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Der neue Bestseller von Marc-Uwe Kling

"Quality Land" ist eine ziemlich harmlose Zukunftssatire - 27.10.2017 14:10 Uhr

Fahrstuhl zum Erfolg: Der Kabarettist und Autor Marc-Uwe Kling hat mit seinen „Känguru-Chroniken“ vor allem beim jüngeren Publikum Kultstatus erreicht. Auch sein neuer Roman „Quality Land“ über die digitale Welt gelangte auf Anhieb an die Spitze der Bestsellerlisten. © Foto: Sven Hagolan


Gerade hat die Kommunistische Partei Chinas beschlossen, mit einem digitalen Punkte-System das Verhalten der chinesischen Bürger zu bewerten. Wohlverhalten wird belohnt, Systemkritik oder Regelverstöße führen zu einer Negativbewertung. Und das hat Folgen für jeden Einzelnen. Was George Orwell in seinem Roman "1984" vorausgedacht hat, der totale Überwachungsstaat, scheint nun Wirklichkeit zu werden. Auch der neue Roman des deutschen Bestseller-Autors Marc-Uwe Kling spielt mit dem Schrecken der schönen neuen Welt: Das fiktive "Quality Land" ist zwar eine satirisch zugespitzte Zukunftsvision, aber wie man sieht, hat die Zukunft längst begonnen. Nicht nur in China oder in den USA.

Mit seinen multimedial vermarkteten "Känguru-Chroniken" erlangte der Kabarettist, Liedermacher und Autor Marc-Uwe Kling (Jahrgang 1982) vor allem bei einem jüngeren Publikum Kultstatus. Auch der Roman "Quality Land" liefert die Vorlage für ein gleichnamiges Hörspiel und Live-Programm. Das merkt man dem Buch leider an: Die Gagdichte, die Lacher garantieren soll, ist wichtiger als eine stringente Romanhandlung und genau gezeichnete Charaktere.

Zwei verschiedene Ausgaben

Zum aufwändigen Marketingkonzept gehört, dass es zwei verschiedene Ausgaben des Buches gibt: Eine weiße für Optimisten und eine schwarze für Pessimisten. Die beiden Bücher unterscheiden sich vor allem durch die Zwischentexte, die im Printprodukt wie Werbung auf dem Computerbildschirm aufploppt. Ein folgerichtiger Witz, schließlich ist die personalisierte Werbung ein Hauptthema in diesem Buch. In "Quality Land" herrscht eine digitale Diktatur und die Algorithmen geben das Kommando. Die Einwohner wurden umbenannt und müssen den Beruf des Vaters beziehungsweise der Mutter als Nachnamen führen. Gut, wenn man der Sohn eines Zahnarztes ist, schlecht, wenn man die Tochter einer Putzfrau ist – man wird jedenfalls abgestempelt.

In "Quality Land" gehört ansonsten die Schönfärberei der Werbung zur offiziellen Sprachregelung. Es gibt nur noch den Komparativ und den Superlativ, beides wird ausschließlich positiv verwendet: Man lebt also im schönsten, besten, fortschrittlichsten, reichsten und glücklichsten aller Länder.

Alles ist optimiert: The Shop erfüllt Konsumwünsche aller Art so prompt wie im Märchen der Spruch Tischlein-deck-dich, Flugdrohnen bringen die Bestellungen ins Haus. Die Arbeit erledigen Roboter, Partnerbörsen vermitteln Geliebte auf Zeit und Androide machen in der Politik Karriere. Gedanken muss sich keiner mehr machen. Bis auf einen. Der heißt Peter Arbeitsloser und verschrottet ausgediente Computer und Roboter. Heimlich sammelt er in seinem Keller noch funktionstüchtige Exemplare, die zusammen eine skurrile Untergrundorganisation bilden.

Zum Widerstandskämpfer gegen das alles beherrschende System wird Peter Arbeitsloser, weil der Monopol-Konzern eine irrtümlich zugestellte Ware nicht zurücknehmen will. Bei seinem verzweifelten Versuch, den rosaroten Vibrator wieder loszuwerden lernt er die Schattenseiten des digitalen Schlaraffenlandes erst richtig kennen. Eine Privatsphäre gibt es nicht mehr, das System kennt alle Vorlieben, Fehler und Sehnsüchte der Bürger.

Jeder erlebt hier seine eigene digitale Welt – in grenzenloser Einsamkeit. "Nicht nur Suchergebnisse, Werbung, Nachrichten, Filme und Musik sind personalisiert. Sondern auch die Angebote, die Preise, ja sogar das Design und die Struktur des Netzes ändern sich, je nachdem, wer diese magische Spiegelwelt betritt, und sogar je nachdem, wie er sich fühlt."

Marc-Uwe Klings Zukunftsvision ist nicht an den Haaren herbeigeholt. Er hat sorgfältig recherchiert und den Irrsinn der digitalisierten Welt nur zugespitzt. Seine Fans werden sich darüber köstlich amüsieren. Allerdings ist Kling eher ein Witzbold als ein Literat. Er verschenkt sein wichtiges Thema zugunsten von Kalauern und Gags. Dabei spielt er mit Endzeitszenarien, Zukunftssorgen und Angst vor dem technischen Fortschritt. Das ist teilweise wirklich komisch, großteils jedoch nur albern und niemals subversiv. Die scheinbar erschreckend aktuelle Satire entpuppt sich als harmloses Späßchen!

ZMarc-Uwe Kling: Quality Land. Roman. Ullstein-Verlag, Berlin. 381 Seiten, 18. Euro. Auch als Hörbuch, gelesen vom Autor (Hörbuch Hamburg).  

STEFFEN RADLMAIER

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