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Bizarres Puppenspiel

Mel Gibson meldet sich mit „Der Biber“ zurück - 19.05.2011

In den letzten Jahren machte Mel Gibson vor allem durch private Skandale und als Regisseur blutrünstiger Leinwandspektakel von sich reden. Ob ihm seine gute alte Freundin Jodie Foster nun mit der Rolle des ausgebrannten Spielzeugfabrikanten Walter Black zum überzeugenden Comeback als Schauspieler verhelfen kann, ist eher zu bezweifeln. In Cannes, wo der Film gerade außer Konkurrenz läuft, wurde Gibsons Darstellung sehr gelobt. Und Mut kann man ihm tatsächlich nicht absprechen. Ohne Scheu vor der Selbstentblößung spielt der 55-Jährige einen Mann, der am Ende ist und seine Tage in depressiver Lethargie verbringt, bis seine Frau Meredith (Foster) das nicht mehr aushält und ihn vor die Tür setzt.

Der Biber sorgt erst für Versöhnung und dann für neuen Ärger: Szene mit Jodie Foster, Mel Gibson und der titelgebenden Handpuppe. © Concorde


Nachdem er im Hotel zwei groteske Suizidversuche unternommen hat, bringt ihn eine Biber-Handpuppe aus Kindertagen, die bei der häuslichen Vertreibung zufällig im Gepäck landete, wieder auf die Beine. „Wach auf, du nutzloser alter Sack“: Walter selbst ist es, der da spricht als sein verschüttetes Ich. Fortan streift er die Puppe nicht mehr von der Hand.

Zunächst bewirkt diese Aufspaltung der Persönlichkeit wahre Wunder. Der Biber wird zu seinem Fürsprecher, durch den Walter wieder fast normal funktioniert. Flugs ist er zurück bei seiner hocherfreuten Gattin, der Biber als Holzbauset wird zum neuen Verkaufsschlager seiner Firma, doch während der kleine Sohn Henry den neuen Begleiter sofort akzeptiert, reagiert der eigensinnige ältere Porter (Anton Yelchin), ohnehin auf Abgrenzung zum Vater bedacht, mit rüder Abwehr.

Gibson verkörpert durchaus anrührend diesen zwiegespaltenen Walter, dessen offensiv-aggressive Seite im Biber wiedererweckt wird und schließlich gefährlich außer Kontrolle gerät. Doch der Film, für den Kyle Killen sein erstes Drehbuch schrieb, beschränkt sich weitgehend auf die äußeren Phänomene und zeichnet die Reaktionen von Walters Mitmenschen arg stereotyp. Seine Angestellten wundern sich erst gar nicht lange über den Biber – schließlich laufen die Geschäfte besser denn je –, und seiner besorgten Ehefrau ist die Puppe, die Walter selbst beim Sex nicht ablegt, verständlicherweise bald ungeheuer.

Weiter in die Tiefe eines depressiven Charakters geht der Film jedoch nie – ein paar Weisheiten aus dem Psychologiehandbuch müssen genügen. Stattdessen rückt zunehmend die Liebesgeschichte zwischen Porter und seiner Mitschülerin (Jennifer Lawrence aus „Winter’s Bone“) ins Zentrum – eine weitere Psycho-Baustelle, heillos überfrachtet und überflüssig. Dass der Film von Beginn an mit einem komödiantischen Tonfall unterlegt wird, tut dem ernsten Thema zusätzlich Abbruch. Doch aus dem gängigen Hollywood-Mainstream hebt sich diese ungewöhnliche und bizarre Geschichte immer noch angenehm hervor. (USA/ 91 Min.; Cinecittà, Nbg.; Lamm-Lichtspiele, Erlangen)
  

REGINA URBAN

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