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Das Handy ständig am Ohr

Was ist zumutbar? - 03.01.2008

Mit dem Handy kam die Möglichkeit ortsungebundenen Telefonierens und damit die Chance, mannigfaltig und mit Schwung im Benimm-Fettnäpfchen zu landen. Der Wahn, zeitsparend mindestens zwei Dinge (telefonieren plus wasauchimmer) gleichzeitig tun zu müssen, macht sich meist schlecht, auch für die eigene Psyche. Was also schickt sich, was nicht? Was ist anderen - und uns selbst - zuzumuten?

«Natürlich gibt es Bereiche mit offiziellen Handy-Verbotszeichen, wie Krankenhäuser, Flugzeuge, manche Tankstellen. Hier drohen bei Zuwiderhandlung zwei Jahre Haft. Doch sollte man generell das Handy ausschalten, wo Menschen abschalten«, rät Etikette-Profi Friederike von der Marwitz. «Ob im Konzert, der Oper oder im Wartezimmer, in der Kirche oder im Kino, in Museen, Restaurants oder Konferenzen, beim Rendezvous - hier würde ich empfehlen, das Handy aus und die Mailbox anzuschalten, damit Nachrichten hinterlassen werden können.«

Generell sollte man sich überlegen: Wem gebe ich meine Handy-Nummer? Wie wichtig sind mir meine Grenzen? «,Respektiere dich selbst, wenn du willst, dass andere dich respektieren‘«, zitiert Friederike von der Marwitz den alten Freiherrn von Knigge. Wer sogar im Schlafzimmer nicht ohne Handy existieren kann, sollte sich zumindest der möglichen gesundheitlichen Schäden bewusst sein.

Zudem ist es eigentlich ein offensichtliches Gebot (und sollte auch ein Bedürfnis sein), sich auf den Gesprächspartner 100-prozentig einzustellen. «Dazu gehört, ihm aktiv zuzuhören, ihn ausreden zu lassen und respektvoll zu behandeln«, erinnert die Fachfrau für Etikette.

«Doch das können wir nicht, wenn wir unter Druck sind oder gar auf der Toilette sitzend telefonieren! Man merkt es der Stimme an, in welcher Situation sich der Angerufene befindet. Man sollte immer nachfragen, ob man gerade stört. Wer gerade nicht kontaktiert werden möchte, sollte das Handy konsequent ausmachen und am besten auf der Mailbox hinterlassen, ab wann man wieder erreichbar ist oder zurückrufen kann. Ein versprochener Rückruf sollte aber auch eingehalten werden«, mahnt Friederike von der Marwitz.

Störe ich andere, während ich telefoniere? Setze ich andere unter Druck, indem ich sie zwinge, zuzuhören? «Ständiges Telefonieren in Restaurants, Cafés, auf Partys oder im Kino ist ein Zeichen großer Disziplinlosigkeit und Anmaßung anderen gegenüber. Das Gleiche gilt für öffentliche Verkehrsmittel. Ist ein Gespräch notwendig, sollte man es so kurz wie möglich halten. Auch das SMS-Schreiben vor einem Gesprächspartner drückt aus, dass das Gegenüber völlig uninteressant ist - obwohl es doch die volle Aufmerksamkeit verdient! ,Für mich sind Manieren der ästhetische Ausdruck von Moral‘, sagt der äthiopische kaiserliche Prinz Asfa-Wossen Asserate.«

Auch bei Geschäftsessen sollte man den Gesprächspartner über einen möglichen wichtigen Anruf informieren. «Sobald dieser erfolgt, entschuldigt sich der Angerufene und verlässt den Raum. Danach das Handy ausschalten! Noch besser ist es, das Handy an der Rezeption zu lassen und zu bitten, dass man benachrichtigt wird, wenn der wichtige Anruf erfolgt.« Handy auf dem Tisch liegen lassen? Bloß nicht! «Das steht, wie Geld, für die Mentalität: ,Zeige, was du hast!‘«

Im Büro empfiehlt Friederike von der Marwitz statt Klingelton einen dezenten Vibrationsalarm einzustellen, um die Kollegen nicht zu stören. Bei Gesprächen verlässt man auch hier den Raum. «In New York berappt man für ein klingelndes Handy im Theater oder Konzert 50 Dollar, in Japan darf man in Zügen sogar nur zwischen den Waggons telefonieren«, zeigt von der Marwitz Vergleiche auf. So sehr wir uns und andere also noch ohne größere Restriktionen nerven dürfen, beinhaltet der Handy-Konsum zudem jede Menge Suchtpotenzial - und das nicht nur bei Erwachsenen.

«92 Prozent aller 12- bis 19-Jährigen und 50 Prozent der Grundschüler besitzen ein eigenes Handy - der Gruppendruck der coolsten Downloads oder Klingeltöne ist enorm«, weiß die Fachfrau. Der Bayerische Staat handelte und ordnete per Gesetz an, dass Handys während der Schulzeit ausgeschaltet bleiben müssen. Selbstverständlich auch zum Wohl der Konzentration, zur Förderung der Sozialkontakte, zur Senkung der Aggressivität.

Das könnte auch Erwachsenen zu Denken geben, insbesondere, wenn liebe Zeitgenossen meinen, zu später Stunde Durchklingeln zu müssen. «Maschine rangehen lassen und prüfen, ob ein Rückruf wichtig ist«, rät Friederike von der Marwitz. «Man darf und sollte sich das Recht nehmen, nicht stets und überall erreichbar zu sein.«

Nun? Verschafft Ihnen die verordnete Stille ein unangenehmes Gefühl? Nur Mut, ertragen Sie es! Denn Sie sind bereits Handy-süchtig ... 

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