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Christian Ulmens "Jerks": Eine Überdosis Fremdscham

Zweite Staffel des Maxdome-Formats ist noch expliziter, vulgärer und tabuloser - 08.04.2018 15:49 Uhr

Ziemlich beste Freunde, aber häufig eben auch ziemliche "Jerks". In der Maxdome-Serie lassen Christian Ulmen und Fahri Yardim kein Fettnäpfchen aus. Diese Vorgehensweise ließ "Jerks" zur besten Comedy-Serie der vergangenen Jahre werden. © Maxdome/ProSieben/André Kowalski


Christian Ulmen liebt die Provokation. Deshalb wunderten sich Kenner seines Schaffens nicht angesichts des Inhalts seiner neuen Serie "Jerks", die im Januar 2017 bei Streaming-Anbieter Maxdome erschien. Darin ging es um Samenspenden, Masturbationskurse, Hodenkrebs, Sex mit Komapatienten, Eifersucht auf 12-jährige Kinder und allerlei Peinlichkeiten und politisch unkorrekte Gedanken, die sich viele wohl denken, aber nur wenige trauen auszusprechen. Am 29. März erschien die zweite Staffel in der Mediathek des Online-Diensts. Diese legt noch eine Schippe drauf. Ulmen macht Späße über Menschen mit künstlichen Darmausgängen, natürlich auch über Behinderte, über Seitensprünge, Erotik-Fantasien mit Zwillingen oder Darmreinigungen. Es geht also noch expliziter, vulgärer und tabuloser zu.

Im Mittelpunkt stehen Christian Ulmen und Fahri Yardim, die in der Serie eine fiktionalisierte Karikatur ihrer selbst spielen. Das heißt, die Fakten, die die Öffentlichkeit über die beiden Schauspieler kennt, werden im Format beibehalten und aufgegriffen. Hinsichtlich der Dinge, die sich sonst im Privaten abspielen, tobt sich "Jerks" jedoch aus. Ähnlich ging im deutschen Fernsehen zuvor "Pastewka" vor, nur deutlich familienfreundlicher. Die ehemalige Sat1-Serie berief sich wiederum konzeptionell auf "Lass es, Larry" um den "Seinfeld"-Autor Larry David. "Jerks" orientiert sich nach Aussage Ulmens unterdessen am dänischen Format "Klovn". Alle vier Serien haben gemeinsam, dass die tatsächlich existierenden Berühmtheiten, um die sich der Inhalt dreht, darin schlechter wegkommen als in der Realität. Natürlich aus humoristischen Gründen.

Beste deutsche Comedy seit "Stromberg"?

In "Jerks" stellen die "Tatort"-Schauspieler Christian Ulmen und Fahri Yardim fiktionalisierte Versionen ihrer Selbst dar. Dabei kommen sie nicht immer schmeichelhaft weg. © Maxdome/ProSieben/André Kowalski


Darum verkörpert Ulmen in der Produktion einen pessimistischen, dussligen und sozial unbeholfenen Mittvierziger, der sich in allen Lebenslagen Tipps von seinem besten Kumpel Fahri Yardim holt. Beide wohnen in Potsdam. Im Format verkörpert Yardim einen triebgesteuerten Deutschtürken, der sich für einen intelligenten Feingeist hält, aber eigentlich ein bauernschlauer Kleingeist ist. Kein Wunder also, dass das Duo von einer prekären Situation in die nächste schlittert. Sie agieren dabei oft feige und egoistisch, bieten aber aufgrund der Alltäglichkeit der Situationen großes Identifikationspotenzial. Gleichzeitig spielen Ulmen und Yardim in "Jerks" auch soziale, moralische und sexuelle Verlierer. Die Serie ist aus Sicht der beiden Hauptdarsteller nicht ganz so uneitel wie sie klingt. Schließlich behandeln die beiden im Format Teile ihres eigenen Lebens, was einen gewissen Hang zur Egozentrik voraussetzt. "Jerks" geht jedoch ganz bewusst wesentlich weiter als vergleichbare Serien.

