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"Amelie rennt": Auf heilsamer Alpentour

Kinomärchen mit aufpäppelnder Wirkung: "Amelie rennt" - 23.09.2017 20:01 Uhr

Amelies Asthma-Leiden ist für ihre Bergtour kein Hindernis, im Zweifelsfall geht’s huckepack voran: Szene mit Mia Kasalo und Samuel Geradi. © Farbfilm


Die 13-jährige Amelie (Mia Kasalo) aus Berlin hadert mit sich und der Welt. Erstens hat sie schweres Asthma, das laut Arzt allein mit Spray-inhalator immer schlimmer werden wird. Zweitens ist sie in der Pubertät und hasst ihre Eltern (Susanne Bormann und Denis Moschitto), die getrennt leben und sie zwingen, mal beim einen, mal beim andern zu leben. Nach einem schweren Erstickungsanfall packen die beiden ihre zornige Tochter ins Auto und bringen sie in ein Therapiezentrum für Jugendliche in den Tiroler Alpen. Ein Albtraum für die Asphaltpflanze Amelie.

Tobias Wiemann und seine Scriptautorin Natja Brunckhorst lassen keinen Zweifel daran, dass ihnen der Vorwurf, mit Klischees zu hantieren, egal ist, solange sich mit ihnen glaubhaft Dramatik, Gefühl und Tempo herstellen lassen. Ihre kurzatmige, aber impulsive Amelie, herzzerreißend von Mia Kasalo dargestellt, die, wenn man penibel sein will, eine Ecke zu alt für 13 aussieht, haut nämlich bei der ersten Gelegenheit ab. Pfeift auf die mahnenden Worte der Therapeutin (Jasmin Tabatabai) und wählt die Freiheit der Berge. Sprich: Sie stolpert mit Absatzboots und Smartphone durch den Hochwald und umgehend in einen Gebirgsbach, aus dem sie Bart, der zweite Held der Geschichte, rettet.

Dieser moderne Bauernbub (Samuel Girardi), Herdenmanager nennt er sich schalkhaft, möchte erstmal nur helfen, kriegt dann aber im Schlepptau seiner frechen Asthmatikerin auch Lust, den Gipfel zu erklimmen. Zusätzlich zur Rettung aus dem Bach, nach der das Trocknen der eiskalten, durchweichten Klamotten offenbar kein Problem war, erledigt er mit ihr zwei locker gemeisterte Tage und Nächte Aufstieg bei Beerenmalzeiten und Quellwasser, die hoffentlich keinen Teenie zum Nachahmen ermutigen.

Die zärtliche Romanze, die sich zwischen Amelie und Bart in sommerlicher Waldeseinsamkeit anbahnt, vor allem als Mutmacher für die Bronchienpatientin erfunden, stößt halt nicht erst an der Baumgrenze auf einige logische Probleme. Dafür wird Amelie immer lockerer, während unten alle an ihren Nägeln kauen und die Bergwacht um die Gipfel knattert. Endlich am Gipfelkreuz – das Asthmaspray ist längst in einer Felsspalte verschwunden und die Sonnwendfeuer flackern rundum – wird endlich das Happy-End-Resümee aus dem Sack gelassen: Es atmet sich leichter, wenn man sich sehr lieb hat und gelegentlich einem Kinomärchen Glauben schenkt. Wer hätte das gedacht. (D/I/97 Min.) 

Michael Wunderlich

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