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Sanierung ist keine Erinnerungskultur

Hermann Glaser zum Reichsparteitagsgelände - 07.10.2011 07:15 Uhr

CSU-Stadtrat Michael Reindl forderte unterdessen einen genauen Zeit- und Bauplan für die Sanierung, um überhaupt mit Vertretern von Bund und Land verhandeln zu können. © Hagen Gerullis


CSU-Stadtrat Michael Reindl forderte unterdessen einen genauen Zeit- und Bauplan für die Sanierung, um überhaupt mit Vertretern von Bund und Land verhandeln zu können. Eine ganz andere Perspektive nimmt Hermann Glaser ein. Der frühere Kulturreferent schlägt die Umgestaltung des Geländes in einen Park vor. Erhalten werden soll nur die Kongreshalle.

Da Glaser immer wieder mit früheren Äußerungen zitiert wird, ohne dass der Zusammenhang klar wird, druckt die NZ seinen aktuellen Standpunkt zum Reichsparteitagsgelände fast ungekürzt ab:

„Ich bin der Meinung, dass die Aufwendung von zunächst veranschlagten 75 Millionen Euro (im Laufe der Arbeiten sicherlich zunehmend) eine Fehlinvestition darstellt. Denkmalspflege ist in Gefahr, einem „Erhaltungsfetischismus“ zu verfallen, der ein Nachdenken über Sinnfragen suspendiert bzw. als ein Alibi für den Mangel an weiterblickender Fantasie verwendet wird.

Erst einmal sollte gründlich die Frage cui bono, was nützt wem in welcher Form mit welcher Absicht geklärt werden. Der Erinnerungskultur, die für mich immer eine große kulturpolitische Bedeutung hat, ist zum Beispiel die marode Tribüne nicht besonders dienlich. Die Archäologie zeigt zwar, dass Steine durchaus sprechen können, aber das, was als Steinhaufen vom NS-Bauwahn übriggeblieben ist, mag zwar eine gewisse Neugier wecken, kann aber die abgründige Brutalität des Nationalsozialismus, „ästhetisch“ kaschiert, nicht wirklich vermitteln.

Solche monströse Bauten gibt es verschiedentlich auch im Kapitalismus. Als Mahnmal der NS-Gigantomanie dient überzeugend die Kongresshalle mit dem hervorragenden Dokumentationszentrum; denn man braucht, um zu erkennen, wie auf diesem Gelände die Freiheit des Individuums zerstört und der gehirnlose Massenmensch generiert wurde, die Präsentation der Geschehnisse (der Aufmärsche, der Hitlerreden etc.), etwa mit Filmen, Fotografien, Tondokumenten. Auch wenn die Tribüne wieder „trittfest“ wäre, bliebe sie für sich und an sich „anschauungsleer“. Die Kongresshalle jedoch, in ihrer ruinösen Gestalt, ein Mausoleum für Menschlichkeit, lässt in negativer Aura erschauern, weil eben eine höchst gelungene erklärende Einrichtung „eingehängt“ wurde.

Zudem habe ich immer mit großer Genugtuung die Tatsache empfunden, dass das Gelände zum Schauplatz unterschiedlicher kultureller Betätigungen und auch Gebäude, die mit mythischem Anspruch für tausend Jahre gedacht waren, banal (z.B. als Lagerhallen) genutzt wurden. Sic transit gloria mundi, so verging der (falsche) Ruhm des Dritten Reiches. Die Banalität des Bösen wurde deutlich.

Ich bin jedoch nicht nur gegen die Sanierung eines sowieso aussageschwachen „Steinhaufens“, sondern dafür, dass man sich intensiv mit der Gestaltung des Gesamtgeländes beschäftigt und bei einem überzeugenden Konzept entsprechende Gelder zur Verfügung stellt.

Ich habe früher den Vorschlag gemacht, das Gelände zu einem „Mahn-Park“ mit vielen symbolischen Baumgruppen zu entwickeln, der durchsetzt ist von kleineren Bauwerken (Pavillons, „Denkmalen“, Säulen usw.), die beispielhaft menschheitsfördernde Projekte, Personen, Vorkommnisse und im Gegensatz dazu Menschheitsverbrechen thematisieren, teilweise in Erweiterung der Straße der Menschenrechte.

Inmitten eines solchen Parks, der zu Trauer- und zu Stolzarbeit anregt, könnte die Tribüne einen größeren Bereich darstellen, um- und „vermauert“, „eingesargt“. (Die Wände der Ummauerung böten übrigens Platz für Graffito-Kunst, die (ähnlich wie bei der Berliner Mauer auf der Westseite) zu einer aus vielen individuellen Manifestationen zusammengesetzten, höchst eigenwilligen Komposition anwüchse. (Teile der Tribüne, wie der sogenannte „Goldene Saal“, in dem die Ausstellung „Faszination und Gewalt“ ihren Ausgang nahm, könnte man als Dependance des Doku-Zentrums zugänglich machen.)

Dies nur als knappe Skizzierung einer Idee, neben vielen möglichen Ideen, die durch eine Ausschreibung hervorzulocken wären und darauf zielen sollten, Erinnerungskultur nicht als Bausanierung, sondern als kreatives Weiterdenken zu verstehen.“ 

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