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Nürnberger Auktionshaus versteigert bald Hitler-Kunstwerke

Samstag kommen rund 30 Aquarelle und Zeichnungen unter den Hammer - 06.02.2019 17:10 Uhr

Unter den Stücken sind auch einige, die Nürnberger Motive zeigen. © www.auktionshausweidler.de/dpa


Vorgebirgsseen, Blumenstillleben, Wälder, weibliche Akte und auch ein Blick auf den Henkersteg in Nürnberg: Hitler, einer der größte Massenmörder der Geschichte, liebte idyllische Ansichten. Das zeigen die Aquarelle, Zeichnungen und Gemälde, die ihm in dieser Auktion zugeschrieben werden. Datiert sind sie auf die Jahre zwischen 1907 und 1936, sie tragen die Signatur "A. Hitler", "Adolf Hitler" oder das Monogramm "A.H.".

"Die Bilder stammen teilweise aus österreichischem beziehungsweise europäischem Privatbesitz, von Erben und aus Nachlässen von Sammlern. Es sind insgesamt 23 verschiedene Eigentümer", erklärt Kerstin Weidler vom Auktionshaus. Die Mindestgebote liegen zwischen 130 Euro für die Kohlezeichnung "Kloster im Weinberg" und 45.000 Euro für das Aquarell "Ortschaft an einem Vorgebirgssee".

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Sichergestellt: Diese Hitler-Bilder sollten versteigert werden

Rund 30 Bilder sollten am 9. Februar im Auktionshaus Weidler in Nürnberg versteigert werden, die angeblich von Adolf Hitler gemalt wurden. Doch die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth hat am Donnerstag 63 Gemälde wegen des Verdachts der Fälschung sichergestellt, 26 davon waren für die Versteigerung vorgesehen.


Zu jedem Objekt, so betont das Auktionshaus, lägen schriftliche Bestätigungen vor. Das war bei den drei kürzlich in einem Berliner Auktionshaus zur Versteigerung stehenden angeblichen Landschaftsaquarellen von Adolf Hitler nicht anders. Dennoch beschlagnahmte die Polizei nach einer Strafanzeige, die eingegangen war, die Bilder, weil der begründete Verdacht besteht, dass es sich um Fälschungen handelt.

"Wir haben uns die Berliner Bilder auf Anfrage des Landeskriminalamtes angesehen. Die Signatur hat sich mit keiner aus dem Werkverzeichnis gedeckt. Auch stilistisch sind Teile der Bilder weit weg von dem, was man Hitler einigermaßen sicher zuschreiben kann", erklärt Stephan Klingen vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München.

Stochern im Nebel

Original oder Fälschung? Wirklich sicher, so der Experte sei da gar nichts. Ein Stochern im Nebel. Weil Hitler, der bekanntlich an der Wiener Kunstakademie abgelehnt wurde, nur ein mäßig begabter Maler ohne wirklich eigenen Stil war, konnte (und kann) man seine Werke wohl relativ problemlos kopieren — was schon zu seinen Lebzeiten vielfach geschah. Seine Signatur setzte er zudem höchst variantenreich unter die Bilder. Das belegt eine Beispielseite in dem von Billy F. Price 1983 angefertigten Werkverzeichnis mit insgesamt 723 Arbeiten Hitlers, das Beispiele in Druckschrift und Schreibschrift, kaum lesbar Geschwungenes und sachlich-klar gezogene Buchstaben zeigt.

Gutachten wie die des Handschriftenexperten Frank Garo, der Expertisen sowohl für die Berliner wie für einige Nürnberger Bilder abgegeben hat, stehen somit wohl eher auf tönernen Füßen. "Seriöse Werkverzeichnisse macht man nicht mit graphologischen Gutachten", so Klingen.

Wie viele Bilder Hitler wirklich gemalt hat, weiß niemand. "Was auch daran liegt, dass er spätestens ab 1938 versucht hat, die Sachen einzufangen, aufzukaufen, unter Verschluss zu nehmen oder zu vernichten. Die Organisation dafür hatte Albert Bormann," sagt Klingen. Damit wollte Hitler wohl zum einen Fälschern die Basis entziehen und den Kult um seine Bilder eindämmen.

