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Auf gute Nachbarschaft! Gewissensfragen an der Haustür

Forscherinnen untersuchen, zu welchen Bedingungen Nürnberger ihren Nachbarn helfen - 28.04.2017 20:19 Uhr

Sabine Fromm (l.) und Doris Rosenkranz, Professorinnen an der Technischen Hochschule, leiten die Bürgerbefragung zur Nachbarschaftshilfe. © Foto: Edgar Pfrogner


Als ihr Team über dem Projekt brütete, erzählt Doris Rosenkranz, habe es sich irgendwann selbst eine Frage gestellt. Würdest du am Sonntagabend beim Nachbarn klingeln und ihn um ein Ei bitten, wenn dir beim Kuchenbacken eines fehlt? So trivial diese Frage auch sei: "Wir haben
diskutiert und festgestellt, dass man das sehr unterschiedlich sehen kann", sagt die Soziologin. Sie selbst sei
zum Schluss gekommen, "dass ich eher nicht nach dem Ei fragen würde". Ihre Kollegin Sabine Fromm stimmt zu: "Ich vermutlich auch nicht. Obwohl ich mir komischerweise sicher wäre, das Ei zu bekommen." Menschliches Miteinander – seine psychologischen Feinheiten geben auch Fachleuten noch Rätsel auf.

Rosenkranz und Fromm, Professorinnen an der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm, leiten das Projekt "Nachbarschaft in Nürnberg". In diesen Tagen bekommen 10 000 Nürnberger Haushalte Post von ihnen. Darin steckt neben einem Anschreiben des Oberbürgermeisters ein achtseitiger Fragebogen. Damit will die Hochschule erforschen, wie es um die sozialen Kontakte in Nürnbergs Nachbarschaften bestellt ist. Die Frage nach dem Leih-Ei kommt auch vor.

Ziel der anonymen Erhebung sei es, eine "Vogelperspektive" auf die Stadt zu bekommen, schildern Doris Rosenkranz und Sabine Fromm: Welche Hilfen werden geleistet, welche angenommen, zu welchen Bedingungen? Bestehen Unterschiede zwischen den Stadtteilen? Helfen manche Bevölkerungsgruppen leichtherziger, und hängt das vom Kulturkreis ab? Gibt es auch Menschen, die sich mehr Hilfe wünschen, aber keine finden? Oder Hilfswillige, die sich nicht trauen, ihre Dienste anzubieten?

Thema ist dabei nur die informelle Hilfe, also die unbezahlte Gefälligkeit, die sich spontan organisiert. Sie reicht vom Blumengießen und Katzenfüttern zur Urlaubszeit übers Babysitten bis zu Fahrdiensten und Reparaturen. Der Fragebogen will aber auch grundsätzlich wissen, ob man seine Nachbarn kennt, ob man mit ihnen Kontakt oder eher Streit hat. Auch die Gründe, warum jemand keine
Hilfe annehmen möchte, werden abgefragt: weil es einem peinlich ist zum Beispiel. Wer sich da abschottet,
muss noch lange kein Menschenfeind sein. Er befürchtet vielleicht einfach Sprachprobleme oder Abhängigkeiten.

Sich beim Nachbarn mal eben ein Ei ausleihen: Nicht jeder Nürnberger versteht sich so gut mit dem Menschen von nebenan. © Foto: Roland Fengler


Überhaupt läuft so eine Abmachung unter Nachbarn ja nicht automatisch sorgenfrei ab, wie Sabine Fromm erläutert. Beispiel: eine gebrechliche alte Dame. Ein Nachbar geht ihr gelegentlich zur Hand. Er will aber weder zu ihrem Pfleger werden noch ihr zu nahe treten. "Wo schlägt Aufpassen in Kontrolle um? Das möchte man ja auch wieder nicht." Die alte Dame wiederum könnte sich unangenehm zur Gegenleistung verpflichtet fühlen.

Die Stadt Nürnberg, deren Ämter die Arbeit begleiten, hat die Studie in Auftrag gegeben. Sie verspricht sich davon wertvolle Erkenntnisse für ihre Sozialpolitik – beispielsweise Hinweise, in welcher Hinsicht die Kommune Nachbarschaften stärken sollte. Obwohl die Idee dazu aus dem Seniorenamt stammte, richtet sich die Erhebung an alle Altersgruppen ab 18 Jahren. Die studentischen Mitarbeiterinnen des Projekts haben Hinweise auf Englisch, Rumänisch, Russisch und Türkisch beigelegt und bieten zur Umfrage eine Telefonberatung an, um möglichst viele Antworten zu bekommen.

Denn die Institutionen tappen bei diesem Alltagsphänomen noch ziemlich im Dunkeln. Bislang gebe es in Deutschland keine Statistiken über Nachbarschaftshilfe, zumindest keine repräsentativen, empirisch gesicherten, stellt Doris Rosenkranz fest. "Wir machen wirklich eine Pilotstudie." Im Herbst sollen erste Ergebnisse vorliegen. Sabine Fromm erhofft sich auch Antworten auf die dahinter stehende soziologische Frage: "Können Nachbarschaftshilfen familiäre Netzwerke ersetzen?" Seit Jahren ist in Nürnberg einer von zwei Haushalten ein Single-Haushalt. Zumindest eines stehe schon jetzt fest, sagt Rosenkranz: "Lebensqualität hat etwas mit Nachbarschaft zu tun."

Internetseite zur Bürgerumfrage: www.nachbarn-in-nuernberg.de 

Isabel Lauer

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