Mittwoch, 20.03.2019

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Duftende Naturbilder

Howard Shelley bei den Nürnberger Symphonikern - 11.02.2019 18:38 Uhr

Wer regelmäßig qualifizierte Klassiksender im Radio hört, wird immer wieder dem Namen Howard Shelley begegnen. Das hat seinen guten Grund. Über 130 CD-Einspielungen hat der Vater des langjährigen Symphoniker-Chefs Alexander im Laufe seiner Karriere aufgenommen. Mit 68 Jahren könnte man da langsam an den Ruhestand denken, doch davon ist Howard Shelley gefühlt noch Jahrzehnte entfernt.

Als Einstieg in das glänzend besuchte Nachmittagskonzert in der Meistersingerhalle erklang das Intermezzo aus Frederick Delius’ Oper "A Village Romeo and Juliet" (nach Gottfried Keller). Mit kühlem, angelsächsischem Understatement wird in schönsten impressionistischen Farben der Weg in die paradiesischen Gärten skizziert. Das klingt alles sehr schön, aber irgendwie vermisst man das dramatische Element: Das Paradies kann auf die Dauer ziemlich langweilig werden.

Deutlich zupackender geriet da der Dialog zwischen dem Flügel und dem Orchester in Camille Saint-Saëns 2. Klavierkonzert. Wie einst bei der Uraufführung in Paris unter Anton Rubinstein im Jahr 1868 leitete Shelley vom Flügel aus das Orchester. Dass heute die Partitur als Tablet auf dem Notenpult des Flügels verfügbar ist, verdankt sich digitaler Technologie. Doch analog wie vor 150 Jahren verlangt das Konzert dem Pianisten alles an virtuoser Spielfertigkeit ab.

Von Satz zu Satz legt das Werk an Tempo zu und punktet mit stilistischer Vielfalt: Von Bach bis Offenbach. Da ist es auch optisch eine Genuss, wie Shelley selbst minimale Pausen für die linke oder rechte Hand für die Führung des Orchesters nutzt, während die andere Hand noch über die Klaviatur rast. Shelleys Ruf als Ausnahmepianist findet hier eine makellose Bestätigung.

Aber auch der Dirigent Shelley versteht zu überzeugen. Dass er seine Könnerschaft am Notenpult nach der Pause mit Antonín DvoÝáks 6. Symphonie zeigte, erwies sich als doppelter Glücksfall. Zum einen ist diese Sechste im Konzertbetrieb weitaus rarer zu finden als die beliebte 9. Symphonie des Tschechen. Zum anderen erlaubte sie einen Blick auf Shelleys umsichtige Dirigierkunst.

Niemals wirkte DvoÝák hier grell und überzeichnet. Elegant formte der Engländer die Linien der Streicher, breitete mit dem Holz herrlich duftende Naturbilder aus und ließ die bestens disponierten Blechbläser wetteifern, ohne dass die Balance der Symphoniker ins Kippen geriet.

Die feine, vielschichtige und hoch abwechslungsreiche Symphonik DvoÝáks macht aus ihrem großes Vorbild Brahms kein Geheimnis. Am Ende gab es jubelnden Beifall, wie man ihn früher von Shelleys Sohn Alexander her gewohnt war: Manche Dinge bleiben einfach in der Familie.  

PETER LÖW

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