"Er war mit seinen frühen künstlerischen Ambitionen selber nicht mehr zufrieden", sagt Klingen und sieht einen Grund dafür in der Kunstsammlung, die Hitler aufgebaut hat und die ihm vielleicht die eigenen künstlerischen Grenzen aufgezeigt habe. Die meisten der sogenannten Hitler-Werke seien deutlich vor seiner Zeit als "Revolutionsführer", Reichskanzler und Verantwortlicher für den Holocaust in den Jahren von 1910 bis 1918 entstanden. Den Bildern gesteht der Experte weder eine zeithistorische noch große künstlerische Bedeutung zu.

Der Handel damit ist nicht verboten. "Das ist keine Frage des Rechts, sondern der Moral", so Klingen, der keine vergleichbar umfangreich bestückte Auktion wie die Nürnberger kennt. Weidler sagt dazu: "Wir betreuen das malerische Erbe des frühen 20. Jahrhunderts, das leider nun einmal da ist. Es ist nicht unser Hauptbetätigungsfeld, und macht nur einen kleinen Teil unseres Geschäfts aus". Bei der "Vielzahl der subjektiven Meinungen über die Echtheit von Bildern" müsse man als Auktionshaus "neutral bleiben". Dass die Berliner Bilder Fälschungen seien, sei nicht bewiesen. Die Untersuchungen laufen.

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Wie Hitler die Nürnberger Oper verschandeln ließ

Im Jahr 1935 ging es der erst 30 Jahre alten Spielstätte unter den Augen Adolf Hitlers an den Kragen. Bis heute sind die Auswirkungen von dem, was Architekt Paul Schultze-Naumburg mit dem Umbau anrichtete, zu spüren. Denn vom einstigen Prunk und Stuck im Jugendstil ließ er nicht viel übrig.


2005 wurde bei Weidler das erste Hitler-Bild mit dem Titel "Bergaden hoher Göll" versteigert, das nun — weil der damalige Käufer aus Nürnberg verstorben ist — wieder in der Auktion ist. Die umfasst auch Antiquitäten und Einrichtungsgegenstände aus dem ehemaligen Besitz Hitlers — darunter ein Korbstuhl, eine Prunkvase von Meissen mit einer Darstellung der Gorch Fock und eine Tischdecke.

Skalp oder Reliquie

Der ganze Kunstmarkt boomt, auch der mit Hitler-Werken. "Die großen Sammler, die viel Geld für solche Sachen bezahlen, sitzen überwiegend nicht in Deutschland", sagt Klingen. Vor allem in Amerika und England würden hohe Preise für Hitler-Bilder bezahlt — egal, ob sie echt oder falsch sind. Mit immer größerem zeitlichen Abstand, so der Experte, steige der auratische Charakter der Objekte. Für 100 000 Euro wurde im Auktionshaus Weidler 2015 ein Neuschwanstein-Bild Hitlers von einem Kunden aus China ersteigert, 130.000 Euro brachte ein Bild mit erhaltener Original-Quittung von 1916.

"Wichtig ist, dass die Dinge irgendwie in Verbindung mit Hitler gebracht werden. Wie seriös das ist, scheint die Käufer dann nicht zu scheren", sagt Klingen und erklärt: "Die Objekte sind für den Käufer entweder ein Skalp oder eine Reliquie." Soll heißen: In den angloamerikanischen Ländern hängt man sich den Skalp — in dem Fall das Bild — des Feindes, den man besiegt hat, gerne an die Wand. Wer dagegen latente Verehrung für Hitler verspüre, für den seien solche Werke eine Art "Berührungsreliquie" aus der Hand des "Führers". "Man kann auf dem Markt die unappetitlichsten Dinge erstehen — vom Panzer über Hermann Görings Unterhose bis hin zu dem Strick, an dem man Martin Bormann aufgehängt hat", so der Münchner Experte.

Im Katalog zur Nürnberger Auktion heißt es: "Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass diese Objekte ausschließlich zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, des wissenschaftlichen Studiums oder der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens verwendet werden dürfen." Damit, so Klingen, versuche man sich abzusichern. Und suggeriere, dass die Werke zur Aufklärung zeitgeschichtlicher Fragen geeignet sind. "Das kann man natürlich in hohem Maße bezweifeln. Denn natürlich zielt eine derartige Auktion auf den Devotionalienmarkt. Auf nichts anderes." 

Birgit Ruf

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