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Großes Himmels-Theater

Mahlers "Auferstehungssinfonie" mit den Symphonikern - 12.03.2017 20:15 Uhr

Zeigte sich als guter Wegweiser für seine große Musiker-Crew: Alexander Shelley. © Foto: Fengler


Nein, die Nürnberger Symphoniker sind von sich aus kein geborenes Mahler-Orchester. Gemäß ihrer Stammbesetzung reichte es bislang überwiegend für die erste und die vierte Sinfonie und — falls ein Dirigent ganz verwegen war und unbedingt das berühmte "Adagio" vorführen wollte — auch für die Fünfte. Und so dauerte es mehr als 70 Jahre, bis die zweite Sinfonie in c-moll endlich auf den Pulten lag.

Selbst die reduzierte Fassung des Schönberg-Schülers Erwin Stein bedeutet für die Symphoniker eine Batterie an Zusätzkräften bei Bläsern, Harfen, an der Orgel und im Schlagwerk. Zumal Alexander Shelley, der hier wohlweislich nicht das Risiko einging, ohne Partitur anzutreten, auch nicht auf den Fernorchester-Effekt verzichten wollte. Aus dem Hauptfoyer erklangen die Fanfaren, die den Schlussteil im 5. Satz mit den beiden Solistinnen und dem Chor einleiteten.

Apotheotisches Finale

Lehrergesangverein, Hans-Sachs- und Philharmonischer Chor hatten je eine 50-köpfige Abordnung entsandt und sich auf den besonderen Moment eingelassen, die beginnenden Piano-Szenen im Sitzen zu singen, während das apotheotische Finale, in dem alle Fortissimo-Kräfte gefragt sind, im Stehen umgesetzt wird. Trotz der Menge gelang eine beeindruckende Wortverständlichkeit und hohe Empfindungsintentsität.

Die brachten zuvor bereits auch Sopranistin Ania Vegry und Mezzosopranistin Marina Proudenskaya ins Geschehen ein. Proudenskayas in ihren Nürnberger Anfängerjahren an der Oper noch auffallend dunkel timbrierte Stimme hat sich vor allem in der Höhe charakterstark weiterentwickelt und füllte im "Urlicht" die weite, beinahe ausverkaufte Halle mühelos.

Bis die mit frommer Gewissheit ausgebreitete Himmelsvision beschworen wurde, war über eine Stunde fesselndes Mahler-Klangtheater zu erleben. Im raschen Wechsel lösten sich marschartige, versonnene bis naive, dann wieder katastrophisch verdichtete Sequenzen ab. Hier hört man einen Leichenzug, dort nimmt man eine böhmische Vision des Reigens seliger Geister wahr.

Wunderbar entwickelten die Symphoniker unter der klug ausbalancierenden und die Tempi nahezu perfekt treffenden Stabführung Shelleys den Serenadenton des "Andante Moderato". Gar nicht so ruppig und bissig (wie man es sonst oft hört) ließen die Instrumentalisten die Ironie im 3. Satz aufscheinen, der Mahlers Lied von der Fischpredigt des Antonius wirkungsvoll variiert. Das alles vollzog sich ohne Überdruck, aber mit einer hohen Sachkompetenz gerade auch in den Solopartien. Pars pro toto seien Konzertmeisterin Anna Reszniak oder die Trompetengruppe um Matthew Brown und Eckhard Kierski genannt.

Erstaunliche Großtat

Dem Anlass angemessen wäre eine namentliche Nennung aller Orchestermitglieder im Programm gewesen. Aber da Shelleys Nachfolger Kahchun Wong weiter auf Mahler-Pfaden wandeln möchte, gibt es noch Gelegenheit, diese anderswo übliche Praxis einzuführen. Für alle Ausübenden bedeutet Mahlers Zweite ein Kraftakt, für die Hörer nicht minder: Aber der anhaltende, lautstarke Schlussbeifall, bei dem sich viele erhoben, zeigte: Die emotionale Botschaft war angekommen. Eine erstaunliche Großtat, die lange nachhallen wird. 

JENS VOSKAMP

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