"Das Mädchen, das...": Überlebenspakt der Frauen

10.1.2019, 08:00 Uhr

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Die Utopie von einer matriarchalischen Gemeinschaft ohne Männer hat im Kino schon so manche Fantasien freigesetzt. Wie sich Frauen ihrer männlichen Störenfriede entledigen und fortan in Harmonie unter sich leben, davon erzählte die feministische Komödie "Antonias Welt". In Sophia Coppolas Drama "Die Verführten" nimmt ein verwundeter Soldat in einem Mädchenpensionat ein tragisches Ende, nachdem er als Hahn im Korbe zum Unruhestifter wurde.

Auf den Bäuerinnen in einem südfranzösischen Bergdorf, von denen nun Marine Francen in ihrem Debütfilm erzählt, lastet dagegen existenzieller Druck. 1851, nach dem Sturz der zweiten Republik, stehen sie plötzlich alleine da; Napoleon Bonapartes Soldaten haben ihre sämtlichen Männer als Republikanhänger verschleppt.

Zwar hebt es das Selbstvertrauen der Frauen, dass sie die schwere Feldarbeit auch alleine bewältigen. Den Fortbestand ihrer Gemeinschaft aber können sie ohne Nachwuchs nicht sichern. Da sich viele unter ihnen in einem gebärfähigen Alter befinden, fantasieren sich die Heldinnen zusammen, was geschehen würde, wenn ein Fremder den Weg zu ihnen fände: Sie würden ihn sich schwesterlich teilen.

Tatsächlich verirrt sich bald darauf ein umherziehender Schmied bei ihnen. Zwischen diesem Jean und Violette, der des Lesens mächtigen Titelheldin, entspinnt sich eine zarte Liebe, angefacht von Gedichten Victor Hugos. Aber als die Freundinnen ihr Recht einfordern, schlägt die Solidarität unter ihnen in Rivalität um.

Traut man der autobiografischen Erzählung Violette Ailhauds, die der Regisseurin als Vorlage diente, hat sich die unglaubliche Geschichte tatsächlich zugetragen. Bemerkenswert ist vor allem, wie sich der Selbsterhaltungstrieb in Bildern von subtiler Sinnlichkeit vermittelt. Voyeuristische Sexszenen braucht es nicht. Eine junge Bäuerin im Weinstock, Arbeiterinnen bei der Heuernte oder eine anmutige, in ein Buch vertiefte Lesende: Die Regisseurin setzt auf solche Alltagsbeobachtungen, die an Werke Max Liebermanns erinnern, noch dazu auf eng kadrierte Aufnahmen in ungewöhnlichem Format.

Bei alledem ist "Das Mädchen das lesen konnte" aber auch ein politischer Film, fanden die Französinnen doch einen Weg, sich Napoleon nicht zu unterwerfen. (F/98 Min.)

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