiv ausgestattet, denn mit dem beginnenden Wohlstand leisteten sich die Bundesbürger wieder den Kinobesuch.

Andererseits wurde Deutschland 1954 Fußballweltmeister, und die Epoche des Fernsehens brach an. Und damit die Epoche der ersten großen Kinokrise nach dem Krieg. Ob man 2008 von einer weiteren Kinokrise sprechen muss, sei dahingestellt. In Nürnberg jedenfalls findet gerade ein kleines Massensterben von Filmtheatern statt. Seit einigen Wochen spielt das Museum in der Lessingstraße nicht mehr. Konrad Hoffmann, der die zwei Häuser im Besitz der Deutschen Bahn nach dem Unfall des Geschäftsführers Manfred Rölz ein paar Jahre als Nachspieler schöner Filme betrieb, hat resigniert. Die Zuschauer, meinte er, wollten nicht mehr warten, bis die Filme zu ihm kamen. Im großen Haus des Rio in der Fürther Straße läuft derzeit kein Film, angeblich aus technischen Gründen. Doch von der Umwidmung des Rio in ein Kulturzentrum mit Musikschwerpunkt ist immer mal wieder die Rede. Das Rio gehört der Familie Ach (City-Kinocenter in Fürth), an die jetzt auch das Atrium zurückfällt.

Was damit machen? Kann derzeit ein Privatmann den Einstieg in ein Kino riskieren? Mit welchem Konzept? Für welches Publikum? Und mit welcher Kraft, um gegen den Magnetismus des Cinecittà durchzuhalten? Wir sind in einer Umbruchsituation. Der Film verabschiedet sich gerade vom Zelluloid und wird digital. Und der Filmkonsum wird zunehmend privat. In Kellern und auf Dachböden entstehen kleine Kinos, mit DVDs über Beamer bespielt. Andere Filmfans steigen auf den Flachbildschirm um oder begnügen sich mit dem Computer. Das Atrium droht also zum Mausoleum für eine Kulturtechnik zu werden. Ich würde dort trotzdem gerne wieder Filme sehen. 

Herbert Heinzelmann

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