Freitag, 16.11.2018

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„Am Anfang war ein Päckchen Buchstabennudeln. . .“

In der Egidienkirche versammelt die Ausstellung „re:format:ion — fort geschrieben“ vier Künstler zum Thema Schrift - 23.06.2017 08:00 Uhr

Ein Blick in den Chorraum von St. Egidien: Auf den Podesten erkennt man die Bibel-Säulen von Sabine Neubauer. In den Bildern an den Wänden sind die Hupfer-Kalligraphien zu sehen. © Foto: Stefan Hippel


Dass sich das Reformationsgedenken sehr viel um das Thema Schrift bewegt, liegt auf der Hand. Daniel Szemerédy, der Kunstbeauftragte des evangelisch-lutherischen Dekanats Nürnberg, meint sogar: „Luther hat den Deutschen ja nicht nur zu einer Sprache verholfen, sondern auch zu einer eigenen Schrift.“ Das manifestiert sich in einer der drei zentralen Reform-Leitsätze der Kirchenerneuerung: „sola scriptura“ — allein die Schrift.
Eine schöne Idee ist, dass man sich in dieser Ausstellung, die vier Künstler zusammenführt, erst durch das Alte in das Neue Testament vortasten muss. Aktions- und Papierkünstler Johannes Volkmann erinnert im Entree an die Babylonische Sprachverwirrungund köchelt eine Buchstabensuppe. Oder frei nach dem Johannesevangelium „Am Anfang war ein Päckchen Buchstabennudeln“. . .
Ganz nah am „sola scriptura“ ist auch Hasso von Henniges mit seinen 15 verglasten Bodentafeln, in denen er sich mit Jesu Leidens- und Sterbensgeschichte nach Matthäus beschäftigt. 15? Die Kreuzwegstationen sind doch eigentlich 14. „Die 15. Tafel ist die Überlegung, was nach dem Kreuz kommt. Sie ist leer. Was folgt nach dem Tod?“, fragt von Henniges, der die biblischen Texte auf Pappe mit archaisch-schwarzer Pastell-Kreide schrieb. Allerdings in sieben Schichten übereinander, sodass der ursprüngliche Text nicht mehr lesbar ist, sondern sich in ein dichtes Liniengewirr aus Silbenfetzen und Wortfragmenten verwandelte. Das ergibt etwas Rätselhaftes und Fremdes, ja auch etwas Mystisches.
Giorgio Hupfer, der sich immer wieder mit verschiedenen Konfessionen auseinandergesetzt hatte, näherte sich kalligraphisch dem Thema: Der vor fünf Jahren verstorbene Künstler hat die Seligpreisungen aus der Bergpredigt in Quadrate geformt. Durch die Schrift ergeben sich leere Innenflächen, die zum Denk- und Selbsterkennungsraum für den Betrachter werden. Seine Witwe Marion Herrmann und Künstlerin Verena Waffek haben den 16-teiligen Zyklus, der 2009 bereits im Zumikon zu sehen war, nun in den Chorraum von St. Egidien eingepasst — unter jedes Großfenster einen Teil. Das Kunstwerk ist eine Leihgabe aus der Sammlung von Volker Koch.
Hans-Peter Weigel, Künstlerseelsorger der Diözese Bamberg, konnte die Fürther Textilkünstlerin Sabine Neubauer für das Ausstellungsprojekt gewinnen. „Ich gehe jedes Thema zunächst emotional und dann erst intellektuell an“, berichtet die 56-Jährige. Sie hat fünfzehn Lutherbibeln aus verschiedenen Epochen zerlegt und dann wieder zu aparten Schriftsäulen zusammengefügt.
Die meisten Exemplare stammen aus dem Landeskirchlichen Archiv, darunter befindet sich sogar eine Nürnberger Endtner-Ausgabe von 1643. „Erst muss alles befragt und zerstört werden. Dann kann ein Wiederaufbau erfolgen“, meint die Künstlerin. Ihre kunstvoll geschichteten (und verdichteten) Bibel-Stelen erinnern an die alte Papyrusrollen-Tradition, die vor allem das Judentum bis heute mit ihren Thora-Rollen bewahrt.
Die bewusst ökumenisch ausgerichteten Ausstellungsmacher, zu denen auch Egidenpfarrer Martin Brons zählt, wollen die Kunstwerke bei einer Vesper im Rahmen der ION am 5. Juli mit in das liturgische Geschehen einbeziehen. .
 

JENS VOSKAMP

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