Mittwoch, 21.11.2018

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Bei Anruf brüllt der Tiger

Clevere Forscher: Das Tierstimmenarchiv in Berlin vermarktet seine Aufnahmen - 30.09.2007

Man sieht sie nicht, aber man hört sie: Beim bioakustischen Monitoring weisen die Forscher des Tierstimmenarchivs das Vorkommen seltener Vögel nach, indem sie ihre Rufe in freier Wildbahn mit Mikrofonen aufnehmen. © oh


Denn im Hof traf der Kauz nicht nur auf gefiederte Kollegen - auch der junge Biologe Günter Tembrock war in der Nähe. Interessiert am akustischen Verhalten von Tieren, ergriff Tembrock die Gelegenheit beim Schopf und nahm die Rufe des Greifvogels mit einem Tonbandgerät auf: Es war die Geburtsstunde des Berliner Tierstimmenarchivs, denn den Rufen des Waldkauzes folgten unter der Leitung des späteren Professors Tembrock immer mehr Laute aus praktisch allen Tiergruppen.

Heute umfasst das Archiv mehr als 110 000 Aufnahmen und rangiert damit zusammen mit der Macaulay Library an der Cornell Universität in den USA und der Tierstimmensammlung an der British Library unter den drei größten derartigen Einrichtungen weltweit.

Von wegen stumme Fische

Auf den mehr als 4000 Tonbandspulen und digitalen Tonträgern in Berlin ist der Brunftruf des Wapiti-Hirsches ebenso verewigt wie das Lachen der Tüpfelhyäne oder die Stimme des Zwerggürteltiers. Auch Aufnahmen von Tieren, die gemeinhin als wenig redselig gelten, sind gespeichert: «Manche Fische knarren, andere klingen ganz melodisch», räumt Frommolt das Vorurteil aus der Welt, die Wassertiere seien stumme Gefährten. Das Bellen, Fauchen, Brummen oder Fiepen auf den Bändern stammt aus Zoos und heimischen Wäldern, aber auch aus der Mongolei oder der Antarktis. Zusammengetragen haben sie unzählige Forscher, die alle mit dem Mikrofon auf der Lauer lagen.

Und ständig kommt Neues hinzu: «Uns werden viele kleinere Sammlungen anderer Institute übergeben», sagt Frommolt. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die teils jahrzehntealten Spulen sind nicht zukunftsfähig. «Die analoge Technik wird nicht mehr lang verfügbar sein», sagt Frommolt. Mit einem Techniker und mehreren Hilfswissenschaftlern digitalisiert er deshalb, was Zeit und Budget hergeben. Etwa 50 Prozent des Bestands sind bisher geschafft.

Dass die Verantwortung für die Stimmensammlung vor allem bedeutet, ihren Verfall zu verhindern, hat der 47-Jährige schnell begriffen. «Wir haben uns bald überlegt, wie wir die Sammlung vermarkten können», sagt Frommolt. «Und da kamen wir auf die Idee mit den Klingeltönen.»

Frosch in der Handtasche?

Seitdem können sich Naturfreunde gegen einen Obolus den Chor der Wasserfrösche oder das Brüllen des sibirischen Tigers aufs Handy laden, die dann bei einem Anruf stimmgewaltig in der Handtasche loslegen. Konservativ Hübsches wie den Gesang der Nachtigall gibt es ebenso wie den Paarungsruf der Erdkröte oder Streitereien unter Wildschweinen.

Das clevere Marketing der Berliner Forscher geht noch weiter. Auch für CD-Einspielungen, Klanginstallationen und verschiedene Ausgaben der Brockhaus-Enzyklopädie stellt das Tierstimmenarchiv Aufnahmen zur Verfügung. Dass die Rufe der Tiere so nicht ungehört im Archiv verstauben, sondern sogar zu dessen Erhalt beitragen, hat Frommolt im letzten Jahr sogar den Bscher-Medienpreis und viel öffentliche Aufmerksamkeit eingebracht.

Für die Berliner Forscher kein Grund, übermütig zu werden. Sie kümmern sich neben der Archivpflege lieber noch um aktuelle Forschungsprojekte wie das bioakustische Monitoring, bei dem mit Mikrofonen in freier Wildbahn scheue Tierarten in einem Gebiet dokumentiert werden. «Die Tiere sind völlig ungestört und man kann auch Arten nachweisen, die selten rufen», schwärmt Frommolt. Doch die Grenzen der Berliner Bioakustiker kennt der Kustos natürlich auch. «Regenwürmer», witzelt er, «wird man auch mit der besten Technik nicht husten hören.» CHRISTINE THURNER

www.tierstimmenarchiv.de

www.tierklang.de

www.nature-rings.de 

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