Gerade Ulmen kennt sein Publikum, das in seinen Produktionen nach Provokationen und Übertreibungen gezielt sucht. Auch das Feuilleton war schon nach Staffel eins wieder Feuer und Flamme. Die Zeit beschrieb "Jerks" etwa als "die beste deutsche Comedy seit Stromberg". Noch im gleichen Jahr gewann "Jerks" den Deutschen Comedypreis. Für Streaming-Dienst maxdome, auf dem die Comedy-Serie zunächst exklusiv erschien, ein voller Erfolg. Während Netflix und Amazon hochbudgetierte internationale Serien an den Start bringen, schuf der On-Demand-Anbieter der Prosiebensat1-Gruppe mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln eine Serie, die unter deutschen Produktionen klar heraussticht und Maxdome Profil verleiht. Ein Prestige-Projekt, das eine große Reichweite aber wohl dennoch vermissen lässt.

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Trotz des teilweise extremen Inhalts konnte Ulmen von Anfang an wenig falsch machen. Maxdome hatte sich mit Ulmen einen Kritiker-Liebling gesichert und ließ diesem daher kreative Freiheit. Dieser spielte nicht nur die Hauptrolle, sondern inszenierte auch von Anfang an alle Episoden als Regisseur. Obendrein ließ er die Schauspieler improvisieren weil er auf ein Dialog-Drehbuch weitestgehend verzichtete. Ideen und Sätze, die bei herkömmlichen Produktionen aus dem Skript gestrichen worden wären, wurden einfach spontan aufgesagt - und überboten die Standard-Ware aus dem Privatfernsehen bei Weitem. Auch prominente Gäste kommen in beiden Staffeln nicht zu knapp. Mit von der Partie sind in Staffel zwei unter anderem Andreas Bourani, Jasmin Wagner, Joko Winterscheidt oder Palina Rojinski.

An der Schmerzgrenze

Die Serie von Produktionsstudio Talpa Germany besticht in Staffel zwei noch mehr durch die Spielfreude der Darsteller. Insbesondere die Chemie zwischen Ulmen und Yardim fällt jetzt noch mehr ins Gewicht. Doch nicht jedem Zuschauer wird das Format gefallen. Kein Fettnäpfchen ist Ulmen zu tief, kein Thema zu heikel, keine Zote aus politischer Sicht zu unkorrekt. Daher wird die Serie in jeder Folge zum Selbsttest, der die moralische und soziale Schmerzgrenze des Zuschauers auslotet.

Nach einem herzhaften Lacher folgt in Windeseile der Blick weg vom Fernseher, weil die Fremdscham oft kaum auszuhalten ist. Auch mehr nackte Haut ist zu sehen, der Blickwinkel auf Ulmen wird noch privater. Wirklich jede Folge endet nach einem unschuldigen Beginn im absoluten Desaster. Und am Ende stehen Ulmen und Yardim wieder als „Jerks“ da, als Idioten.

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Ja, die Serie ist die beste deutsche Comedy seit "Stromberg". Das liegt zu großen Teilen aber auch am Umstand, dass das deutsche Fernsehen im Serienbereich allgemein und im Comedy-Bereich speziell kaum etwas zu bieten hat. Wagt sich ein Sender doch einmal an neue Eigenproduktionen, spielen die Stationen auf sicher und verlieren sich im Formelhaften - auch weil sie dem Druck der Werbepartner und guter Einschaltquoten unterliegen.

Doch nicht nur aufgrund des Unvermögens der Konkurrenz wirkt "Jerks" so erfrischend. Christian Ulmen nutzt sein Saubermann-Image, das er sich zuletzt im deutschen Fernsehen aufgebaut hat. Zwischenzeitlich war von seinen eigenbrötlerischen Ideen der Nuller Jahre nicht mehr viel zu sehen. Stattdessen landete er als "Tatort"-Kommissar im Mainstream. Diesen Wechsel brauchte es, damit man ihm den vertrottelten Langweiler in "Jerks" nun umso mehr abnimmt. Somit stieg die Fallhöhe seiner Person. Es klingt paradox, aber mithilfe seiner fiktionalisierten Figur kann Ulmen wieder der TV-Anarcho sein, der er am liebsten ist.

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Timo Nöthling

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