Mittwoch, 14.11.2018

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Bunte Kunstwerke aus Fliegenschiss

Louis Constantin lässt Mücken Bilder »gestalten«: Ausstellung in München - 01.06.2010

Louis Constantin mit seinem Werk »Musca Universalis« © Pohl


Es summt, fliegt und krabbelt in den Glaskästen. Rund 3000 Fliegen hat Louis Constantin zeitgleich in seinem Atelier. Was für andere Menschen eine Zumutung wäre, ist für den 65-Jährigen Alltag. Der Münchner Künstler hält sich die etwas anderen Haustiere, damit sie für ihn arbeiten. Das heißt: Constantin entscheidet, welches Motiv entstehen soll, zeichnet es vor und klebt die Bereiche des Blattes mit Klebefolie ab, auf die keine Farbe gelangen soll. Dann kommt das Blatt zu den Insekten in die Vitrine.

Die kriegen dort jede Menge zu Fressen, nämlich mit bunter Lebensmittelfarbe gefärbtes Honigwasser. Etwa drei Wochen haben die Mücken dann Zeit, sich nach Herzenslust vollzufressen und sich anschließend auf dem Papier zu verewigen. Denn: Die Farbe, die die Fliegen mit der Nahrung aufnehmen, schlägt sich auch in ihren Exkrementen nieder.

»Ich wollte nie darauf angewiesen sein, mit meiner Kunst Geld zu verdienen«, sagt Louis Constantin, »sonst müsste ich Rücksicht auf den Ge-schmack der Leute nehmen.« Deswegen war der 65-Jährige hauptberuflich als Kunstpädagoge tätig und arbeitet nur nebenbei im Atelier.

Rote Tusche mit Wasser verdünnt

Dabei beschäftigt sich der Münchner seit 1995 mit Fliegen. Zunächst hat er sie präpariert, 2005 startete er aus einer Laune heraus einen Versuch: Was passiert, wenn man die Insekten mit Farbstoff füttert? Zur Probe servierte ihnen Constantin mit Wasser verdünnte rote Tusche - und stellte erstaunt fest, dass die sonst beigen Fliegenschiss-Pünktchen im Atelier plötzlich rot waren. Die Idee der Muscatographie war geboren.

»Ich habe dann gleich noch einen Versuch gestartet, mit blauer Tusche, aber das hat nicht geklappt, da sind die Fliegen alle gestorben«, erzählt der 65-Jährige. Proteste von Tierschützern hat es deswegen keine gegeben: »Einerseits habe ich natürlich geheimgehalten, was ich mache, denn die Konkurrenz schläft nicht«, so Constantin. »Außerdem fallen Fliegen nicht unter das Artenschutzgesetz.«

Fliegen bekommen Durchfall

Statt Tusche hat der Künstler schließlich Lebensmittelfarbe genommen, die besser verträglich war. »Das bunte Honigwasser war ein durchschlagender Erfolg«, sagt Constantin schmunzelnd, »den Fliegen schmeckt das wahnsinnig gut, allerdings sind ihre Körper so viel Flüssigkeit wohl nicht gewohnt: Sie haben ziemlichen Durchfall bekommen.«

Auf den Bildern, die sich auf den ersten Blick nicht von anderen Spritztechnik-Werken unterscheiden, machen sich diese Verdauungsprobleme durch größere Kleckse bemerkbar. »Für mich ist das ganz praktisch, weil sich die Farbe so besser flächig verteilt«, erklärt Constantin. Sorgen um seine sechsbeinigen Helfer macht sich der Künstler keine: »Wie die Menschen mit den Tieren umgehen, die sie essen wollen, das ist viel schlimmer.«

Probleme in der Praxis

Obwohl das Muscatographie-Konzept einfach klingt, bringt es in der Praxis einige Probleme mit sich, wie der Künstler feststellen musste. So ist die Fliegenzucht in Deutschland verboten. Deshalb kauft der 65-Jährige die Tiere bei einem Händler für Anglerbedarf - als Maden und literweise. Diese rund 3000 halbfertigen Insekten landen dann in einer Art Brutkasten in Constantins Atelier, wo sie schließlich schlüpfen.

Die Bilder, die der Künstler entstehen lässt, sind vielfältig. Von Länderflaggen bis hin zu einer Neuinterpretation Leonardo da Vincis »Homo Universalis« (mit einer stilisierten Fliege auf Kreis und Quadrat) erwarten den Besucher einige Überraschungen, bei denen man nicht weiß, ob man schmunzeln oder sich ekeln soll.

27 dieser Werke sind noch bis 17. Juni im Valentin-Karlstadt-Musäum in München zu sehen, ein paar weitere will Constantin noch entstehen lassen. »Aber nicht zu viel, ich möchte bald wieder was anderes machen, sonst wird’s ja langweilig«, meint er. »Aber wenn sich jemand anderes dafür begeistert, kann er gerne die Muscatographie fortsetzen.« Als Haustiere konnten sich die Fliegen übrigens trotz langjähriger Zusammenarbeit bei Constantin nicht durchsetzen: »Die müssen im Atelier bleiben, sonst bekomme ich Ärger mit meiner Frau.«
Sonderausstellung »Fliegenschiss«, bis 17. Juni im Valentin-Karlstadt-Musäum, Tal 50, München. Öffnungszeiten: Mo., Di., Do. 11.01–17.29 Uhr, Fr., Sa. 11.01–17.59 Uhr, So. 10.01–17.59 Uhr, Eintritt 1,99 Euro. 

Verena Pohl

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