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Herr Zhang will Franken das Yi Jing erklären

Chinesischer Philosophie-Professor lehrt ein Jahr in Erlangen - 11.04.2012

Philosophie-Professor Zhang Wenzhi hat Jinan verlassen, um ein Jahr lang in Erlangen zu lehren. © Julia Rauch


Ein Jahr im Westen: Für viele Chinesen bleibt das ein Traum. Zhang Wenzhi hat es geschafft. Anfang April ist er mit seiner Frau aufgebrochen, um ein Jahr in Erlangen zu leben. Für den sympathischen Mittvierziger ist das allerdings nicht so spektakulär: Er hat Europa bereits bereist und zudem ein Jahr an der Universität Harvard (USA) gelehrt.

Mit seiner aktuellen Wirkungsstätte, der Universität Shandong im ostchinesischen Jinan, kooperiert das an die FAU angeschlossene Internationale Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung bereits seit 2010. Damals besuchte eine Delegation um den Sinologie-Professor Michael Lackner die Provinzhauptstadt Jinan. In der Folge hat auch Zhang Wenzhi Erlangen besucht und schätzen gelernt. Ihm gefällt zum Beispiel, dass die Stadt beschaulich und grün ist – ganz anders als Jinan. Hier lebt und arbeitet Zhang – so sein Nachname, denn diesen nennen Chinesen zuerst – an der Universität Shandong. Sechs Standorte hat diese in der Sechs-Millionen-Stadt, rund 50000 junge Menschen studieren hier bei über 4000 Dozenten.

Wesentlich kleiner ist die Zahl der Studenten, mit denen Zhang direkt zu tun hat: Nur etwa 30 studieren an seinem Institut. Das liegt einerseits daran, dass hier nur „Graduates“ unterrichtet werden, also Anwärter für den Master- oder den Doktorgrad. Außerdem sind im wachsenden China Fächer wie Wirtschaft, Technik und Sprachen gefragter als etwa Philosophie. In seinem Feld jedoch, der Erforschung des Yi Jing, ist Zhangs Institut eines der renommiertesten Chinas.

Zhang selbst hat an der Universität, an der er heute lehrt, englische Literatur studiert, spricht die Sprache also fließend. Diese Fähigkeit ist in China durchaus noch ein Alleinstellungsmerkmal. Nach seinem Abschluss wurde er zum Militär eingezogen. Sein Auftrag war es, für die Luftwaffe englischsprachige Texte ins Chinesische zu übertragen. Neun Jahre dauerte diese halb freiwillige Beschäftigung. Als sie dem Ende entgegenging, bereitete Zhang sich – heimlich – auf die Zulassungsprüfung für eine Promotion in Philosophie vor. Heute ist er neben seinem Lehrauftrag Herausgeber einer Fachzeitschrift über das „Yi Jing“.

Dieses „Buch der Wandlungen“ ist eine Jahrtausende alte Sammlung von Symbolen aus durchgehenden und unterbrochenen Linien, sogenannten Hexagrammen, aus denen man, ähnlich wie bei Tierkreiszeichen, die Zukunft zu deuten suchte. Seinen Ursprung vermutet man in aus uralten Opferritualen stammenden Orakelknochen. In der Zeit der westlichen Zhou-Dynastie im elften bis achten Jahrhundert vor Christus wurden die Hexagramme dann mit Erklärungen und Anmerkungen versehen. Buddhismus und Daoismus haben das Yi Jing für ihre Zwecke zu deuten versucht: Konfuzius solle an den Kommentaren mitgewirkt haben.

Die erste Übersetzung ins Deutsche stammt von Richard Wilhelm aus dem Jahr 1924, sie wurde wiederum als Basis für Übersetzungen in weitere Sprachen verwandt. „Doch für die meisten westlichen Forscher ist das Zhou Yi unverständlich“, erklärt Zhang. Daher sieht er seine Aufgabe in Deutschland vor allem darin zu vermitteln und auf dieser Basis chinesische und westliche Denksysteme zu vergleichen.

Ein weites Feld sicherlich, doch vielleicht der Schlüssel zur Frage, wie jemand, der wie Zhang im Kindesalter am eigenen Leib die grausamen Seiten der Kulturrevolution erfahren hat, dennoch ein freundlicher und offenherziger Mann werden kann, der dem Land, das ihm solches angetan hat, kaum Kritik entgegenbringt. „Der überlegene Mensch beschwert sich nicht“, sagt er, „denn er weiß, dass alles im Gleichgewicht ist und sich schlechte Zeiten in gute wandeln werden.“

  

Julia Rauch

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