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Ätsch!

Schadenfreude ist angeblich die schönste Freude und außerdem nützlich für die Gemeinschaft - 31.03.2017 12:04 Uhr


Niemand wird gerne ausgelacht. Niemand findet das Ätschibätsch-Gehabe der anderen toll, noch dazu, wenn sie einem zu verstehen gehen: Mensch, bist du naiv. Glaubst jeden Quatsch, den man dir erzählt. Eigentlich der ideale Rezipient für Fake News. Ein Blödi halt.

Aus der Perspektive des Spaßmachers sieht es ganz anders aus. Eine Riesengaudi. Vielleicht ist es dieser Kitzel, den jener empfindet, der den anderen mit der passenden Mimik hereinlegt. Todernst, unbewegt oder aufgeregt. "Schnell, guck mal. Im Garten steht ein Nilpferd!" "Oma hat im Lotto gewonnen und kauft uns ein Haus." "Hast du schon die Nachbarin gesehen? Kommt frisch vom Botoxen und sieht aus wie Ivanka Trump. Musst mal bei ihr klingeln." Ausgeschmiert! Anlackiert! Eine harmlose Neckerei, weil die Enttäuschung sich in Grenzen hält. Mit echter Schadenfreude hat dieses feixende Auf-den-Arm-Nehmen allerdings nur ganz am Rande etwas zu tun.

Bumm. Was für ein Knall. Und kurz darauf schallendes Gelächter. Eine Frau ist beim Verlassen eines Schuhgeschäftes mit voller Wucht gegen eine Glastüre gelaufen. Offenbar hat sie nicht richtig hingesehen und gedacht, beide Türen seien offen. Ein Irrtum. Nicht nur ein schmerzhafter, sondern auch ein peinlicher.

Während die Frau sich an die Stirn fasst, biegen Verkäuferinnen sich vor Lachen und klatschen Kunden sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Welch ein Auftritt! Wie in den legendären Pannen-Shows im Fernsehen. Oder den Youtube-Videos, in denen Menschen von Bäumen plumpsen, in Löcher fallen, über den Fahrradlenker segeln oder beim Tanzen von der Bühne stürzen. Wie blöd kann man sein? Wie blind? Haha. Zum Totlachen!

Ein Sprichwort sagt: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Oder: Schadenfreude ist die schönste Freude! Allerdings nur, wenn man nicht der Gelackmeierte ist. Schadenfreude. Was für ein Wort. Müsste es nicht eigentlich Schadenhäme heißen? Oder Schadenspott? Kann man wirklich reine, unbändige Freude empfinden, die einen über Wolken tanzen lässt, wenn anderen ein — vermeintlich — harmloses Unglück passiert?

"Alle Menschen empfinden immer mal wieder Schadenfreude, besonders dann, wenn sie ihr eigenes Selbstwertgefühl aufbauen müssen", erklärt der Sozialpsychologe Jens Lange, der an der Uni Köln die Funktion von Emotionen erforscht. Schadenfreude ist ein Erbstück der Evolution. Denn es gehört nun mal zur Natur des Menschen, sich ständig mit anderen zu vergleichen. "Das läuft ganz automatisch ab, ob man will oder nicht", sagt Lange. Dieser Vergleich hilft dabei, sich selbst einzuschätzen und zu bewerten. Schneiden wir sehr gut ab, dann stärkt das unser Selbstbewusstsein. Wir sind eben schlauer und geschickter als all die Pannenshow-Versager und blamieren uns nicht so leicht wie diese Frau, die gegen Glastüren rennt.

Doch gerade in Bereichen, die einem besonders wichtig sind wie im Berufsleben oder im Sport wird man immer wieder auf Menschen treffen, die eine bessere Leistung bringen, eine höhere Position haben, mehr Anerkennung bekommen, reicher oder schöner sind. Bei einem solchen "Aufwärtsvergleich" kann unser Selbstwertgefühl sinken und wir werden dann neidisch wie Kain, der seinen Bruder Abel erschlug.

"Auch Neid ist ein Gefühl, das alle Menschen von Zeit zu Zeit empfinden", sagt Jens Lange. Dabei spielen Neid und Schadenfreude durchaus zusammen. Denn wenn dem Kollegen, dem man das Lob des Chefs missgönnt, in der Konferenz die Hose platzt, dann wirkt das für einen selbst aufbauend. Schadenfreude kocht hoch. Dieses Gefühl wirkt umso intensiver, je weniger man den anderen mag und je mehr man glaubt, die Leistung des anderen sei unverdient.

"Bei Freunden, die man gerne hat, wird sich in einer ähnlichen Situation eher Mitleid einstellen", so Jens Lange, der betont, dass Menschen besonders dann mit Häme reagieren, wenn sie sich unterlegen fühlen. So untersuchten Forscher die Rivalität von Anhängern der deutschen und der niederländischen Fußballnationalmannschaften und stellten fest: Verletzte sich ein Spieler der gegnerischen Mannschaft, dann jubelten die Fans umso lauter darüber, je schwächer ihre eigene Mannschaft gerade war.

