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Einzigartiges Erbe

Neuer Verein kümmert sich um wertvolle Epitaphien - 16.09.2016 19:51 Uhr

Der Vorher-Nachher-Effekt: Ursprünglich hatte das Epitaph des Bankiers Wolff Magnus Scheyer von 1702 am Johannisfriedhof eine üppige Helmzier ... © Foto: Dr. Claudia Maué, Repro Gerlach/Boesch


... die mittlerweile verschwunden ist. © Foto: Dr. Claudia Maué, Repro Gerlach/Boesch


Auf den markanten Sandsteinblöcken sind Wappen längst verstorbener Patrizier, Zunftzeichen von Handwerkern, Totenköpfe und schlichte Namenszüge zu sehen. Eine Sozialgeschichte der Nürnberger Gesellschaft, in Bronze gegossen — und noch viel zu wenig dokumentiert, wie Stadtheimatpflegerin und Erste Vorsitzende des Vereins Claudia Maué mit großem Schrecken feststellen musste, als ein Dieb vor zwei Jahren 42 Epitaphien gestohlen hatte.

„Man wusste gar nicht, was alles fehlt“, merkt die Wissenschaftlerin an. Anlass genug, um den „Verein Nürnberger Epitaphienkunst und -kultur“ zu gründen. Dass dies keine Gruppe sein soll, die sich um eine exotische Nische kümmert, betont der Nürnberger Epitaphien-Gestalter Tom Haydn: „Jeder Mensch war zeit seines Lebens ein Unikat. Das soll sich auch am Grab spiegeln. Es hilft bei der Trauerbewältigung.“

Die Bronzekunst ist keineswegs nur ein Zeugnis vergangener Jahrhunderte. Haydn setzt pro Jahr bis zu 45 Entwürfe um, die er teilweise gemeinsam mit den Auftraggebern entwickelt. Etliche Nürnberger wollen zu Lebzeiten genau regeln, welches Bild von sich sie der Nachwelt hinterlassen. Auch industriell gefertigte Metallplatten werden auf den Grabsteinen befestigt. Sie sind billiger als die individuell gestalteten Epitaphien Haydns, der dafür je nach Aufwand zwischen 3000 und 6000 Euro verlangt.

Vorsitzende ist Stadtheimatpflegerin Claudia Maué. © F.: Daut


Doch der neu gegründete Verein hat besonders jene Bronzekunst im Blick, die in den vergangenen 500 Jahren im Gostenhofer Rochusfriedhof sowie im weltberühmten Johannisfriedhof angebracht wurde. Manche Schilder sind gesprungen oder haben Risse, bei anderen gingen Teilstücke verloren oder es ist eine starke Korrosion im Gange. Hierfür will man ein Bewusstsein schaffen und hofft, Sponsoren zu finden, die das ungewöhnliche Nürnberger Erbe bewahren helfen.

Dass es sich dabei keineswegs um „altes Glump“ handelt, macht der Zweite Vorsitzende Roland Cantzler deutlich: Fünf Epitaphien, die nach dem Raub vor zwei Jahren verschollen blieben, sollen einen Wert von 140 000 Euro besitzen. Neben der Unterstützung beim Erhalt will der Verein auch den Aufbau eines digitalen Katalogs fördern, der als offene Datenbank zugänglich ist.

Bei der Restaurierung sieht Cantzler aber auch die Stadt und die Evangelische Landeskirche in der Pflicht. Denn der nicht gerade mitgliederstarke Verein kann diese Aufgabe nicht stemmen. Der Zusammenschluss unterstützt nachdrücklich eine Initiative, welche die Epitaphienherstellung auf die Liste des „Immateriellen Kulturerbes“ eintragen lassen will. So könnten sich die seltenen Kunstgüter wieder stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankern. Viele Jahre war der Johannisfriedhof als letzte Ruhestätte der Nürnberger sehr begehrt. Wer dort ein Grab haben wollte, musste sich schon früh auf eine Warteliste setzen lassen.

Diese Zeiten sind lang vorbei: Wer jetzt an dem traditionsreichen Ort seine letzte Ruhestätte haben möchte, findet ein Plätzchen. Die Friedhofsverwaltung hat an einigen aufgelassenen Gräbern sogar Schilder aufgestellt, dass sie wieder zu vergeben sind.

Wer sich für den Verein interessiert, kann sich per E-Mail melden: info@epitaphienkultur.de 

HARTMUT VOIGT

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