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30 Jahre Poetenfest: Karl Manfred Fischer erinnert sich

Regenfronten und eine Nacht mit Walser - 23.08.2010 14:36 Uhr

Im letzten Jahr lockte das Poetenfest zahlreiche Gäste in den Schlosspark. © Harald Sippel


NZ: Beim ersten Poetenfest 1980 gab es Bratwürste vom Grill und Bier vom Fass. An dieser kulinarischen Grundausstattung hat sich all die Jahre nichts geändert, oder?

Karl Manfred Fischer: Vieles hat sich seit dem ersten Poetenfest auf dem Burgberg verändert - auch was das leibliche Wohl der Literaturhungrigen angeht, das doch wesentlich reichhaltiger geworden ist. Viele Schriftsteller haben sich übrigens auch über dieses Thema geäußert. Von Hugo Loetscher - auch er ein Poetenfest-Gast - stammt, glaube ich, der Satz: Essen und Trinken geht in den Mund, Literatur in den Kopf.

NZ: Was war Ihr schönstes (weniger kulinarisches als literarisches) Erlebnis auf den zahlreichen Poetenfesten?

Fischer: Am schönsten ist es, wenn alles passt: Wenn das Wetter mitspielt, wenn es dem Publikum gefällt, wenn die Schriftsteller mit sich und dem Publikum zufrieden sind und wenn im Vorfeld und während des Poetenfestes alle Probleme gelöst und bewältigt werden. Unter den vielen Poetenfest-Höhepunkten gibt es aber schon immer wieder Erlebnisse und Begegnungen mit den Schriftstellern, die man nicht vergisst: eine Nacht mit Martin Walser 1991, als er den jungen Burkhard Spinnen, der soeben begeisterter Vater geworden war, väterlich an das Vergehen der Zeit erinnerte; 1993 der feurige Werner Schwab auf der Bühne des Markgrafentheaters bei der Urlesung seiner "Pornogeografie". der temperamentvolle und engagierte Peter Rühmkorf, der 2000 für die Ausstellung zu seinem Leben und Werk die Städtische Galerie aufwirbelte, doch mit seinem Charme zugleich alle für sich einnahm.

Karl Manfred Fischer © Böhner


NZ: Gibt es auch eine Erinnerung, die besonders kurios, peinlich, unangenehm ist?

Fischer: Da könnte ich geradezu ein kleines Anekdotenbuch verfassen: Gisela Elsner kam 1981 nicht an, denn sie war in München in den falschen Zug eingestiegen, der sie nicht Richtung Erlangen, sondern Richtung Salzburg fuhr. Von ihrem Missgeschick erfuhren wir aber erst nach dem Poetenfest, denn Telefon im Burgberggarten, geschweige denn Handys, gab es nicht. Eine heftige Regenfront unterbrach 1990 den Auftritt des amerikanischen Krimi-Stars Joseph Wambaugh im Burgberggarten und spülte die Besucher ins E-Werk hinunter, doch leider tauchte der Gesprächs-Moderator Klaus Podak dort nicht mehr auf. Monika Maron kam 1984 aus Ostberlin auf Vermittlung eines in Nürnberg tätigen DDR-Agenten und IMs zum Poetenfest. Aber das wussten weder sie noch wir damals. Es flog erst nach der Wende auf. Und da war die unschöne und unnötige Vorab-Kontroverse um Urs Allemann, der 1991 seinen Roman "Babyficker" vorstellte.

NZ: Wie ist das Konzept des Poetenfests entstanden? Woher kam der geniale Gedanke, dass Atmosphäre und Ambiente eine so entscheidende Rolle für den Erfolg spielen würden?

Fischer: Der Stadt Erlangen wurde 1974 von der Siemens AG der Burgberggarten zur öffentlichen Nutzung überlassen. Die parkähnliche Natur des stadtnahen Gartens war für mich der ideale Ort für ein Literaturfestival, das jährlich fortgesetzt werden sollte. Literatur und Natur sollten zu einer Symbiose finden - eine von mir schon lange verfolgte Idee.

NZ: Funktionierte es von Anfang an?

Fischer: Das Poetenfest war auf Anhieb ein Erfolg. Die rasant zunehmende Akzeptanz in den folgenden Jahren, nicht nur durch die Erlanger, sondern durch die Literaturliebhaber aus der Region und weit darüber hinaus hat uns allerdings alle überrascht. Der Burgberggarten platzte bereits nach sieben Jahren aus allen Nähten. Wir mussten uns nach einem anderen Ort umsehen, der ebenfalls Natur und Literatur zum Einklang bringen konnte. Aber es war gar nicht so einfach, die Stadtspitze, den Stadtrat und die Universitäts-Verwaltung davon zu überzeugen, dass der mitten in der Stadt gelegene Schlossgarten dieser ideale Ort war. Trotz des enormen Erfolges begannen schon bald die wiederholten Etat-Auseinandersetzungen mit der Politik, die 1992 zum Ausfall des Poetenfestes führten und die 2002 darin gipfelten, das Festival ausgerechnet im Jahr des 1000-jährigen Stadtjubiläums aus Einsparungsgründen abzusagen. Es gab in ganz Deutschland einen Aufschrei der Autoren. Sie priesen die einzigartige und wunderbare Atmosphäre des Festes mit einem solchen Nachdruck, dass sich schließlich auch die Stadtspitze noch zum Einlenken bewegen ließ.

NZ: Beim ersten Mal, 1980, sollte Ludwig Fels lesen, sagte aber kurzfristig ab. Heuer kommt er. An welche anderen Autoren erinnern Sie sich, die bei ihrem Erlanger Auftritt noch weitgehend unbekannt waren und heute einen renommierten Namen haben?

Fischer: Ludwig Fels kam dann doch ein Jahr später, weil er inzwischen seine Auftritts-Angst überwunden hatte. Viele der in Erlangen erstmals aufgetretenen Schriftsteller machten quasi von hier aus ihren literarischen Weg, so zum Beispiel 1981 Uwe Timm, später Herta Müller, mittlerweile Literaturnobelpreisträgerin, Wilhelm Genazino, Ingo Schulze, Sybille Berg, Arno Geiger oder Norbert Gstrein.

NZ: Auf jeden Fall: Ein Leben, zumindest ein Erlanger Sommer ohne Poetenfest ist für Sie auch heute, als Besucher, nicht vorstellbar, oder?

Fischer: Vielleicht ist es ein wenig übertrieben und klingt zu vollmundig, aber ein Erlanger Sommer ohne Poetenfest ist wie Salzburg oder Bayreuth ohne Festspiele. 

Tamara Dotterweich (Nürnberger Zeitung) Feuilleton

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