Nicht immer hat Neid zwangsläufig die Schadenfreude im Schlepptau. Der Kölner Psychologe unterscheidet zwischen gutartigem und bösartigem Neid. Der gutartige bewirkt im besten Falle, dass Menschen sich durch andere angespornt fühlen, sich motivieren lassen und sich anstrengen, um ebenso gut zu werden. Der bösartige hat dagegen das Ziel, den anderen fertig zu machen und in den Boden zu stampfen. "Ausschließlich beim bösartigen Neid ist Schadenfreude wahrscheinlich, wenn die beneidete Person scheitert", sagt Jens Lange. Und er erklärt: "Unsere eigenen Studien legen nahe, dass Schadenfreude eine soziale Strategie ist, die zum Ziel hat, dominante oder Angst einflößende Menschen in die Schranken zu weisen."

Der Angeber, der Quälgeist, der Besserwisser, der Großkopferte wird aus dem Sattel gehebelt und landet im Schmutz — und wenn es nur für einen Augenblick ist. Was für eine Genugtuung! Wenn aber einer scheitert, rückt der nächste auf der Hierarchieleiter nach. Neue Chance, neues Glück. "So wird Schadenfreude zu einer sinnvollen evolutionären Strategie fürs Gemeinwohl", sagt Lange. Denn die Emotion kann dazu beitragen, dass in der sozialen Hierarchie nicht allein die Alphatiere das Sagen haben.

Doch trotz aller positiven Effekte für die Gemeinschaft: Neid und Schadenfreude haben nicht umsonst einen Geschmack wie Seifenlauge und gelten als moralisch verwerflich. "Studien belegen, dass Menschen, die häufig boshaften Neid empfinden, auf lange Sicht viel unzufriedener mit ihrem Leben sind als andere", sagt der Kölner Sozialpsychologe. Denn wer andere immer nur schlecht macht, wird selbst dadurch nie besser.

"Schadenfreude ist ein schillernder Begriff, der mit Neid, Konkurrenz, Missgunst und fehlender Empathie zu tun hat", sagt Professor Frieder Lang, der an der Uni Erlangen den Lehrstuhl für Psychogerontologie, also für Altersforschung, inne hat. Seine Hypothese lautet: Je älter Menschen werden, desto weniger spielt Schadenfreude für sie eine Rolle. Denn all das, was in jungen Jahren wichtig ist, um im Vergleich mit anderen zu bestehen und im Berufsleben Erfolg zu haben, wird im Laufe der Jahre weniger bedeutsam.

Studien belegen, dass viele Menschen im Laufe ihres Lebens immer mehr Einfühlungsvermögen gewinnen. "Die Empathie ist aber genau das gegensätzliche Gefühl zu Neid und Schadenfreude", so der Psychologe. Außerdem pflegen ältere Menschen vor allem jene Beziehungen, die für sie einen Sinn ergeben. "Das heißt, dass sie Situationen und Menschen bewusst aus dem Weg gehen, die negative Emotionen wie Neid und Schadenfreude erzeugen", sagt Lang. Die Erfahrung, die das Alter mit sich bringt, lehrt außerdem, dass andere all das, was sie besitzen, auch wieder verlieren können, sei es nun Anerkennung, Ruhm oder Reichtum.

Laut Frieder Lang verbirgt sich hinter ausgeprägter Schadenfreude häufig eine Art "Gerechte-Welt-Glaube", also eine Überzeugung, dass der Kern der Welt gut und ein Happy End zwangsläufig ist. Überspitzt gesagt: Dass die Bösen scheitern und die wahren Helden gewinnen. Diese Ansicht kann sich bis zu extremistischen Ideologien steigern, die Hass und Abscheu gegenüber Andersdenkenden säen. Vielleicht lässt sich so jene Schadenfreude erklären, die al-Qaida-Anhänger dazu brachte, jubelnd durch die Straßen zu ziehen, als das World Trade Center zum Anschlagsziel wurde.

Unsere Alltags-Schadenfreude ist harmlos dagegen. Manchmal können wir uns ein Feixen nicht verkneifen, wenn ein anderer einen Strafzettel bekommt, wenn ihm das Vordrängeln beim Bäcker misslingt oder ihm die Polizei nach einer durchzechten Nacht den Führerschein zwickt. "Es gibt uns ein gutes Gefühl, wenn dieser moralische Verstoß von einer höheren Instanz geahndet wird und der andere mit seiner Unverschämtheit an Grenzen stößt", erklärt der Erlanger Psychologe.

Wie Schadenfreude aussieht, also welche Mimik sie erzeugt, untersuchen derzeit Kollegen des Sozialpsychologen Jens Lange an der Kölner Universität. Doch die Studien sind noch nicht abgeschlossen. "Sie haben untersucht, ob sich dabei Freude und Wut gleichzeitig im Gesicht ausdrücken lassen, aber das scheint nicht zu funktionieren", so der Emotionsforscher. Wahrscheinlich ist dagegen, dass Schadenfreude ein asymmetrisches Grinsen und ein absichtliches, ganz bewusstes Lachen provoziert.

Ist ein Wissenschaftler, der Emotionen aus der Distanz heraus erforscht, selbst manchmal schadenfroh? "Na klar!" Der Forscher muss gar nicht lange überlegen, wann ihn dieses Gefühl zuletzt packte. "Als ich gelesen habe, dass die Gerichte das zweite Einreiseverbot von Trump gekippt haben", sagt Jens Lange, "da bin ich vor Lachen fast geplatzt."

  

Von Birgit Heinrich

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